Aufnahme: 1970

Meine Lehrjahre bei Meister Wendel (Teil 2)

Kritische Worte
Von den kleinen Plänkeleien zwischen Lehrlingen und Gesellen erfuhr der Meister in der Regel sehr wenig. Vielleicht wollte er es auch nicht wissen, denn er war stets gerne bereit, seinen Stiften den Rücken zu stärken. Das aber ist bei erwiesener Schuld eines Schutzbefohlenen nicht ganz einfach. Ansonsten war der Meister um Worte kaum verlegen, auch nicht um kritische. Sie klangen selten hart, dafür aber ironisch und manchmal sogar bissig. Etwa im Jahre 1930 wurden die Räume des Oberpleiser Bürgermeisteramtes von unserer Firma neu in Farbe gesetzt. Auch der sogenannte Sitzungssaal fiel dem unbarmherzigen Pinsel zum Opfer. Die Wendelschen Gesellen durften jedoch in diesem Raum nur die Grundfarbe auftragen, denn mit der eigentlichen Wandgestaltung hatten die verantwortlichen Herren einen Künstler beauftragt. Der fremde Maler belebte die Flächen des Saales geschickt mit bunten Rechtecken, Rauten und Dreiecken. Es sah eigentlich nicht schlecht aus, auch nicht, als er zum Schluß auf die Kopfwand einen tellergroßen Punkt setzte, der von einigen kleineren wirkungsvoll umgeben war. Meister Wendel schaute sich die Arbeit skeptisch an. Sein Blick glitt abwägend von Form zu Form und blieb schließlich an den Punkten hängen. „Gefällt es Ihnen nicht?" wurde er gefragt. „Doch, doch - man muß sich nur etwas dabei denken", meinte er „Und was haben Sie sich dabei gedacht? "Meister Wendel lächelte und zeigte auf die Punkte. „Dort hat sicherlich der Herr Bürgermeister Feierabend gerufen und dabei sein Tintenfaß an die Wand geknallt." Der schönste Tag neben dem Sonntag war auch damals schon der Lohntag. Die Gesellen betitelten ihn respektlos „Marie Empfängnis" im Gegensatz zum Donnerstag, den sie „Meisters Heimsuchung" nannten. Die Löhnung erfolgte meist ohne viel Worte in der Wendelschen Küche neben dem damals noch kleinen Laden. Manchmal nahmen die Gesellen oder Lehrlinge am Wochenende Material mit nach Hause, um entweder die eigene Wohnung zu renovieren oder aber bei Bekannten einige Mark zusätzlich zu verdienen. Dann war Meister Wendel nie kleinlich und überließ seinen Leuten die Dinge stets zu einem günstigen Preis. Eines Tages wollte ein Gehilfe noch billiger davonkommen. Er hatte gerade seinen Wochenlohn erhalten und wandte sich mit der obligaten Arbeitstasche unter dem Arm der Küchentüre zu. „Moment noch", grollte der Meister plötzlich. „Da wäre noch das Bleiweiß zu verrechnen." „Was für Bleiweiß?", tat der Geselle erstaunt. Des Meisters Stimme wurde um einen Ton härter. „Was aus Ihrer Tasche auf meinen Küchenboden tröpfelt", sagte er grimmig und berechnete es anschließend dem verdatterten Sünder zum festen Ladenpreis.

