Aufnahme: 2024

Ob bei Bier, Wein oder Wasser Im „Zoll“ trafen sich – nicht nur - die Oberpleiser schon immer gerne

Die Oberpleiser sind ein geselliges Völkchen und daher verwundert es auch nicht, dass bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sechs gastronomische Betriebe im Ort zugleich existieren konnten. Einer davon war das Gasthaus „Zum alten Zoll“ in der Siegburger Straße 13. In welchem Jahr das Fachwerkhaus errichtet wurde, ist nicht genau bekannt; der Name ist wahrscheinlich auf eine frühere Zollstation zurückzuführen. Denn im Jahr 1291 wurde Oberpleis in einer Urkunde als Zollstätte der Kölner Erzbischöfe erwähnt. Als erste Eigner dieser Gast- und Schankwirtschaft werden in den 1830er Jahren Wilhelm Lichtenberg (1792 bis 1865) und seine Frau Anna Helene Gast aus Boseroth (1809 bis 1862) genannt. Sie hatten elf Kinder. Möglicherweise hat der 1841 geborene Sohn Wilhelm die Gaststätte vom Vater übernommen. Denn im Jahr 1910 heißt der Eigner Wilhelm II Lichtenberg. Dieser wird von den Oberpleisern „Zolls“ genannt, um ihn von seinen Geschwistern zu unterscheiden.

Ein Verwandter, Peter Lichtenberg, hatte 1883 in der Siegburger Straße 6 ein stattliches Geschäftshaus errichtet, um wieder (!) eine Gastwirtschaft, eine Bäckerei und ein Kolonialwarengeschäft zu betreiben. Diese Gastwirtschaft wurde allerdings um 1925 wieder geschlossen. Die große, weit verzweigte Oberpleiser Familie Lichtenberg war äußerst umtriebig und bewies neben der Führung mehrerer Gaststätten auch ihr Talent auf anderen Arbeitsfeldern. So verzeichnet beispielsweise ein Oberpleiser Adressbuch aus dem Jahre 1925 neben Wilhelm III Lichtenberg als Wirt in der Siegburger Straße 12 den Kaufmann Anton Lichtenberg in der Siegburger Straße 6 sowie den Wirt und Ackerer (Landwirt) Jakob Lichtenberg in der Dollendorfer Straße 27. Um die einzelnen Familien auseinander halten zu können, erhielten sie im täglichen Sprachgebrauch Beinamen wie „Köbes“ für die Familienangehörigen von Jakob Lichtenberg, „Zolls“ für die Sippe von Wilhelm Lichtenberg, „August“ für Elektro Lichtenberg, „Krings“ für Baumschule Lichtenberg und „Jupps“ für die Familie von Josef Lichtenberg, der von Wilhelm III den „Alten Zoll“ übernahm.

Die „Jupps“ hatten weitverzweigte wirtschaftliche Interessen und betrieben Gewerbe unterschiedlichster Art. Dazu gehörten neben dem „Alten Zoll“ eine Metzgerei in der Siegburger Straße, ein Fuhrunternehmen, ein landwirtschaftlicher Betrieb „Auf dem Eigenacker“ (an der Herresbacher Straße) und die Tongruben in Hasenboseroth und in der Lütz. Josef Lichtenberg und seine Frau Emilie hatten fünf Töchter (Wilhelmine, Agnes, Luise, Helene, und Amalie) und zwei Söhne (Adolf und Hans).  Adolf betrieb schon in den 1930er Jahren gemeinsam mit seinem Schwager Hermann Buchholz, der mit Wilhelmine verheiratet war, das Fuhrunternehmen, die Metzgerei und die Gastwirtschaft „Zum alten Zoll“. Auf der zur Gaststätte gehörenden Kegelbahn kegelten ab März 1938 jeden Mittwoch die Mitglieder des neu gegründeten Kegelclubs „Pleeser Jong“.

Im Zweiten Weltkrieg musste dieses Hobby vorübergehend ruhen. Doch nach Kriegsende traf man sich schon bald wieder auf der Kegelbahn des „Alten Zoll“. Um nicht zu frieren brachte jeder Kegelbruder zwei Briketts pro Abend mit. Die Kegelbahn befand sich in einem kleinen Saal. Und der geschäftstüchtige Hermann Buchholz sorgte dafür, dass dieser auch genutzt wurde, wenn die Kegelbahn nicht gemietet war.  Beispielsweise veranstaltete die 1952 gegründete Interessengemeinschaft für Handel, Handwerk und Gewerbe, eine Vorläuferin des Werbekreises, zu deren Gründungsmitgliedern auch Hermann Buchholz gehörte, 1954 nicht nur im Kinosaal Bellinghausen, sondern auch im keine 50 Meter entfernten Saal Buchholz eine große Weihnachtsausstellung.

