Aufnahme: 1976
Die Amsel
Es war in den letzten Februartagen, als ich morgens in der Frühe, kurz nach 5 Uhr, eine Amsel hörte, die sich mit den ersten Tönen ihres Gesangs versuchte. Da kam mir die Idee, den Lesern der Siebengebirgs-Zeitung etwas von den Vögeln zu erzählen, die das Leben zwischen den Häusern mit uns teilen. Weil nun die Amsel den Anstoß dazu gegeben hat, soll sie auch der erste Vogel sein, von dem ich erzähle: Die Amseln -wer kennt sie nicht? Er, im schwarzen Federkleid, mit dem goldgelben Schnabel und den goldgelben Augenringen; sie, schlicht braun schwarz gefiedert, mit dunkelbraunem Schnabel. Sie gehören zur Familie der Drosseln. Vielleicht ist das Lied „Amsel, Drossel, Fink und Star" daran schuld, daß fast alle Leute glauben, die Amseln seien eine eigene Familie.
Der Verfasser des genannten Liedtextes muß wohl im hohen Norden gewohnt haben, denn in unserer Heimat verlassen uns Amsel, Drossel, Fink und Star im Winter nicht oder nur teilweise. Manchmal ziehen Sie auch nur ein kleines Stück nach Süden, während dann aus nördlichen Gegen den andere zu uns kommen. Doch nun wieder zu den Amseln. Sie werden im Volksmund bei uns „Meerle" genannt. Das läßt sich von dem wissenschaftlichen (lateinischen) Namen „Turdus merula" ableiten. Kommen wir aber in den Westerwald, so heißen unsere Meerle, Anspel, Unspel, Ospel oder Uspel. Die Amseln haben keine speziellen Nahrungsansprüche. Deshalb können sie sowohl im Wald wie auch bei uns Menschen in den Wohnsiedlungen leben. Sie bauen ihre Nester in Bäumen, Sträuchern und auch an Häusern.
Einmal beobachtete ich eine Amsel bei wolkenbruchartigem Reigen. Sie hatte ihr Nest ausgerechnet an die Stelle gebaut, wo zwei Dachrinnen zusammentrafen. So wurde die Amselmutter von einem anhaltenden Wasserstrom überflutet, blieb aber fest auf dem Nest sitzen. Von einer anderen Begebenheit weiß ich auch noch zu berichten: An einem Samstagnachmittag im letzten Sommer klingelten Nachbarn bei mir und sagten, ich müsse unbedingt ein mal auf die Straße kommen, da gäbe es etwas Interessantes zu sehen. Unter der Motorhaube ihres Wagens hätten sie ein Nest entdeckt. Und in der Tat war dort ein fertig gebautes Amselnest zu sehen, und in ihm lagen drei blaubraun gefleckte Eier. Wie war das nur möglich in einem Auto, welches jeden Tag gefahren wurde? - Mein Nachbar fuhr täglich morgens sehr früh nach Godesberg und stellte dort den Wagen immer an der gleichen Stelle auf einem großen Parkplatz ab. Dort muß die Amsel nun je den Tag unter die Motorhaube geschlüpft sein, das Nest gebaut und schließlich die Eier hineingelegt haben.
Wie ich jetzt eben vom Schreiben aufsehe, fällt mein Blick auf einen Amselherrn, der bei einer Amseldame Annäherungsversuche macht. Sie sitzen beide auf dem Leitungsdraht ca. zwei Meter auseinander. Er hüpft ein Stück auf das Weibchen zu, und sie rückt jeweils die gleiche Entfernung von ihm ab. So geht das eine Weile, bis es ihr zu viel wird und sie wegfliegt. Sie werden bald brüten, unsere Amseln, und in dem großen Nest, das sie bauen werden, liegen dann 4-6 Eier. Sie sind hellgrün bis hellblau gefärbt und haben unterschiedlich große, braune Flecken. Er wechselt nur gelegentlich mit ihr beim Brüten ab, doch allzu lange hält er es nicht auf dem Nest aus. Lieber setzt er sich in die Nähe des Nestes auf eine hohe Warte und singt sein Lied. Die Amseln gehören mit zu den besten Sängern unserer heimatlichen Vogelwelt, und es ist wirklich eine Erholung, nach des Tages Arbeit ihrem Gesang zu lauschen. Gertrud Müllenholz
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