Aufnahme: 1977
Der Zaunkönig
Wer kennt ihn nicht, den Zaunkönig. Diesen kleinen braunen Gesellen, wie er so mit seinem kurzen, hochgestellten Schwänzchen unten in den Büschen herumhüpft.
Die Fabel erzählt: Als die Vögel sich einen König wählen wollten, sollte der König werden, der am höchsten fliegen konnte. Da dieses kleine Vögelchen wohl die Absicht, aber keine Aussicht hatte, zu dieser Würde zu gelangen, schlüpfte es in das Gefieder eines Adlers. Als dieser, wie zu erwarten war, als einziger hoch oben in den Lüften schwebte, kam der kleine Vogel zum Vorschein, stieg noch etwas höher und rief: „König bin ich." Die anderen Vögel waren ob soviel Dreistigkeit so erbost, daß sie ihn ins untere Gestrüpp verjagten und ihm den Namen Zaunkönig gaben.
Aber jeder dieser kleinen Zaunkönige versteht es in seinem Königreich zu regieren. Sollte ein Zaunkönigmännchen sich in das Revier eines anderen Zaunkönigmännchens wagen, wird es mit Schimpf und Schande vertrieben. Anders ist es, wenn ein Zaunkönigweibchen kommt, dann tut er ihr schön und lädt sie ein, seine Wohnungen in Augenschein zu nehmen. Denn der Herr Zaunkönig richtet in seinem Revier mehrere Wohnungen ein. Er trägt Moos und Flechten, hier in eine Mauernische, dort in einen Reisighaufen, in eine niedrige Höhle in einem Baumstamm oder in das Dickicht am Erdüberhang zur Seite eines Ufers - kurz, wo es ihm paßt, richtet er eine Wohnung ein. Gefällt nun einem Weibchen eine solche Nistgelegenheit, trägt es selbst noch Wolle, Haare und Federehen ein und polstert damit das Nest. Ist das Gelege, welches 5 bis 10 kleine, weiße rostig gefleckte Eier umfaßt, vollzählig und sitzt das Weibchen auf dem Nest, hält der Herr Zaunkönig Ausschau nach einer zweiten Frau. Es ist ja bekannt, daß kleine Vögel für mehr Nachkommenschaft sorgen müssen, als dies bei großen, lang lebenden Vögeln der Fall ist.
Seiner Würde als König gerecht werdend, baut der Zaunkönig seine Nester groß und mächtig. Die Nester, die nicht als Brutnester gebraucht werden, nennt man Spielnester. Sie werden von den Männchen und jungen Zaunkönigen bei Wetterunbill und nachts als Unterschlupf gebraucht. Wenn die Jungen geschlüpft sind, entpuppt sich das Zaunkönigmännchen als guter Vater und beteiligt sich aufopfernd an der Aufzucht seiner Kinder. Übrigens: Der wissenschaftliche Namen der Zaunkönige „Troglodytes troglodytes" kommt aus dem Griechischen und heißt soviel wie Höhlenbewohner.
Seine Keckheit hat der kleine Vogel, der absolut König werden wollte, nicht verloren. Obwohl er dazu verurteilt worden ist, in Bodennähe zu wohnen, trägt er seinen Gesang so quicklebendig und lauthals und mit einer Lebensfreude vor, daß es eine Freude ist, ihm zuzuhören.
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