Aufnahme: 1997
Willi Schmidt: Erinnerungen an die Zeit als Oberpleiser Postjungbote in den 30er Jahren
"Der Postverwalter Nüsgen gab sich mit mir, seinem ersten Postjungboten, große Mühe, doch ich hatte den Eindruck, dass er eigentlich nicht recht wusste, was er mit mir anfangen sollte. Zuerst lernte ich stundenlang Briefe stempeln. Mit einem Hammerstempel einen sauberen Abdruck hinzukriegen, der auch Briefmarkensammlern genügte, war gar nicht so einfach. Dann lehrte mich Nüsgen das Telefonieren. Junge, war ich da aufgeregt! Noch nie hatte ich einen Telefonapparat in der Hand und einen Telefonhörer am Ohr gehabt, und jetzt sollte ich eine Mitteilung an alle Poststellen durchgeben, deren Text Nüsgen mir aufgeschrieben hatte und der die Einladung zu einem Betriebsfest in Quirrenbach war. Zuerst verstand ich vor lauter Aufregung nicht, was die Leute am anderen Ende der Strippe sagten, und Nüsgen musste aushelfen. Ich muss es ihm heute noch hoch anrechnen, dass er mir verständnisvoll half, und das vor allem in seinem Dienstzimmer, so dass ich mich vor den anderen nicht zu blamieren brauchte.
Bald durfte ich mit auf Zustellung, und in Oberpleis schallte es mehr als einmal über die Straße: "Luhr ens do, wat ene kleene Breefdräje!" Ich hatte inzwischen meine Postuniform, und so eine Kleinausgabe eines deutschen Postzustellers hatte man in Oberpleis noch nicht gesehen. Beim alten Postoberschaffner Zimmermann lernte ich die Landzustellung. Das Wichtigste, was er und andere Kollegen mir einbleuten, war: "Junge, versaue uns nicht die Tour!", wobei unter Tour der Zustellbereich gemeint war, den ein Briefträger täglich zu bewältigen hat, und den man verderben kann, wenn man zu schnell und damit vor der angesetzten Zeit fertig ist. Denn wenn das der Chef oder gar die übergeordnete Behörde merkt, dann wird Zeit abgezogen, d.h. man muss einen größeren Bezirk nehmen. Alle Landzusteller zu allen Zeiten schwören darauf, dass Überwachungsbeamte der Direktion, die den Personalbedarf im Zustelldienst ermitteln, immer gerade dann kommen, wenn mal nichts zu tun ist.
Bei meinen ersten Zustellfahrten mit dem Fahrrad ist mir das Einhalten der vorgegebenen Zeit schwer gefallen, ich war immer zu früh zurück. Ich hatte ja auch nicht wie der Zimmermann meine Wohnung im Zustellbereich, wo die "Mine" (Abk. von Hermine) auf ihn wartete, mit einem opulenten Frühstück und der zurechtgelegten Zeitung. Mine bekam ein Küsschen zur Begrüßung und eines zum Abschied. Ich war direkt verlegen, denn sowas kannte ich von daheim überhaupt nicht. Dann hatte der Zimmermann in allen Dörfern noch diverse Plauderstellen, hier und da sogar eine mit einem Schnäpschen dazu, und mit dem Fahrrad war er beileibe nicht der Schnellste. Da konnte ich machen was ich wollte, selbst die Kaffeepause bei Tante Lisschen in Bellinghausen verhinderte in der ersten Zeit nicht, dass ich viel zu früh in Oberpleis anlangte und mir dort bis zur offiziellen Rückkunftzeit die Zeit vertrieb so gut es ging.
Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen den älteren Briefträgern gegenüber, wenn ich mal wieder der Versuchung nicht hatte widerstehen können, den Hartenberg hinab wie ein Weltmeister zu sausen und in Boseroth bergauf ehrgeizig durchzufahren anstatt zu schieben. Gab das eine Gardinenpredigt von den alten Kollegen, als mich einer von ihnen auf dem Kirchplatz lümmeln sah, wo ich eigentlich noch auf Tour sein musste! Wo sie, die Alten, doch so stolz darauf waren, dass sie bei der letzten Personalmessung den mit auf Tour gehenden Prüfbeamten von der Reichspostdirektion Köln auf weitestmöglichen Umwegen so "durch de Sood jeschleef" (durch den tiefsten Dreck qeschleppt) hatten, dass dieser frustriert aufgab und anstandslos den angemeldeten Personalbedarf anerkannte.
Ich weiß nicht, welche Ausbildungsvorgaben der Postverwalter Nüßgen damals für mich, seinen ersten Postjungboten, bekommen hatte. Sicher gehörte da auch politischer Unterricht dazu, denn nur so kann ich mir erklären, dass der den Nazis nun keineswegs zugetane Nüßgen mich einmal in der Woche in seinem Dienstzimmer eine Stunde lang aus Adolf Hitlers "Mein Kampf" vorlesen ließ. Ab und zu nickte Nüßgen dabei sanft ein, ich tat, als würde ich das nicht bemerken. Stolz war ich besonders, als ich nach einigen Monaten sogar die kleine Zeitungsstelle des Postamtes beherrschte. Die Beamtin, die die monatlichen Zeitungsbestellungen zu bearbeiten und abzurechnen hatte, wurde krank, und da war keiner außer mir da, der sie hätte vertreten können. Und mit der Rundfunkabrechnung war es ähnlich. Ich musste einige Male in kaltes Wasser, kam aber einigermaßen erfolgreich zurecht.
