Aufnahme: 2011
Mittelalterliches Säulenkapitell von den Torpfosten der Schmiede Röttgen
Links das Kapitell als Teil des Torpfostens, rechts das gleiche Kapitell in ursprünglicher Position.
Dieses romanische Säulenkapitell aus dem Mittelalter war Teil der Abdeckung der beiden Torpfosten der alten Schmiede Röttgen schräg gegenüber der Kirche. Vor kurzem sah es rein zufällig Michael Tamme, ein Freund Oberpleiser Geschichte, auf der Ladefläche eines mit Entrümpelungsschutt beladenen LKWs liegen. Er klärte die Herkunft und stellte es sicher. Offensichtlich wollte das alte Teil nicht so einfach für immer verschwinden.
An der alten Schmiede Röttgen war es in Zweitverwendung auf einem der gemauerten Pfosten des Hoftores eingebaut, verkehrt herum und mit einer weiteren Platte darunter und einer Kugel oben drauf. (siehe Schmiede Röttgen, Link unten und Datensatz 7374). Doch wo stammt es ursprünglich her?
Der Kirchen-/Propsteibereich liegt da nahe. Robert Flink merkte in seiner 1955 erschienen Dissertation über die Geschichte von Oberpleis an, bei den Abschlüssen der Torpfeiler der Schmiede Röttgen seien „offensichtlich“ Bauteile aus der alten Pfarrkirche verwendet worden. Aber das Kapitell passt nicht auf die Säulen der alten, kurz nach 1800 abgerissenen Pfarrkirche. Zwei dieser Säulen stehen ja noch im Umfeld der jetzigen Pfarrkirche/ehemaligen Propsteikirche, und sie sind zu dick.
Wo gab es außerdem noch Rundsäulen? Man darf annehmen, dass das Kapitell aus den ehemaligen Propsteigebäuden stammt. Von den im 12. Jahrhundert errichteten Gebäuden existiert heute noch der Westflügel. Der Süd- und der Ostflügel, in denen sich Refektorium, Dormitorum und Kapitelsaal befanden, wurden im 17. Jahrhundert abgerissen. Dahinein gehört wohl dieses Kapitell. Es kann der obere Abschluss einer Rundsäule von gut 25 cm Durchmesser gewesen sein, die mit weiteren solcher Säulen das Gewölbe eines dieser Räume trug.
An einer Seite des Kapitells meint man deutlich Brandspuren zu erkennen. Ursachen dafür gab es in den Zeiten vor dem Abbruch sicher viele, zuletzt im Dreißigjährigen Krieg, wo Brandschatzung und Plünderungen an der Tagesordnung waren.
Die Steine aus dem Abbruch der Propsteigebäude wurden wiederverwendet. Steine waren hochwertiges Baumaterial. Das barocke Propstwohnhaus, heute Pfarrhaus, wurde damit errichtet. Auch das in dieser Zeit errichtete Wohnhaus des angrenzenden Propsteihofes zeigt gut sichtbar wiederverwendete Steine. Außerdem gelangten wohl Steine ins Dorf, so auch zu Röttgens Schmiede, die ja in Kirchennähe liegt. Dort wurden zwei alte Kapitelle als schön gestaltete Steinmetzarbeiten in die Pfeilerabdeckungen der Torpfosten mit eingebaut.
Wie anfangs geschildert blieb uns nur durch einen glücklichen Zufall dieses mehr als 800 Jahre alte Bauteil erhalten, ein Symbol der Baukunst unserer Vorfahren und Zeugnis einer langen Geschichte.
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