Vom Oelberg zur Sieg
Wie schon erwähnt, lagen die Arbeitsstellen der Firma oft weit von der Oberpleiser Werkstatt entfernt. Der Meister beorderte deshalb die am nächsten wohnenden Gesellen und Lehrlinge dorthin, um lange Anmarschwege möglichst zu vermeiden. Zu den Auftraggebern zählte damals auch die Gaststätte auf dem Oelberg. Alle kannten den beschwerlichen Weg bis zum Gipfelhaus. Kein Wunder also, daß sich niemand danach drängte, außer mir. Ich gebe ehrlich zu, Amor hatte ein wenig seine Hand im Spiel. Denn im besagten Ölberggasthaus stand ein mir bekanntes Mädchen in Diensten, mit dem ich gerne wieder ein paar freundliche Worte geplaudert hätte. Warum nicht die lästige Arbeit mit dem Angenehmen verbinden? Am nächsten Morgen schob ich mein rostiges Fahrrad über etliche Wege des Siebengebirges gen Oelberg. Der Anmarsch kostete mich die Hälfte der Tageskraft und zwei Butterbrote, die eigentlich erst für den Nachmittag bestimmt waren. Dennoch, der Gedanke an Jenny versöhnte mich etwas, allerdings nur bis zum Gipfel - denn dort wurde ich bald gewahr, daß sie seit einigen Tagen irgendwo in der Oberpleiser Gegend in neuer Stellung war. Jeder Meister hofft insgeheim, daß sein Lehrling einmal aus den tapsigen Jahren herauswächst und ein brauchbarer Mensch wird, dem man auch selbständige Arbeiten übertragen kann. Mein Meister hoffte es auch - weiß der Himmel wie er dazu kam. Immerhin schickte er mich nach Bödingen an der Sieg, wo ich in einem Gutshof ein paar Kammern verschönern sollte. Ich aß und schlief im Gutshause und wurde am Wochenende von des Meisters Sohn mit seiner schnellen „Imperia" wieder abgeholt. Meine Schlafkammer lag auf einem langen Flur, flankiert von mehreren Türen, darunter irgendwo die Tür zum Schlafgemach des Gutsherrn. Leider kannte ich die Tür zum Klosett nicht, aber ausgerechnet die benötigte ich in der ersten Nacht so dringend wie die Farbe zum Streichen. „Johannes", hatte der Meister in Oberpleis mahnend gesagt, „in Bödingen kannst du zeigen, was in dir steckt - also nimm dich zusammen, auch wenn es dir schwerfällt." „ Natürlich Meister, Sie können sich ganz auf mich verlassen", hatte ich geantwortet. Eingedenk dieser Worte wagte ich nun nicht eine vielleicht falsche Tür zu öffnen und dadurch Unruhe zu stiften, sondern schlich durch das Haus nach draußen und rettete mich in der Nähe der Stallungen in ein herzverziertes Abörtchen, das ich bereits kannte. Ich hätte an den riesigen Hofhund denken sollen. Nach zwei Minuten saß er mißtrauisch vor dem „Kabinett" und bellte wütend in die Nacht hinaus. Es dauerte keine halbe Stunde, dann waren alle Bewohner des Hauses hellwach und zwei Arbeiter grinsend bereit, mich endlich aus der peinlichen Lage zu befreien. Nichts gegen den Gutshof in Bödingen und seinen Wachhund, aber lieber noch arbeitete ich damals im Oberpleiser Mathildenheim. Eines Tages wurden dort sämtliche Schlafräume gestrichen, allerdings nur ausgebessert, denn das Institut sparte an jedem noch ansehnlichen Quadratmeter Wand. Die Zimmer hatten alle einen anderen Farbton, und es war reine Geduldsarbeit, die Töne genau nachzumischen, um verblaßte oder schadhafte Wandteile beizustreichen. Wieder glaubte der Meister an ein Wunder und beauftragte mich, die Farben zu mischen. Ich rührte und fühlte mich wie ein Künstler. Ein bißchen gelb und weiß, blau und rot und wieder etwas weiß. Die Farbtöne der ersten beiden Zimmer paßten schließlich haargenau. Meister Wendel hielt mit seinem Lob auch nicht zurück. „Unser Lehrling scheint seine Krise überwunden zu haben", sagte er hoffnungsvoll zu den Gesellen. „Besser hättet ihr es auch nicht machen können."  Dann sah er plötzlich den Pferdefuß meiner Kunst. Die Töne stimmten zwar, aber das Maß keineswegs. Wo lediglich eine Konservendose voll genügt hätte, stand nun durch mein „ein bißchen mehr" ein Eimer voll Farbe bereit, mit der man ein Zimmer zweimal hätte streichen können. Natürlich war der Materialaufwand finanziell nicht vertretbar. So sah der Meister sich leider gezwungen, meine hoffnungsvolle Karriere vorerst noch einmal zu bremsen und mich unverzüglich zum Fensterschleifen einzuteilen.

