Aufnahme: 2024
Kaufhaus Dresen - das größte Kaufhaus in Oberpleis
Wer kennt noch das Kaufhaus Dresen, das mehr als 140 Jahre nicht nur das Ortsbild, sondern auch das wirtschaftliche Leben in Oberpleis geprägt hat? Im 11. Teil seiner „Jugend- und Schulerinnerungen“ in der Siebengebirgszeitung schrieb 1969 das Eisbacher Original Johann Bennerscheid:
„Im März dieses Jahres schloss nach über 150jährigem Bestehen eines der ältesten Oberpleiser Geschäfte, das Kaufhaus Dresen, seine Pforten. Damit verschwand wieder ein altes Stück Oberpleis. Die Familie Dresen übergab ihre Geschäftsräume, bis zum Heranwachsen der jüngeren Generation, der Siegburger Firma Hohage. Der Werdegang des Hauses Dresen ist mir bekannt und ich möchte ihn hier im Zuge meiner Jugenderinnerungen der Nachwelt überliefern. Im Jahre 1821 gründete der Weißgerber Bernhard Dresen aus der Wahlfeldermühle in Oberpleis eine Weißgerberei mit einem kleinen Haushaltswarengeschäft. Er war verheiratet mit Magdalene Bellinghausen vom Bellinghauserhof. Damals hieß es im Volksmund vielfach: „Im Weißgerbershus" statt Dresen.
In meiner Jugend wurde dieser Name noch viel von den alten Leuten gebraucht. Als Bernhard Dresen starb, erbte und vergrößerte sein Sohn Balthasar das Geschäft. Balthasar war ein urwüchsiger Oberpleiser und allgemein unter dem Namen „Ohm Baltes" bekannt. Baltes hatte auch die Genehmigung zum Schnapsausschank. Da sich diese Genehmigung aber nur auf den Stehausschank bezog, mussten die Gäste die „scharfen" Sachen stehend einnehmen. Beim „Ohm Baltes" ging es immer urgemütlich zu, besonders sonntags nach dem Hochamt, dann standen die Bauern um die große Korbflasche im Laden, diskutierten über Vieh- und Getreidepreise, auch schon mal über Politik und der Baltes schenkte ihnen dabei den Kornbranntwein aus. Es lag auf der Hand, dass diese Sitzungen, vielmehr „Stehungen" manchmal über Gebühr ausgedehnt wurden. So kam eines Montags eine Frau von Rübhausen in den Laden von Dresen und sagte: „Baltes, dohn mir es ene Schnaps." Nachdem die Frau den Schnaps getrunken hatte, sagte sie: „Jetzt kann ech och begriefen, weshalb menge Mechel gestern esu spät us der Humeß hemkohm, Baltes, schött mer noch enen." Dieser Ausdruck der Frau wurde damals zum geflügelten Wort, immer wieder hieß es: „Baltes, schött mer noch enen." Es war damals eine gemütliche Zeit.
