Aufnahme: 1974

Jean Assenmacher (Jodokus): Erinnerungen an ein gut durchwachsenes Leben

Gott segne das ehrbare Handwerk! Jedoch der Himmel und die Meister meiner löblichen  Berufszunft mögen mir verzeihen, wenn ich hier allen Ernstes behaupte, daß die Anstreicherei heutzutage einer küssenden Muse nicht mehr bedarf. Die „Kohlen" stimmen zwar immer noch, aber vom Erfinderischen sowie Feingeistigen aus gesehen ist längst der Wurm drin - und den kriegt vermutlich niemand mehr raus. Jeder halbwegs geschickte Laie ist dank der Do-it-yourself-Bewegung auf dem besten Wege, sein eigener Pinsel zu werden. Es wird den Leuten auch leicht gemacht, sie brauchen sich nur der vielen technischen Hilfsmittel zu bedienen und die gedruckten Ratschläge des Farbhandels zu lesen: „Nimm Klätschofix, mach rauf und runter. - Dein Heim wird wischfest und auch bunter."

Mal ehrlich, jeder zweite Amateur macht es der eigenen Meinung nach so gut wie ein Fachmann - wenn nicht, dann aber sicherlich viel billiger. Bei so viel erfahrenen Laien muß ein gelernter Pinselquäler ja direkt Minderwertigkeitskomplexe bekommen, zugegeben, es ist gut, daß heute alles so leicht von der Hand geht. Aber wo bleibt da noch ein Plätzchen für die Kunst, wenn es morgens bei Arbeitsbeginn womöglich heißt: „Zum 1000 Quadratmeter Deckenweißen - Farbrolle Marsch!" Sehen Sie, verehrte Leser, deshalb bin ich eines Tages ins Kloster gegangen - gewissermaßen, um Individualist bleiben zu können.

Während meiner Lehrzeit in Oberpleis konnte ich diese Entwicklung na­türlich noch nicht ahnen. Man pinselte, schablonierte oder zog Striche wie eh und je. Die Selfkante der Tapete wurde noch mit der Schere von Hand beschnitten, und in der Regel klebte man vorher als Makulatur alte Zeitun­gen an die Wand. Meister Wendel ging allerdings bald schon zum unbedruckten, fertigen Rollen-Makulaturpapier über. Er hatte nämlich festgestellt, daß seine Gesellen wie auch die Stifte beim Zeitungkleben ausgiebig die Sportberichte oder sogar die Fortsetzungsromane lasen und dabei die dreifache Zeit benötigten.

Viele Materialien waren damals noch sehr naturverbunden. So bevor­zugte man zum Beispiel beim Kleben von Linkrusta oder dicken Tapeten den Roggenmehlkleister. Das Mehl wurde mit kochendem Wasser angerührt und hinterher durch einen Spezial-Terpentinzusatz gebunden. Sogar der Saft aus frischen Kuhfladen wurde gelegentlich verwendet. Er eignete sich zum Isolieren von Rauch- und Wasserflecken. Es gab überhaupt eine Menge wirksame Mittel damals, über die man heute nur lachen kann. Manchmal wurden diese Mittel allerdings zweckent­fremdet, vor allem bei Kalkanstrichen. „Um die Farbe wischfest zu machen, müssen mindestens 3 bis 4 Flaschen Bier hinein", sagte dann der Geselle zur Kundschaft. Hinterher aber landete davon höchstens eine im Töpfchen, die anderen dagegen im Kröpfchen.

Die Berufsschule in Oberpleis leitete Rektor Schneider. Wir Lehrlinge sahen die Unterrichtsstunden  gewisser­maßen als Freizeitgestaltung an - demnach waren auch unsere Leistun­gen. Leider hatte der Leiter der Volks­schule von Oberdollendorf mir diesbezüglich einen Klotz ans Bein gebunden. Ich wurde das erst später gewahr, als wieder mal eine Unterrichtsstunde meinerseits an einem Ohr hereinge­kommen und am anderen hinausgegangen war. Der Berufsschullehrer meinte schließlich kopfschüttelnd:  „Das ver­stehe ich nicht - Rektor Roth hat dich bei mir über den grünen Klee gelobt. Entweder bist du gar nicht der, den er meinte, oder aber die dünne Bergluft ist dir ins Gehirn geschlagen."