Die verhängnisvolle 11
Damals behauptete der „Drahtesel" noch einen gleichberechtigten Platz unter den Fahrzeugen der Landstraße. Gesellen und Lehrlinge strampelten fast alle damit zur Arbeit, und mitunter schimmerten morgens im Werkstatthof der Firma die abgestellten Fahrräder in sämtlichen Farben, von rostig über schwarz bis bunt lackiert. Ich hatte täglich zwischen meinem Wohnort und der Werkstatt rund 18 Kilometer zurückzulegen, natürlich ohne Gangschaltung und Hilfsmotor. Das heißt – einen Hilfsmotor hatte ich gelegentlich schon, aber er gehörte zu einem Lastwagen, hinter den ich mich manchmal verkehrswidrig anhängte. Am Scheid, wo das Gleis der Heisterbacher Talbahn zum Weilberg quer über die Straße abzweigte, ist es dann eines Montags passiert. Mein Fahrrad blieb hängen, schlug mit mir nach rechts ins Gleis, und ich schnitt mir an einem scharfen Schotterstein die Maus der rechten Hand auf. Damit war für mich die neue Arbeitswoche beendet, ehe sie begonnen hatte. Gottlob litt ich zur gleichen Zeit unter einer Mandelentzündung. Mein Hausarzt war ein verständnisvoller Mann. Um dem Meister den Ärger über das unkorrekte Verhalten seines Lehrlings zu ersparen, schrieb er mir den Hals krank und behandelte die „Maus" nebenbei. Die Narbe an meiner Hand hat sich bis heute erhalten. Eine Zeit lang war ich sogar stolz darauf, sie sollte nämlich meinen Kindern und Enkeln als warnendes Dokument dienen, sich nie mit dem Fahrrad hinter einen fahrenden Lastwagen zu hängen. Als ich endlich mit meiner Belehrung hätte anfangen können, war es zu spät - da fuhren sie alle schon Moped oder einen Wagen. Nun stehe ich da mit meiner Narbe. - Der Fortschritt vermasselt uns leider immer wieder die schönsten Argumente. Bleiben wir noch ein Weilchen bei den Radfahrern. Solange sie nicht oben den Rücken krümmen und unten treten, ohne auf einem Fahrrad zu sitzen, sind es liebenswerte Zeitgenossen, auch heute noch. Wir hatten damals nur echte Radfahrer in der Firma. Sie kamen morgens an, warfen ihre Fahrzeuge gegen den Gartenzaun und hingen die Jacken in der Werkstatt an ein Kleiderbrett. Das reizte mich manchmal zu albernen Lausbubenstreichen. Ich malte also auf weiße Blätter große rote Nummern und heftete sie heimlich auf die Rücken der Kleidungsstücke. Die Freude des Feierabends machte meine Opfer arglos. Sie schlüpften eilig in ihre Jacken, schwangen sich auf die Räder und strampelten weithin sichtbar nummeriert ihrem Ziel entgegen - wie bei der Tour de France, allerdings ohne das gelbe Trikot und ohne Geldprämien. Das Schicksal wäre jedoch ungerecht gewesen, hätte es den Sündenbock ungeschoren gelassen. So merkte ich eines Abends auf der Heimfahrt, nachdem ich Oberpleis, Grengelsbitze und Heisterbacherrott bereits durchrollt hatte, daß auf meinem Rücken eine große "11" zu lesen war. Meines Wissens war es die längste Strecke, die ein Firmenangehöriger mit einer Nummer auf dem Buckel zurückgelegt hat.    ·