Peter Dresen, der von seinem Vater Balthasar das Geschäft erbte, ist nicht alt geworden; ich habe ihn kaum noch gekannt. Seinen Bruder, den Ohm Bernhard, habe ich aber noch sehr gut in der Erinnerung. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er in der weißen Schürze hinter der Theke stand. Ohm Bernhard hat später in Altenkirchen selbständig ein Geschäft angefangen. Die Frau von Peter Dresen hieß Katharina geb. Thiebes. Sie war eines von den bekannten drei „Thiebesmädchen". Thiebes Griet (Frau Koch), Thiebes Trin (Frau Dresen) und Thiebes Fränz (Frau Müller). Frau Dresen war eine gute Geschäftsfrau. Von ihr erhielten wir Kinder, wenn wir etwas kauften, immer die großen gelben Honigkaramellen, die in einem großen Glas auf der Theke standen und von uns Kindern sehnsüchtig betrachtet wurden. Wenn ich auf dem Schulweg Ware mitbringen musste, teilte ich mir diese in kleine Mengen ein, um möglichst viele Karamellen zu erhalten. Es war für eine Frau ein sehr großes Wagnis, als Frau Dresen im Jahre 1913 das große Geschäft in der heutigen Form baute, es zeugte von einem geschäftlichen Weitblick und Unternehmungsgeist, der allgemein bewundert wurde. Die letzte Inhaberin war Katharina Dresen geb. Reuter. Über diese brauche ich wohl nicht viel zu schreiben, sie ist noch Jedermann als beliebte, tüchtige und umsichtige Geschäftsfrau bekannt. Leider starb ihr Mann, Peter, ein guter Freund von mir, viel zu früh. Aber sie meisterte ihre Aufgabe und führte das große Geschäft in vollendeter Form weiter, wobei ihr ‚Tante Lena‘ treulich zur Seite stand.“
Katharina Dresen führte mit einigen Angestellten, später auch mit ihren Kindern Bernd und Margarethe, das große Kaufhaus, unterstützt durch Schwägerin Lena und im Bürodurch Bruder Heinrich Reuter aus Jüngsfeld. Dann verstarb 1959 plötzlich Sohn Bernd mit nur 31 Jahren infolge eines Verkehrsunfalls. Tochter Margarethe heiratete 1954 den ortsansässigen Chirurgen, Dr. Günther Bussen aus der Drogerie Bussen an der Dollendorfer Straße (später Oppermann), der dann 1962 im Hofraum des Kaufhaus Dresen - in der so genannten „Helt“ – ein Privathaus mit Räumen für seine Allgemeinarztpraxis errichtete. Bei der Gelegenheit erhielt das Kaufhaus in der Hofeinfahrt neue Schaufenster und Schaukästen. „Zunächst war das Geschäft ein reines Kaufhaus etwa mit Textilien (vom Mantel über Kommunionkleider bis Unterwäsche), Stoffballen, einer eigenen Schneiderin, Haushaltswaren, Eisenwaren, Porzellan, Spielzeug und so weiter. Hier konnte man eigentlich alle Dinge des täglichen Lebens kaufen. Später gab es im Untergeschoss auch eine Lebensmittel-Abteilung, erinnert sich die älteste Tochter von Margarethe und Dr. Günther Bussen, Elisabeth Terstegge. „Inhaber und Angestellte des Kaufhauses Dresen und der Arztpraxis waren wie eine große Familie. Zu Weihnachten gab es beispielsweise eine Bescherung für die Angestellten, wir Kinder durften ihnen die Geschenke übereichen, und im Karnevalszug hatten wir oft einen eigenen Mottowagen.“
„Wenn es auch einerseits bedauerlich ist, dass mit der Aufgabe des anderthalb Jahrhunderte alten Geschäftes wieder ein Stück Poesie des alten Oberpleis verloren ging, so muss man doch andererseits sagen, Frau Dresen hat richtig gehandelt, wenn sie es auch schweren Herzens getan hat“, schrieb Johann Bennerscheid und fuhr fort: „Man kann es verstehen, sie selbst wird älter, der Konkurrenzkampf wird härter, das Geschäft muss immer auf der Höhe gehalten werden usw., dieses alles ist für eine Frau doch etwas viel. Man kann auch nicht wissen, was später kommen kann, Nachwuchs ist da und damit stehen alle Möglichkeiten offen. Am 7. März 1969 wurde das Kaufhaus Dresen nach vollkommener Neueinrichtung von der Firma Hohage aus Siegburg wiedereröffnet. Das Sortiment der Firma umfasst im 1. Stock: Haushaltwaren, Glas, Porzellan, Geschenkartikel, Möbel, Spielwaren, Heimwerkerbedarf, Elektrobedarf und Lampen. Außerdem eine groß angelegte Gardinen-Abteilung. Im Erdgeschoß befindet sich die Textilabteilung einschließlich Damen-Oberbekleidung. Außerdem die Abteilungen Lederwaren, Schuhwaren, Schreibwaren, Uhren, Schmuck, Parfümerie und Sämereien.
