Aufnahme: 1952

Die Blumenwelt in der Landschaft hinter den sieben Bergen

Einst und jetzt, Erinnerungen von Prof. Dr. Werner Heinen

"Wenn sich auch das Landschaftsbild von Oberpleis und den vielen Dörfern seiner Umgebung in den letzten zwanzig Jahren durch zahlreiche neue Häuser, Gärten und Straßen gewandelt hat, so bleibt doch so viel an Äckern und Wiesen, Wegrainen und Wäldern übrig, dass man eigentlich annehmen müsste, dort gäbe es noch die gleichen schönen Blumen wie vor sechzig Jahren. Und was vor hundert Jahren da war, das wuchs und blühte wahrscheinlich auch schon vor tausend und mehr Jahren. Aber leider ist es doch nicht so. Und es lohnt sich wohl, in dieser Zeitung für die Heimat, in der so viele menschliche Erinnerungen an alte Zeiten wieder aufleben, auch einmal an die schönen, stillen Kinder der Natur zu denken.

Da gab es in den Wäldchen und Baumgruppen von Eisbach und am Lützbach einst die wundervollen Akeleien. Heute sind sie in den Vorgärten beliebt. Aber es sind nicht die eigentlich echten, wenn sie als Gartenblumen auch prächtiger aussehen,ebenso wie anderswo die wilden Alpenveilchen viel lieblicher und duftender sind als die aus den Gewächshäusern. In dem Waldstück auf dem Hartenberg und so vielen anderen verborgenen Stellen bis zum Siebengebirge blühte oft schon im Februar ein seltsamer kleiner Giftstrauch, dessen purpurrote Blüten einen süßen, fast betäubenden Duft ausströmten, und der dann im Sommer korallenrote Beeren trägt. Es war der Seidelbast. Er wird auch, weil die pfefferartigen Beeren im Halse kratzen, mit einem weniger schön klingenden Namen als Kellerhals bezeichnet. Das „Keller" kommt aus dem Mittelhochdeutschen, der Zeit der Kreuzzüge, und heißt soviel wie Quälen. Auch „Seidelbast" hat mit Seide nichts zu tun, sondern mit Zeidler, wie früher die Imker genannt wurden.

Er muss als erste Bienenweide früher weit verbreitet gewesen sein. Denn der mittelalterliche Mensch betrat den Wald auch nur zum Holzschlagen, Kohlenbrennen und zur Jagd. Der Wald war ihm unheimlich. Man denke nur an Rotkäppchen, Hänsel und Gretel und Schneewittchen. Wissenschaftlich heißt er Daphne, das griechische Wort für Lorbeer, weil seine Blätter dem Lorbeer ähnlich sind. Ein besonderes Blumenrevier war zu Zeiten die obere Hardt. Der Wald zog sich von Herresbach bis Pützstück beinahe bis nach Sand und stand in unmittelbarer Verbindung über Bennerscheidt, das Dollscheidt, mit dem lustigen Haus Neuglück, kaum durch einzelne Dörfchen unterbrochen, in Verbindung mit der Mußer Heide und dem Waldgebirge der Honnefer und Linzer Berge.

Ein Glück, dass aus der Zeit der Romantik der „Verschönerungsverein" des Siebengebirges entstand. Der alte Herr von Nasse und seine Freunde Dechen und Bachem konnten zwar das Siebengebirge nicht verschönern, aber durch klug angelegte Wege und Aufstellen von Ruhebänken dem Wanderer und Naturfreund aufschließen. Aber was wäre aus dem Siebengebirge geworden, wenn es diesen Verein nicht gegeben hätte? Freilich ist die Wolkenburg eine geographische Ruine, der Stenzelberg eine Trümmerstätte der Urzeit und der Basaltsteinbruch im Weilberg zu einem geologischen Museum geworden. Aber eben durch diese Opfer ist das Gebirge im Grunde genommen so aufgeschlossen worden wie die uralte Stadt Köln durch die Grabungen nach der Zerstörung des zweiten Weltkrieges. Doch ohne den Verschönerungsverein gäbe es schon lange keinen Oelberg mehr, keinen Lohrberg und keine Löwenburg und auch keinen Drachenfels. Sie wären zu Schutthaufen der finanzstarken Basaltindustrie geworden wie der Asberg, der Düsternich und der einst den Ölberg überragende Hummelsberg.