Übrigens, Meister Wendel war unser Zeichenlehrer. Auch das war für mich eher schlecht als recht, denn wer wagt es schon, unter den Augen seines Lehrherrn in den Tag zu dösen. Unsere Klasse umfaßte fast alle gängigen Berufszweige. Da saßen in Frieden und Eintracht der Schlosser neben dem Anstreicher, der Schneider neben dem Tischler und der Bäcker neben dem Schuhmacher. - Das heißt, nicht im­mer, denn manchmal stand ein Meister so sehr unter Arbeitsdruck, daß er sei­nen Stift einfach aus der Schule zurück­hielt. Trotzdem, sie haben später alle ihren Mann gestanden, meine ehemaligen Berufsschulkollegen: Der Wirt vom „Gasthaus zur alten Post", Sie­bertz Pitter, in Ittenbach - der Schuhmacher, Mehren Hein, in Heisterbacherrott - der Steinmetz, Reusch Hermann, in Grengelsbitze, um nur einige von ihnen zu nennen.

Von allen Arbeitsstellen war mir das „Mathildenheim" in Oberpleis ei­gentlich die liebste. Einmal, weil das große Gebäude mit seinem zinnenbe­setzten eckigen Turm wie eine Burg aussah, zum anderen, weil das Haus meist von Kindern und Personal frei war, wenn wir dort unsere Arbeiten ausführten. Auf dem besagten Turm wurde ich eines Tages während der Mittagszeit unfreiwillig zum „Ritter Jodokus, dem Hungrigen" geschlagen. Es war Sommer, und unsere Firma führte gerade den Auftrag durch, das ganze Gebäude von außen in  Ölfarbe zu setzen. Ein Geselle aus Berghausen, mit dem ich mich schon am frühen Morgen „jekabbelt" (1) hatte, schickte mich gegen 11 Uhr über die steile Trep­pe nach oben aufs flache Dach, um die Zinnen zu pinseln. Mensch, war ich stolz. Als jedoch die Glocken von St. Pankratius den Mittag einläuteten und ich wieder absteigen wollte, war die Dachluke von innen verriegelt. Mein Rufen fand nur taube Ohren. Erst eine Stunde später, als die Kollegen gesättigt zurückkehrten, wurde ich aus meiner Lage befreit. Ich weiß bis heute noch nicht, wer es damals gewesen ist - vermutlich aber mein „Kabbelbruder" aus Berghausen, denn ausgerech­net er brachte aus der Werkstatt meinen warmgemachten Henkelmann mit ins Mathildenheim.

Die Maler- und Anstreicherfirma Wendel war damals in Oberpleis in ihrer Branche die Nr. 1. Gewiß, es gab noch die Konkurrenz, Anton Züllich, aber dieser Betrieb ging über Meister und Lehrling nicht hinaus. Auch Mar­tin Paul Jierchhoff, der 1928 an der As­bacher Straße neben dem neuen Post­amt ein Geschäft eröffnet hatte, blieb stets im Schatten des Wendelschen Unternehmens. Jierchhoff war auch Pipchesmaler. Eines Tages hing sogar an der Außenwand seines Hauses eine riesige Leinwand, auf der er vom Ge­rüst aus eine Rheinlandschaft mit Drachenfels zu pinseln begann.

Ich war begeistert - Meister Wendel weniger. Immerhin, mein Lehrherr akzeptierte meinen Hang zur „Töstel­malerei" (2) und gab mir fortan die Geduldsaufträge. Es begann mit Apfel­schimmeln während der Vorweihnachtszeit. Der Schreiner Falderbaurn hatte etwa 20 Schaukelpferde gemacht, und ich durfte Zaumzeug, Sättel und die grauen Apfel draufmalen. Dann folgten die Ortsschilder von Oberpleis und Umgebung - schwarz auf gelb, für jeden Ort zwei Stück. Auch die Kilometersteine mußte ich mit Zahlen versehen, alle 100 Meter - von Herresbach über Uthweiler bis Birlingho­ven. Als fortgeschrittener Stift fuhr ich sogar zwei Wochen lang täglich in die Kirche von Rott und bemalte die Altarwand mit Ornamenten.

Wie eindrucksvoll meine Lehrzeit im damals rund 980-jährigen „ Plees" auch immer sein mochte, meine Feierabende sowie die Sonntage gehörten vorerst noch dem 18 Jahre jüngeren Oberdollendorf. Wir hatten dort mal wieder die Tapete gewechselt. Ge­nauer gesagt, wir waren endlich in ein eigenes, wenn auch kleines Häuschen gezogen. Unsere Adresse lautete: „Mühlental Nr. 8". Alle bisher in Oberpleis erworbenen Fachkenntnisse verschwendete ich nun abends an diesem Haus. Das ging so weit, daß am Ende sogar sämtliche Wände unseres Plumpsklosetts mit Karikaturen verziert waren. Dennoch, in einer Familie einziger Anstreicher zu sein, ist keine Ehre, sondern ein Übel. Mein Bruder hatte es als Werkzeugmacher später bedeutend besser - er brauchte gele­gentlich nur die Türklinke zu reparieren.

