Aufnahme: 1977
Die Buchfinken
Es wäre wohl müßig, die Buchfinken nach ihrem Aussehen zu beschreiben, denn jedermann kennt sie ja: ihn, den Buchfinkenmann, in seinem bunten Federkleid, und dazu das schlicht gefärbte Weibchen. Beide kann man beim Flug gut an der doppelten weißen Flügelbinde erkennen.
Sie sind in ganz Europa zu Hause. Den Gesang dieser Vögel kannte ich schon als Kind. Mein Vater sagte bei Spaziergängen oft: "Hörst du, da ruft er wieder: Philepp, Philepp, wels du met en et Wietshus john?" Später habe ich dann noch einen anderen Reim auf seinen Gesang gelernt, der lautet: „Bin ich nicht ein schöner Bräutigam?"
Wer ein Buchfinkenmännchen beobachten kann, wird feststellen, daß sein Gefieder im Frühling zur Brutzeit viel leuchtender ist als sonst das Jahr über. Es ist darauf zurückzuführen, daß nach der Mauser die Federspitzen zuerst nicht so leuchtende Farben - bei manchen Vogelarten sogar andere Farben - haben. Man spricht dann von einem Vogel im Schlichtkleid. Ich beobachtete einmal ein Buchfinkenmännchen in seinem Hochzeitskleid, als es seinem Weibchen schöntat. Es wendete und drehte sich nach allen Seiten, streckte den rechten Flügel weit aus und beugte sich zu der rechten Seite nieder; dann wiederholte sich das Spiel zur linken Seite hin, und dabei leuchteten die Farben seines Gefieders im Sonnenschein, daß es eine Pracht war.
Das Buchfinkenweibchen muß, mit ganz wenigen Ausnahmen, sein Nest allein bauen. Es tut dies für die erste Brut sehr früh im Jahr, meist ehe die Bäume ausschlagen. Sind alle Vogelnester schon kleine Wunderwerke, so sind manche Buchfinkennester von besonderer Schönheit. In Gabelungen von Bäumen legen sie sie an, und zwar so, daß sie kaum zu sehen sind. Die Außenhülle des Nestes besteht aus Moos und ist meist mit Baumrinden und Flechten verarbeitet. In jedem Fall sind sie immer der Umgebung gut angepaßt. Ich konnte vor Jahren einmal eine Buchfinkin beim Nestbau beobachten. Sie baute in einem Ilexstrauch, dessen grüne Blätter weiße Ränder hatten. Und was tat sie? Sie flocht zwischen das grüne Moos weiße Papiertaschentücher in Streifen ein.
Buchfinkeneier, von denen ein Gelege meist 5-6 Eier umfaßt, können farblich sehr unterschiedlich sein: graublau bis rötlich braun; meistens sind sie grob gefleckt, aber es gibt auch einfarbige.
Da Buchfinken manchmal nur mit Männchen oder Weibchen in Schwärmen zusammen sind, hat man ihnen in früherer Zeit den Namen Fringilla coelebs gegeben, was auf Junggesellendasein (Zölibat) hinweisen soll.
Gertrud Müllenholz
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