Aber die hintere Hardt war damals noch ein Blumenparadies, denn es gab kurz vor Sand zahlreiche sumpfige Stellen. Dort blühte in Mengen die einzige Form des Enzians, die nicht auf Kalkboden gedeiht, der Lungenenzian. Die hochaufschießende Pflanze rollt ihre Blütenkelche am Abend zusammen, so dass sie nur der Kenner ausmachen kann. Aber am Vormittag entfaltet sie ihre blauen goldpunktierten Blütenkelche. Und auch auf anderen Lichtungen gab es sie damals massenhaft. Ebenso häufig blühte auf der oberen Hardt die Arnika montana, das Bergwohlverleih. Diese wunderschöne Körbchenblume blühte oft schon von Ende Mai bis Ende August Wie ihre meisten Verwandten strömt sie nur einen etwas bitteren Duft aus. Umso prachtvoller sind dann die tiefgoldgelben Randblüten.

Da diese Blume so schön ist und seit altersher als Heilkraut bekannt, ist es kein Wunder, dass sie heute so selten geworden ist und daher unter Naturschutz steht. Man kann die wirksamen Stoffe durch Alkohol ausziehen und so eine Tinktur gewinnen. Daher wird sie im Volksmund auch Apothekerblume genannt. Jedoch muss man vorsichtig mit ihr umgehen, weil sie schwach giftig ist. Stärker giftig sind die damals noch zahlreichen, in feuchten Gebüschen vorkommenden Blüten des Aronstabs, der nach dem Verblühen auch korallenrote Beeren trägt. Wunderschön war auch das in den Wiesen von Ittenbach zu findende Herzblatt, wissenschaftlich Parnassia genannt, nach einem gewaltigen Berg, auf dem die Dichter der Griechen nach ihrem Tode versammelt wurden. Die Pflanze trägt über einem einzigen Laubblatt, wenn man von der Rosette absehen will, die sich wie bei Vergissmeinnicht und Gänseblümchen über dem Erdboden ausbreitet, eine wunderbar weiße Blüte, daher heißt sie auch Studentenrösdien. In den Talwiesen blühten allenthalben im Mai und Juni die verschiedensten Knabenkräuter: das purpurne, das gefleckte, das so genannte männliche und viele andere.

Obwohl sie nicht alle unter Naturschutz stehen, sind sie fast verschwunden und zwar durch die chemische Düngung, wie auch die Kuckuckslichtnelke, der Wundklee und der rosa Hauhechel. Sie fristen noch an den Wegrainen ein kümmerliches Dasein. Aber im Wald, besonders auf dem Hühnerberg, gab es eine seltene, heute unter Naturschutz stehende echte Orchidee, die herrlich duftende Kukkucksblume Plantanthera, die aber im Volksmund auch als Waldhyazinthe bezeichnet wird. Auch der Feldrittersporn war früher häufig zu finden. Jedoch die Begleitflora der Getreidefelder, fälschlich als Unkraut beschimpft, ist weithin verschwunden. Echte Unkräuter sind etwa Windhalm, Distel und strahllose Kamille. Aber wo sind die anderen geblieben? Der rote Mohn, die blaue Kornblume, die schöne violette Kornrade?

Das schönste Paradies seltsamer Pflanzen war einst die Mußer Heide mit ihren da und dort moorigen Stellen. Im Heidebereich gab es Wacholder und Preiselbeeren, in den Lichtungen die vierblättrige giftige Einbeere, an moorigen Stellen blühte der Sonnentau, auf dessen purpurnen Drüsenhaaren sich Fliegen und größere Insekten fingen, die dort verdaut wurden. Man kann sie nicht alle nennen, weder die verloren gegangenen noch die gebliebenen Blumen. Vielleicht blüht auf dem Petersberg noch der Lerchensporn. Auch die meisten Pilze sind verschwunden, die Pfifferlinge, der Steinpilz und das Rothäuptchen. Es hat keinen Sinn, eine Klage anzustimmen. Vielleicht werden manche Blumen sich einst da und dort wieder einfinden. Und wer ihnen begegnet, sollte sie stehen lassen und mit anderen Menschen sich an ihnen erfreuen."

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 43 vom 25. Okt.1969
Zur Verfügung gestellt von
Friedrich Müller Wikipedia informiert: Prof. Dr. Werner Heinen - Dr. Werner Heinen, eine Oberpleiser Persönlichkeit
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Flora und Fauna im Oberpleiser Hügelland Presseberichte Presseberichte 1 (bis 1989)
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