Der Firmenchef ist bemüht, ein möglichst breites Sortiment unter einem Dach für den Kunden bereit zu halten. Heinrich Hohage ist gebürtiger Westfale. Er gründete Ende 1945 in Siegburg ein Geschäft für Haushaltswaren. Durch gute Beziehungen zur Industrie konnte immer Ware für den freien Verkauf beschafft werden. Erinnert sei nur an die Tausende von „Kesselchen" die die Firma frei, ohne Bezugsscheine, verkaufen konnte. Durch diese Aktionen kam die Firma Hohage weit über Siegburg hinaus ins Gespräch. Der richtige Aufschwung aber setzte erst nach der Währungsreform unter dem Leitsatz „Gute Ware zu kleinem Preis" ein. Die Geschäftsräume wurden laufend vergrößert und so weit wie möglich modernisiert. Dazu gehörte auch frühzeitige Umstellung auf Freiwahl. Durch die Ehefrau tatkräftig unterstützt erfolgte im Herbst 1963 die Umstellung auf Kaufhausbetrieb. Geführt wurden nun außer Haushaltswaren und Glas - Porzellan - Geschenkartikel auch Kleinmöbel, Polstermöbel, Spielwaren, Uhren, Schmuck, Papier- und Lederwaren. Beschäftigt waren bis zu diesem Zeitpunkt ca. 40 Mitarbeiter.
Durch Tochter und Schwiegersohn unterstützt erfolgte 1966 eine Filialgründung in Waldbröl. Hier wurde das Sortiment wesentlich erweitert und ausgedehnt auf Textilwaren, Schuhwaren, Parfümerie, Rundfunk und Schallplatten. 1967 wurde ein Zentrallager in Niederpleis nach modernsten Erkenntnissen erbaut und Anfang 1968 in Betrieb genommen. An drei Laderampen ist gleichzeitige Abfertigung fremder und eigener LKW's möglich. Im Spätherbst 1968 fiel die Entscheidung, nach Oberpleis zu gehen und das dortige Unternehmen Kaufhaus Dresen zu übernehmen. Zurzeit beschäftigt die Firma Hohage 75 Mitarbeiter. über seine geschäftliche Tätigkeit hinaus findet der Firmenchef immer noch Zeit zur Mitarbeit in den verschiedensten Gremien. So ist er u. a. Handelsrichter beim Landgericht Bonn und Mitglied der Vollversammlung der Industrie und Handelskammer Bonn.“
Die Firma Hohage blieb zwanzig Jahre in Oberpleis. Nach dem Auszug 1989 wurde das Erdgeschoss des Geschäftshauses zur „Schlecker“-Filiale umgebaut. In der ersten Etage entstanden zunächst überwiegend Büro-, aber auch Wohneinheiten und der Ladenspeicher wurde für Wohnzwecke ausgebaut. 2011 zog die insolvente Firma Schlecker aus und da kein Nachmieter gefunden wurde, standen die Geschäftsräume anschließend etwa drei Jahre leer. Schließlich wurden die Räume umgebaut, um sie besser nutzen zu können. Im Juni 2015 zog Sarah Wiener mit ihrem Eltern-Kind-Café „Wiener Welt“, ein; eine Begegnungsstätte für Eltern mit Kleinkindern und einem umfassenden Kursangebot. Nach nur knapp drei Jahren zog die „Wiener Welt“ wieder aus. Ein erneuter größerer Umbau (der fünfte!) in Physiotherapieräume stand nun an. Seitdem bietet die PhysioFit-Praxis Siep (ehemals Kybelka) hier ihre ergotherapeutische Behandlung an. Schließlich wurde die Praxis noch auf Therapieräume in der ersten Etage erweitert. Durch den Einzug der Ergotherapie wurde dem „Gesundheitsstandort Siegburger Straße“, in der bereits eine große Arztpraxis (mit zurzeit sechs Medizinern/-innen), eine psychotherapeutische Praxis (auch im „Dresen-Haus“), Krankengymnastik und ein Sanitätshaus angesiedelt sind, ein weiteres attraktives Angebot zugefügt. Es bleibt spannend, die weitere Entwicklung des Hauses Dresen, welches heute noch im Familienbesitz ist, zu beobachten.
