Aufnahme: 2016

Rotkehlchen am Pleisbach - Das Rotkehlchen — Vogel des Jahres 1992

Wir, die Rotkehlchen, sind dazu auserwählt worden, die Vogelwelt 1992 zu repräsentieren. Darum gebührt uns in diesem Jahr der Titel „Vogel des Jahres". Warum uns diese Ehre zuteilwurde, darüber möchten wir später etwas sagen. Zuerst wollen wir uns vorstellen. Sie meinen, das sei nicht nötig, wo wir doch so bekannt sind. Aber, haben Sie und wirklich schon einmal genauer angesehen? Sicher ist Ihnen dann aufgefallen, daß wir nicht nur eine rote Kehle haben. Was unsere Verwandten, die Schwarz- und Braunkehlchen betrifft, so kann jedermann bezeugen, der sie einmal betrachtet hat, daß nur ihre Kehlen schwarz bzw. braun gefärbt sind. Jedoch bedecken die roten Federchen bei uns auch noch Brust und Stirn. Das Rückengefieder ist bräunlich, schimmert aber ins Olivgrüne über. Im Anschluß an das Rot der Brust ist die Unterseite hell gefärbt. Wir tragen — ob Männchen oder Weibchen — die gleichgefärbten Federkleider.

Haben Sie auch schon mal festgestellt, was für große, schöne und dunkle Augen wir haben? Sie ermöglichen es uns auch noch beim Dämmerlicht Futter zu finden. Von der Gesellschaft unserer nächsten Verwandten halten wir nicht viel, wir leben lieber jeder für sich allein. Wer uns näher kennt, weiß, daß wir zänkisch und aggressiv sind. Wenn uns etwas in die Quere kommt, dann schimpfen wir laut und heftig. Die Ornithologen nennen das Zetern oder Schnickern. Nett findet es aber ein jeder, wenn wir immer wieder mit unseren Beinchen knicksen. Allerdings im Frühling, wenn es um den Nachwuchs geht, dann akzeptieren wir unsere Partner. Obwohl wir zu den sogenannten Erdsängern gehören, fliegt das Männchen dann in die hohen Baumkronen und gibt mit seinem schönen Gesang laut schmetternd bekannt, daß dieses Revier schon besetzt ist.

Wie es sich für Erdsänger gehört, wird das Nest auf der Erde oder nur wenig über dem Boden angelegt. Vorbedingung ist, es muß eine kleine Höhle unter einer Baumwurzel, an einem Hang oder in einer Mauer vorhanden sein. Die Außenhülle wird aus grobem Material gefertigt, aber innen ist das Nest mit feinen Härchen und Federchen ausgestattet. Die Eier, fünf und manchmal einige mehr an der Zahl, sind auf hellem Grund rotbraun betupft. Bei uns ist die Frau allein für den Wohnungsbau zuständig und auch für das Ausbrüten der Eier. Dreizehn bis vierzehn Tage braucht sie dazu. Dafür fällt dem Mann in dieser Zeit die Aufgabe zu, sie mit den besten und nahrhaftesten Happen zu versorgen. Wenn das Weibchen bei der zweiten Brut wieder auf dem Nest sitzt, versorgt das Männchen noch, wenn nötig, auch die Kinder aus der ersten Brut. Wir Kleinvögel müssen ja für viel Nachwuchs sorgen, denn die Kindersterblichkeit liegt bei uns sehr hoch.

Unsere Kinder, die müßten Sie mal sehen: allerliebste kleine Pummelchen sind es. Doch nach 14 Tagen wollen sie nicht mehr im Nest bleiben, obwohl sie dann noch nicht fliegen können. Wenn die am Boden herumhüpfen und schon nach kleinsten Insekten suchen, sind sie durch ihr erdbraunes, leicht hell geflecktes Gefieder gut getarnt. Ja, Insekten mögen wir, gern, sie sind unsere Hauptnahrung. Wir nehmen auch Beeren, doch die Kerne der Früchte geben wir wieder ungenutzt von uns. Die Früchte des Pfaffenhütchen werden sogar Rotkehlchenbrot genannt.