Auch in der aus der Kolpingsfamilie entstandenen Narrenzunft Oberpleis engagierte Buchholz sich und so regierten Hermann und Wilhelmine Buchholz in Session 1960/61 sogar als Prinz Wilhelm I. und Prinzessin Miz I. die Pleeser Jecken. Die drei Söhne des Ehepaars – Dieter, Manfred, und Günter – hatten kein Interesse am „Alten Zoll“ und so übernahmen Wilhelmines Schwester Luise (Lu) und ihr Ehemann Peter Müller, ein gelernter Metzger, in den 1960er Jahren die Gastwirtschaft. In dieser Zeit fanden auch einige Umbauten statt; so wurde beispielsweise die Eingangstreppe zur Siegburger Straße abgetragen, um Fußgängern das Passieren zu erleichtern, und der Eingang zur Terrasse hin verlegt, wo auch Außengastronomie möglich war.

Für kurze Zeit wurde das Sälchen mit Kegelbahn, das sich an der der Siegburger Straße gegenüber liegenden Grundstücksseite befand – die Nichte Erika Lichtenberg erinnert sich: „Die Kegelbahn war jeden Tag vermietet.“ - „zweckentfremdet“: 1963 mussten die Kinder der evangelischen Volksschule, die auf dem Gelände des heutigen Busbahnhofs stand, wegen drohender Einsturzgefahr der erst fünf Jahre alten Schulräume umziehen. Am 24. Juni siedelten sie in das Sälchen Buchholz, wo es laut Aussage der Schüler nach Bier, Moder und Toilette roch. Ende der 1980er Jahre verschwand die Kegelbahn und der Saal wurde zu einer Bar umgebaut. In den 1970er Jahren übernahmen Marlies und Willi Gansen den „Alten Zoll“.

Hier fand auch am 4. November 1982 die Neugründungsversammlung der inzwischen eingeschlafenen Interessengemeinschaft Handel-Handwerk-Gewerbe statt, die zur Gründung des Werbekreis Oberpleis führte. Wenig später wurde das Haus an den Gastronom Konstantinos Karamanidis verkauft, der später den Thomasberger Hof übernahm. Danach wurde es mehrfach verpachtet. Am Kirchplatz kehrten früher die Oberpleiser Bürger gerne ein, erinnerte sich einmal der ehemalige Bürgermeister Peter Wirtz: „Oft schauten die Ratsmitglieder nach den Sitzungen noch auf ein Glas vorbei.“

Doch ab 2004 gab es keinen Betreiber mehr. 2014 kaufte die Wirtschaftsförderungs- und Wohnungsbaugesellschaft (WWG) der Stadt Königswinter das Fachwerkgebäude am Kirchplatz, ließ es aufwändig sanieren und machte aus der „Bruchbude“ wieder ein Schmuckkästchen. Drei Jahre lang war dann ab 2015 Doris Ledwig die Wirtin des „Weinhaus Alter Zoll“, bevor die gebürtige Argentinierin, Eventmanagerin und zudem examinierte Mineralwasser-Sommelière, Soledad Sichert 2019 den „Alten Zoll“ pachtete. Seitdem bietet sie dort gemeinsam mit Küchenchef Benito di Lorenzo eine breit gefächerte Gastronomie und kulturelle Events mit Musik und Vorträgen.

Der Alte Zoll ist somit das erste von einer Mineralwasser-Sommelière geführte Restaurant Deutschlands mit einer eigenen Wasserkarte. Dort gibt es über 400 Mineral-Wässer der ganzen Welt, die zwischen wenigen und 10.000 Euro je Flasche kosten. Wenn Küchenchef Benito di Lorenzo im Sommer 2026 in den Ruhestand wechselt, möchte Soledad Sichert das Lokal „in gute Hände“ übergeben. Bis dahin freut sie sich, wenn die Gäste sich mit „ihren schönsten Momenten hier“ im Gästebuch verewigen.

Zur Galerie – Alte Zoll Oberpleis – siehe Link unten.

Zur Verfügung gestellt von
Christa Gast: Firmengeschichte; Roman Oswald: Foto
Räume & Galerien
Gewerbe Straßen
Aufrufe
472

Etwas zu ergänzen?

Kennen Sie abgebildete Personen, das Jahr oder Hintergründe zu diesem Bild? Schicken Sie uns einen Hinweis – wir prüfen ihn und ergänzen das Objekt.