Sicher war dieses selbstständige Einspringen in allen Dienststellen, die das kleine Oberpleiser Postamt hatte, die Grundlage für meinen Erfolg im Reichsberufswettkampf Anfang 1939. Ich weiß nicht mehr viel davon, plötzlich war ich Gausieger und zweiter Reichssieger. Ich erinnere mich nur noch, dass ich zum Gauwettkampf, zu dem man als Kreissieger geladen wurde, nach Köln und dort zum ersten Mal in einem Hotel schlafen musste. Dass ich fast die ganze Nacht nicht schlief, lag aber nicht nur am Gequietsche der unmittelbar vor dem Hotel in einer Kurve vorbeifahrenden Straßenbahn, sondern auch an der Angst, ich könnte im Hotel irgendwas falsch machen. Ich war zweifellos der schüchternste und unsicherste aller Teilnehmer, und als ich anderntags beim feierlichen Schlussakt in einem großen Saal als Gausieger meines Jahrgangs aufgerufen wurde und zur Bühne musste, muss ich wohl reichlich verdattert gewirkt haben. Jedenfalls erzählten mir das die Postkollegen in Oberpleis, die mich anderntags mit Hallo empfingen und denen man das per Telefon gesagt hatte.
Damals wurde Postverwalter Nüßgen durch den Postsekretär Wist aus Königswinter vertreten. Der riet mir, mich nach Königswinter versetzen zu lassen, denn dort könne ich mich postalisch weiterbilden, vor allem in Dienstzweigen, die es in Oberpleis überbaupt nicht gab. Ich war bereit, und Wist leitete alles in die Wege. So kam ich 1939 zum Postamt Königswinter. Ob es für meinen weiteren Werdegang die beste Entscheidung war, muss dahin gestellt bleiben, denn mein neuer Chef, der Oberpostmeister Johann (wehe dem, der ihn nicht mit diesem Titel anredete) war einer von den zwei Vorgesetzten in meinem Leben, mit denen ich absolut nicht zurecht kam. (Der andere war ein Ausbildungsfeldwebel bei der Maatschule der Kriegsmarine.) Das Verhältnis zwischen Johann und mir kühlte nach einigen Monaten schlagartig ab und wurde ab da von Tag zu Tag frostiger. Was soll ich lange nach Gründen graben, es lag wohl beidseits. Für mich stand jedenfalls fest, dass ich so schnell wie möglich weg wollte, ich wollte zum Militär und meldete mich, nachdem Johann mich vom Reichsarbeitsdienst gegen meinen Willen hatte freistellen lassen, freiwillig.
Natürlich wollte ich mir jetzt auch eine Wehrmachtseinheit aussuchen, die bei der Bevölkerung in besonders hohem Ansehen stand. Das waren damals die Fallschirmspringer, die zu Beginn des Westfeldzuges hinter der gegnerischen Front eingesetzt worden waren und die angeblich nach Freiwilligen suchten. Doch dem war nicht so, die hatten schon genug. Im Musterungsstab beim Wehrbezirkskommando Bonn wusste man für meinen Fall aber guten Rat: Wie wäre es mit der Kriegsmarine, die suchten noch Leute, und hier gäbe es für mich eine passende Sache, nämlich die Steuermannslaufbahn, eine Art Elitelaufbahn für besonders intelligente Leute. Ich hatte keine Ahnung, ließ mich aber gerne belehren, und in so einer schmucken Uniform bei uns auf dem Lande, da würden die Leute staunen und die Mädchen schauen! Meine Bedenken waren schnell zerstreut. Schwimmen würde ich bei der Marine schon lernen. Und alles andere auch. Also brachte ich meine Eltern dazu, wenn auch zögernd und schweren Herzens ihre Unterschrift zu geben. Und dann feierten Markus und ich Abschied in Heisterbach.
Am Kloster Heisterbach kamen wir, der Hilfspostschaffner Markus Zimmermann und ich, fast jeden Tag mit unseren Fahrrädern vorbei. Die dortigen Nonnen betrieben neben ihrer klösterlichen Landwirtschaft ein Hotel, zusammen mit einer der Öffentlichkeit zugänglichen Gaststätte, direkt gegenüber der berühmten Klosterruine. Unsere Nachbarin, et Auelspittesch Trien, arbeitete dort, später auch die Anneliese, ihre Tochter, zusammen mit der Josefine, der Nelly und der Lisbeth, alles leckere Mädchen. Ich erinnere mich noch gut an die Heimfahrt im Jahre 1941, als ich schon meine Einberufung zum Kommiss in der Tasche hatte. Wir kamen an Heisterbach vorbei, d. h. wir kamen nicht vorbei, denn die Versuchung war zu groß, bei den Mädchen einzukehren. Wir mussten doch zum bevorstehenden Abschied einen zur Brust nehmen, um damit den Abschiedsschmerz zu betäuben. Wir versuchten es mit "Kakao mit Nuss" und mit einem anderen Likör, wie hieß der noch, ach ja, "Pfefferminz". Dabei flirteten wir eifrig mit der netten Bedienung. Wir kamen recht spät, recht wackelig und recht lustig nach Hause, doch seitdem mag ich keinen Likör mehr sehen."
(Willi Schmidt: Bei der Post - Auszüge aus seinen Erinnerungen, die in der Siebengebirgs-Zeitung als Reihe erschienen.)
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