Unser Haus war nicht das einzige Projekt, welches nach Feierabend un­ter meinen Pinsel geriet. Auch der rechte Schuppen des ehemaligen Feuerwehr-Steigerhauses am oberen Ren­nenberg sollte bald das Vergnügen haben. Kaplan Jülich aus Oberdollen­dorf hatte damals eine Wandergruppe gegründet und diesen Schuppen der Feuerwehr abgebettelt, um dort mit seinen Wandervögeln Heimabende abhalten zu können. Wir mochten Kaplan Jülich sehr gerne. Ihm zuliebe nahm ich sonntags das blaue Wanderjöppchen, den Brotbeutel und den vor­angetragenen billigen Wimpel mit in Kauf, obwohl ich viel lieber in irgend­einer Mannschaft Handball gespielt hätte. Den Schuppenraum im Steiger­haus aber pinselte ich mit Begeisterung: Die Holzdecke in Öl, die Wände leicht gemustert, Sockel, Fenster und Tor sogar in Lackfarbe. Kaplan Jülich organisierte die Möbel: Tische, Stühle und einen geräumigen Wandschrank zum Unterbringen von Gesellschafts­spielen. Das beste Stück war der Ofen, ein großer Kanonenofen mit langem Rohr, das etwa einen Meter über das Asphaltdach des Schuppens hinausragte.

Der Kaplan war recht stolz auf sein Werk - ich nicht weniger auf meinen Anstrich. Dann kam der Einweihungs­abend. Während es draußen schon empfindlich kühl war, verbreitete der Ofen in unserem selbstgebastelten Heim eine wohlige Wärme. Plötzlich verbreitete er noch mehr, nämlich Rauch. Zuerst in dünnen Fäden, dann dichter und schließlich total. Fluchen war in Gegenwart des Herrn Kaplan nicht gestattet, so beschränkten wir uns denn lediglich aufs Husten. Der Ofen zog einfach nicht. Wir registrierten es mit tränenden Augen, und weil man auch draußen in der Finsternis nichts mehr unternehmen konnte, war der Abend vorzeitig im Eimer. Erst am nächsten Tag wurde uns klar, daß jemand im Schutze der Dunkelheit aufs Dach gestiegen und auf die Öffnung des Ofenrohrs eine Dreckschaufel gelegt hatte. - Vermutlich, um aus den Wandervögeln Rauchschwalben zu machen.

Kaplan Jülich war ein rühriger Priester, nebenbei ein Pfundskerl. Als er bei einigen Burschen aus der Wandergruppe großes Sportinteresse feststell­te, gründete er eine DJK-Handballmannschaft. Wirklich, in Oberdollen­dorf hat mal eine „Deutsche Jugend­kraft" bestanden, ich war selbst dabei. Die Begeisterung legte sich erst wieder, als unsere Mannschaft nach einer Woche Trainings gegen den Rest der Wandergruppe mit 0:11 verloren hat­te. Das war auch schon der Anfang vom Ende. Dem Sport aber blieb ich noch lange verbunden, er führte mich Monate später als Handballer und Leichtathlet in die Reihen des TuS Dol­lendorf.

In Oberpleis hatte man mich immer noch nicht gefeuert. Im Gegenteil, ich durfte nach   abgeschlossener Lehrzeit mit 50 Pfennig Stundenlohn als Geselle bleiben. Statt mit dem Bus auf Schülerkarte fuhr ich nun mit dem Draht­esel auf Ledersattel zur Arbeit. Die Rückfahrt am Abend war weniger schlimm, da roch es nach Stall. Aber morgens ging die Tour Oberdollendorf/Oberpleis doch sehr in die Beine. Meistens hatte ich auf der Höhe von Grengelsbitze von meinen mitgenommenen Butterbroten bereits die Hälfte „ge­müffelt" (3). Überhaupt, Oberpleis mit allem was dranhängt ist ein weiträumiges Land. Wer damals auf Freiersfüßen lief, konnte unter Umständen in kürzester Zeit Schuhsohlen verschleißen. Ich will nicht behaupten, daß ich zu dieser Zeit schon die Freite anstreb­te, aber ein Mädchen im Rahmen der Oberpleiser Kirmes in der Nacht wohl­ behütet nach Hause zu bringen, ist schließlich auch ein Vergnügen.