Zur näheren Erläuterung fasst Paul Winterscheidt, Heimatforscher und Kenner der Familie Dresen, die Familienchronik folgendermaßen zusammen: „Ältester Vorfahr der Familie Dresen, Oberpleis, war der um 1720 geborene Quirin aus Thelenbitze, der dort Verwalter (Meier) auf einem Bauerngut war. Er war verheiratet mit Katharina Mertens (1728 –1812) aus Oberpleis. Der Sohn Bernhard (1765-1848), siebtes Kind von neun Geschwistern, ehelichte Maria Christine Quink (1917-1856) aus Hühnerberg und nach deren Tod drei Monate später Helene Düppenbecker, Tochter von Theodor Düppenbecker und Anna Maria Ellingen. Nach dem Tod von Balthasar Dresen im Jahr 1871 heiratet Helene den Witwer Ernst Lorenz Thiebes aus Oberdollendorf. Balthasar „Baltes“, ein Oberpleiser Original, erbte das Geschäft seines Vaters und erweiterte es um einen Steh-Schnapsausschank, wie von Johann Bennerscheid in einer Anekdote (Datensatz 6884) berichtet. Der Nachfolge-Kaufmann war der Sohn von Balthasar, Johann Peter (1864-1899), der nur 35 Jahre alt wurde. Er ehelichte 1891 in Oberpleis Katharina Thiebes aus Oberpleis. Zusammen mit seinem Bruder Bernhard betrieb er die Schankwirtschaft. Bruder Bernhard, geboren am 30.9.1867, ehelichte 1901 Christine Bellinghausen aus Bellinghauserhohn und half seinem Bruder in der Gaststätte. Später dann verzog Bernhard nach Altenkirchen, wo er sich selbständig machte und auch verstarb.
Peter Dresen, verheiratet mit Katharina Reuter aus Uthweiler, wo ihre Eltern die Gaststätte gegenüber der Eisenbahn-Haltestation betrieben (Datensätze2967 und 3467), erbauten mit einigem Wagnis im Jahre 1913 das neue Geschäft, das als Kaufhaus Dresen in der Siegburger Straße weit über Oberpleis hinaus bekannt und angenommen wurde. Die Eheleute Dresen hatten „nur“ zwei Kinder: Sohn Bernd (1928-1959) starb im Alter von 31 Jahren bei einem Autounfall. Tochter Margarethe Katharina ehelichte am 19.10.1954 den ortansässigen Günther Bussen, geboren am 3.12.1922, Sohn des Tierarztes Dr. Leo Julius Bussen, der in Borgenteich geboren war, und seiner Ehefrau Helene Hermes aus Niederpleis. Günther Bussen promovierte als Arzt der Allgemeinmedizin und ließ sich in Oberpleis im Hause Dresen als Hausarzt nieder. Den Geschäftshaushalt der Dresens führte zeitlebens die ledige Schwester von Peter Dresen, Helene (allgemein ‚Tant‘ Lena‘ genannt), geboren am 26.12.1893, gestorben 24.7.1978. Margarethe betrieb zusammen mit ihrer Mutter das Geschäft, bis es im Jahre 1969 aus wirtschaftlichen Überlegungen und mangels eines geeigneten Nachfolgers von der Firma Hohage aus Siegburg übernommen und neugestaltet wurde.“
Zur Galerie: Kaufhaus Dresen, Oberoleis - siehe Link unten
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