Aufnahme: 1976
Der Haussperling
Unser Haus ist aus Backstein und hat viele Löcher und Spalten, in denen Spatzen und Stare Brutmöglichkeiten haben. Den ausgiebigsten Gebrauch von diesem Angebot machen die Haussperlinge. Alle Leute kennen ja unsere „ Möschen"; aber hier und da ist vielleicht: jemand, dem die Farbmerkmale des Kopfgefieders der Haus- und Feldsperlinge nicht so bekannt sind. Bei den Feldsperlingen haben beide Geschlechter eine braune Kopfplatte, einen weißen Halslatz und in dem Weiß der Bäckchen haben sie einen kleinen schwarzen Strich wie ein Häkchen. Die Geschlechter bei den Haussperlingen sind nicht gleich gefiedert. Die Männchen haben einen grauen Scheitel, der braun eingefaßt ist und einen braunen Nacken. Außerdem einen schwarzen Hals-Brustlatz und weißliche Backen. Die Weibchen sind oben bräunlich und unten schmutzig weiß gefärbt. Gerade wo ich diese Zeilen schreibe, setzt sich ein Hausspatzenherr - ich kann ihn an seinem großen schwarzen Latz bestens erkennen - in die Zweige des Baumes vor meinem Fenster und schaut zu mir herein. Schon das aufmerksame Herblicken kennzeichnet ihn als Angehörigen eines intelligenten Vogelvolkes.
Wären die Spatzen nicht so intelligent und anpassungsfähig, aber auch mißtrauisch, wären es nicht die Allerweltsspatzen. In allen Erdteilen sind sie zu Hause. Mit viel Geschick lockt nun der Spatzenmann das kleine Spatzenkind, das futterheischend draußen auf der Fensterbank sitzt, zu sich in den Baum. Für das Spatzenjunge war ich nicht zu sehen, weil die Gardine das geschlossene Fenster bedeckte. Ich habe mich schon daran gewöhnt, daß die Spatzeneltern morgens ihre Kinder vor meinem Fenster füttern. In aller Frühe geht das Schilpen, wie man den Spatzenruf nennt, schon los. Im letzten Sommer hatte sich eine Spatzenmutter mit ihrem Füßchen im eigenen Nistmaterial einer aufgelösten Kordel, unter dem Dachsims verfangen. Es war eine schlimme Situation für den kleinen Vogel, aber wie konnte ich ihm helfen? Ich habe dann einen langen Stecken genommen, darauf einen Nagel eingeschlagen und konnte so aus dem Fenster gelehnt in mühevoller Arbeit durch Aufreißen der einzelnen Kordelbestandteilen den Vogel aus seiner mißlichen Lage befreien. Gertrud Müllenholz
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