Leider müssen wir aber annehmen, daß wir bei vielen Menschen nicht sehr willkommen sind. In den pflegeleichten Gärten mit den geschorenen Rasen und den Nadelgehölzen gibt es eben kein Falllaub mehr, also keine Blätter, die wir herumdrehen könnten, um nach Nahrung zu suchen. Unsere Freunde, die Nachtigallen, die auf Gärten und Parks mit altem Laub noch mehr angewiesen sind als wir, beklagen das schon lange. Letzthin sagte noch eine Nachtigall zu uns: Ich verstehe die Menschen nun wirklich nicht. Da sagen sie, wir würden so schön singen und sie liebten unseren Gesang und dann vernichten sie aus Ordnungssinn, wie sie sich ausdrücken, unsere Lebensräume und wir können keine Kinder mehr aufziehen.

Von weiten Reisen, wie sie zur Winterszeit in manchen Vogelkreisen Sitte sind, halten wir nichts. Mehr aus Entgegenkommen für unsere im Norden lebenden Verwandten machen wir uns zum Teil im Herbst auf den Flug und ziehen eine Strecke in südliche Richtung, damit sie hier bei uns den Winter unbeschadeter überstehen können. Daher nennt man uns Teilzieher. Warum wir Rotkehlchen zum Vogel des Jahres 1992 gekürt worden sind, mag manchen erstaunen. Wurde doch in den vergangenen Jahren meistens den Vögeln der Vorzug gegeben, die vom Aussterben bedroht sind, was man von uns ja nicht sagen kann. Aber finden Sie nicht auch, daß wir Rotkehlchen hübsch und attraktiv sind? Ja, wir sind bekannte Persönlichkeiten und darum wurden wir ausersehen, 1992 als Botschafter für den Schutz der Natur zu wirken. Aber wie können wir etwas bewirken, wenn Sie nicht alle den festen Willen haben mitzuhelfen?

Doch ehe wir unser Anliegen näher erläutern, soll von dem Goldhähnchen die Rede sein, welches im Herbst auf einer Wiese bei einem Haus gefunden wurde. Wir kannten es gut. Im Sommer hatte es sein Nest hoch oben in der Fichte, wo wir unter dem Wurzelstock unsere Kinderstube eingerichtet hatten. Nun lag es da auf der Seite, die Beinchen von sich gestreckt. Alle Bemühungen sich aufzurichten waren vergebens. Hilfreiche Hände nahmen es auf und brachten es zu einer Pflegestelle. Dort wurde festgestellt, es war eine Vergiftung, die sich so auswirkte, und die Leber war auch angegriffen. Nach einer Behandlung mit Vitaminen wurde es gesund und konnte wieder in die Freiheit entlassen werden. Ihm konnte geholfen werden, aber wie viele Tiere draußen in der Natur gehen auf diese Weise qualvoll zugrunde.

Hiermit wollen wir Ihnen mal sagen, wie schlimm das Gift für die freilebende Tierwelt ist, welches immer wieder in der Landwirtschaft, in den Gärten und den Haushalten verwandt wird, aber auch letztendlich für die Menschen selbst. Alles wird mit Giftstoffen verseucht, ob es die Erde oder das Wasser ist, und gelangt auf diesem Weg auch in die Nahrung. Und wie sieht es mit gesundem Trinkwasser aus? Auch die Luft wird durch die Anreicherung der Schadstoffe nicht besser. Da rauchen die Schornsteine in den Himmel und dazu kommen die Auspuffgase der vielen Autos.

Und dann ist da noch die sinnlose Zerstörung der Landschaft. Keine Brache, kein Feuchtgebiet, und mag es noch so klein sein und im Ablauf des Naturgeschehens doch viele Aufgaben haben, wird schließlich vom nur Wirtschaftsdenken nicht verschont und vernichtet. Dabei müßte doch ein jeder bedenken und erkennen, wie notwendig gerade heute naturbelassene Ruhezonen in der Landschaft sind. Aus den Medien kann man täglich über Naturzerstörungen erfahren. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Wir Rotkehlchen bitten und hoffen, daß Sie alle in Zukunft etwas behutsamer und vor allen Dingen verantwortungsbewusster mit der Natur umgehen.

Tieraufnahme aus der Umgebung von Oberpleis.

Quelle
Bericht: Gertrud Müllenholz, Siebengebirgs-Zeitung Nr. 11 vom 12.03.1992;
Zur Verfügung gestellt von
Helmut Heintges: Foto Das Rotkehlchen - Das Rotkehlchen bei www.deutsche-vogelstimmen.de
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