Die weiße Gestallt
Unsere Gesellen waren sich einig in der Meinung, daß ich das Pulver nicht erfunden hatte. Sie äußerten es auch, im Gegensatz zum Meister, der es höf­licherweise für sich behielt. Als ich die Gehilfen fragte, wer denn das Zeug überhaupt erfunden habe, nannten sie einstimmig den Mönch Berthold Schwarz. Am nächsten Tage bewies ich ihnen schwarz auf weiß, daß sie das Schießpulver den Chinesen zuschrei­ben mußten - von da an waren sie alle etwas freundlicher zu mir. Man soll übrigens nie eine Nuß doof nennen, ohne hineingeschaut zu haben. Auch mein Lehrlingskollege von der Konkurrenz im Unterdorf war sicherlich klüger als seine Arbeitsmethode es vermuten ließ. Er hatte laut Auftrag seine Meisters mit dem Spachtel Ta­pete von den Wänden zu kratzen, aus­gerechnet in einem Hause, wo zur Mittagszeit die Bewohner ein Nickerchen machten. Natürlich war die Arbeit mit einigem Lärm verbunden, der dem Lehrling schließlich mißbilligende Blicke einbrachte. „Wat soll ich dann mache?", fragte er weinerlich seinen Arbeitskollegen. „Afkratze jit eben Krach." „Dann wickele gefälligst einen Lappen um den Spachtel'', grinste der Geselle. Lehrling Michael war ein folgsamer Stift. Er versuchte es 10 Minuten lang. Dann hielt er dem Gehilfen den umwickelten Spachtel entgegen und meinte treuherzig: „Ihrlich - da jeht äffer nit jot!" Die gute, reichliche Saat, die mein Meister ausstreute, fiel bei mir gottlob nicht nur auf steinigen Boden. Hier und dort ging sie auf und nährte die Hoffnung, später wenigstens das tägliche Brot verdienen zu können. So erlernte ich unter anderem auch den Umgang mit Blattgold und wurde gelegentlich auf dem Friedhof beschäftigt, um die Schrift auf den Grabsteinen zu erneuern. Es war im wahrsten Sinne ein ruhiges Handwerk, denn die hauchdünnen Blättchen  erzitterten schon bei einem kräftigen Augenaufschlag. Immerhin  beeindruckte mich die Vergolderkunst so sehr, daß ich sie auch in Oberdollendorf am Grabstein meiner Verwandten praktizierte. Es war an einem Sommerabend, als ich im weißen Maler-Anzug fast reglos auf dem Grabe kniete, um die Inschrift des Steines mit Blattgold auszulegen. Wahrscheinlich machte deshalb die kurzsichtige, späte Friedhofsbesucherin am Tor gleich wieder kehrt. Eine Stunde später stand plötzlich ein Bekannter hinter mir und sagte etwas enttäuscht: „Ach du bist es ja nur." „Wieso, wer soll es sonst sein?" fragte ich erstaunt. Dann berichtete er, was die  kurzsichtige Dame erzählt  hatte: „Unheimlich - auf unserem Friedhof liegt eine weiße Gestalt mitten auf einem Grab. Sie rührt sich kaum, nur ab und zu macht sie eine Verbeugung, tupft gegen den Stein und verbeugt sich wieder. - Da bin ich doch lieber gleich wieder umgekehrt."

*
„Handwerk  hat  goldenen  Boden", sagten die Eltern, Lehrer und viele, die nichts davon kannten. Ich will das Sprichwort keineswegs infrage stel­len, obwohl ich immer noch nach dem besagten Boden suche und dabei am Wochenende manchmal aussehe wie ein Osterei. Dennoch ist mir die Achtung vor dem Handwerk geblieben. Es ist nach wie vor ein ehrbarer Stand - vielleicht weil das Handwerk den ganzen Menschen verlangt, sein Denken, die geschickte Hand und nicht zuletzt auch sein Herz.

ENDE

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 7 vom 21.02.1970; Zeichnungen und Erzählung: Jean Assenmacher
Zur Verfügung gestellt von
Rudolf Pieper (SZ)
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