Die Maid wohnte zwischen Rauschendorf und Birlinghoven. Das wur­de ich leider erst gewahr, als wir be­reits auf Trab waren. Mein Elend trug ich allein, denn meine Schuhe waren einerseits neu und andererseits etwas zu eng. In der Gegend von Bockeroth wußte ich schon, daß  die  Geschichte ohne Blasen an den Füßen nicht enden würde. Dennoch, wer Kavalier sein will, hat auch bei schmerzenden Füßen ein freundliches Wesen zu wahren. - Gott sei Dank sah man im Dunkeln mein verbissenes Gesicht nicht. Bei ge­dämpftem Mondschein erreichten wir das Ziel um 2 Uhr mitten in der Nacht. „Auf Wiedersehen, Jodokus - wann sehen wir uns wieder?" meinte sie vor der Haustür. „Das weiß der Himmel", sagte ich verhalten, „ wir können nur hoffen." Dann erfolgte meinerseits der Heimweg über Stieldorf,  „Frabisch" (4), ins Mühlental Nr. 8 von Oberdol­lendorf. Ich nahm den kürzesten Weg, scheute weder Wiesenpfade noch Kleefelder und hatte schließlich vom Morgentau die Hosenbeine bis zu den Knien patschnaß. Nach 3 Uhr sank ich zu Hause erschöpft ins Bett. „Wars schön auf der Oberpleiser Kirmes?", fragte am Morgen meine Mama. „Auf der Kirmes schon", sagte ich verbittert. „Aber die Gegend drumherum ist mir in die Knochen gefahren."

Da war es diesbezüglich am Rhein um einiges leichter. Man brauchte nur hinzufallen und lag schon mit der Nase im nächsten Ort. Die Dorffeste verliefen im Talbereich zwar nicht schöner, wohl aber anders. Vor allem wurden die Winzerfeste mit großer Begeisterung gestaltet und gefeiert. Anfangs der dreißiger Jahre standen die Zwillngsdörfer zwischen Rhein und Hardt wieder mal Kopf. Die alten Häuser, Straßen, Eckchen und Winkel von Dollendorf boten auch diesmal den romantischen Rahmen. Der weißhaarige, alte Vater Rhein mit Dreizack und Pokal, umschwärmt von strahlenden Winzer­innen, hatte damals noch Vorrecht. In neuerer Zeit ist er fast allerorts von Bacchus, dem Gott des Weines verdrängt worden - eigentlich kein Wun­der bei der jetzigen Rheinverschmutzung, denn der Alte würde bei dieser Brühe ja aus allen Knopflöchern stin­ken - und die Nixen vermutlich mit ihm. Meinen Arbeitsplatz im Bergland hatte ich eigentlich dem Oberdollendorfer Kirchenmaler Michel Enkel zu verdanken. Er kannte Meister Wendel persönlich und wußte, daß einem angehenden Malerlehrling nichts Besse­res passieren konnte, als dort ausgebildet zu werden. Michel, sowie sein Bruder Düres und Settchen, die Schwester, zählten im ersten Drittel unseres Jahrhunderts zu den bekanntesten Bürgern von Oberdollendorf. Es gilt also aus dieser Zeit einiges nachzutragen, liebe Leser, denn die Geschwister Enkel waren goldige Menschen - zweifellos Originale, die viele Freunde hatten und jederzeit Anteil am damaligen Dorfgeschehen nahmen. Im näch­sten Teil von „Kinder, wie die Zeit vergeht" soll deshalb unter anderem auch von Michel, Düres und Settchen die Rede sein.

Worterklärungen:

1 kabbeln = Vorstufe zum Streit. Beispiel:  Ehemann am Mittag:  „Mein Gott,  Luise, schon wieder Spinat - muß das sein?"  Ehefrau: „Spinat ist gesund, Wilhelm." Ehemann: „Aber doch nicht viermal in der Woche. Außerdem schmeckt er bitter."  Ehefrau : „ Dann koch doch selber."  Ehemann : „ Du solltest dir ein Beispiel an Frau Meier von gegenüber nehmen - die kann kochen . . ." (bis hierher war gekabbelt) . . . dann wischte sich der Ehemann den Spinat aus dem Gesicht und sprach vorerst mit seiner Luise kein Wort mehr.

2 tösteln = eine Arbeit in aller Ruhe durchführen ohne dabei sichtlich weiterzukommen. Sozusagen das Gegenteil von Akkordarbeit. Tösteln schützt zwar vor Herzinfarkt, aber nicht vor Entlassung.

3 müffeln = Essen Sie bitte trocke­nen Streuselkuchen ohne dabei zu trinken - das ist müffeln, verehrte Leser.

4 Frabisch = Frankenforst, bei Vinxel - staatliches Versuchsgut.

Jean Assenmacher im Virtuellen Brückenhofmuseum Oberdollendorf - siehe Link unten.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 43, vom 25.10.1974; Text: Jean Assenmacher (Jodokus)
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ); Lothar Vreden: Foto Jean Assenmacher im Virtuellen Brückenhofmuseum Oberdollendorf
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