Aufnahme: 1976
Der Mauersegler
Es gibt keine Vogelart, an deren Ankunft im Frühjahr, Dasein in den drei Sommermonaten Mai bis Juli und Abflug in den letzten Juli- oder ersten Augusttagen: meine Angehörigen soviel Anteil nehmen, wie an den Mauerseglern. Sie brüten nämlich an der unteren Dachkante unseres Hauses. Sie sind aber auch eine besondere Vogelart und verdienen deshalb durchaus diese Beachtung. Wie wohl keine anderen Vögel unserer Breiten sind sie in der Luft daheim. Selbst nachts, so hat man festgestellt, sind große Schwärme von ihnen in den Lüften, suchen also keine Plätze zum Ausruhen auf. Sie leben von kleinen Insekten, dem Plankton der Luft. Plankton sind kleine und kleinste Lebewesen, die schwebend von der Luftströmung getragen werden. Wenn die Mauersegler brüten, kommen manchmal welche aus ihren Nestern zu uns auf den Trockenboden gekrochen. Wir sorgen dann immer dafür, daß sie wieder an die frische Luft kommen. Irgendwie finde ich es rührend, wenn diese unruhevollen Vögel sich über längere Zeit in eine warme Hand kuscheln. Ich habe öfter welche in meiner Hand gehabt und konnte sie somit gut betrachten. Ihr grauschwarzes Gefieder fühlt sich an wie Flaum. Als einzige helle Stelle in ihrem Federkleid haben sie einen schmutzigweißen Kehlfleck Der Schnabel ist sehr klein, der Mundspalt aber groß. Die scharfen Krallen an den kurzen Beinchen ermöglichen es ihnen, sich an Hauswänden und steilen Felsen anzuklammern. Zum Abflug stoßen sie sich von erhöhten Stellen ab, denn auf dem flachen Boden sind sie sehr hilflos.
Einige Halme, die sie beim Fliegen in der Luft erhaschen können und mit Speichel zusammenkleben, bilden das Nest. Die Jungen werden nicht, wie das bei den anderen Vögeln der Fall ist, in kurzen Abständen gefüttert, sondern nur einige Male am Tag wird ihnen ein Futterballen, der aus mehreren hundert Insekten besteht, verabreicht. Kalte, nasse Sommertage bedeuten den Tod für manche dieser Vögel. Sie versuchen dem auszuweichen, indem sie oft hunderte von Kilometern in Zonen fliegen, wo besseres Wetter herrscht, um dort Nahrung aufzunehmen. Obwohl sie den Schwalben ähnlich sehen, wenn sie mit ihren langen, sichelförmigen Flügeln eilend die Lüfte durchfliegen, gehören die Mauersegler nicht zur Familie der Schwalben. Sie können mit ihren kleinen Schnäbeln kaum das Gefieder putzen und sind sehr von Parasiten befallen, die sie wohl manchmal sehr quälen und von ihrem Lebenssaft mit zehren. Gewöhnlich sind die Mauersegler Ende April aus dem Süden zurück. Im letzten Jahr kamen sie sehr spät an. Es war am 8. Mal genau um 19 Uhr - wir waren gerade beim Abendbrot -, als vier von ihnen mit lautem "Srisri" in wilder Jagd unser Haus umflogen. Sie freuten sich sicherlich, ihren Brutplatz wohlbehalten erreicht zu haben, und wir freuten uns, daß sie nun wieder für einen kurzen Sommer unsere Gäste sein werden.
Gertrud Müllenholz
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