Aufnahme: 1970
Meine Lehrjahre bei Meister Wendel (Teil 1)
In einer großen Illustrierten stand es neulich schwarz auf weiß: „Die Menschen werden klüger von Tag zu Tag und jeder Neugeborene profitiert davon durch die mit Intelligenz angereicherte Erbanlage." Na, dann Prost! - Uns kann es nur recht sein, obwohl mir persönlich immer noch einige Probleme viel zu schaffen machen. Zum Beispiel, wenn ich im Urlaub versuche, Makkaroni stilgerecht zu essen oder mein Lieblingsgemüse, junge Erbsen, auf der Gabel in der Balance zu halten. Ein gehässiger Bekannter empfahl mir, die Erbsen mit flüssigem Honig anrichten zu lassen. Ich weiß zwar nicht wie es schmeckt, aber auf der Gabel würden die Dinger dann zweifellos besser halten. Dieses „Klüger werden" haben die Illustrierten-Schreiber auch sicherlich nicht gemeint, sondern jenes Mehrwissen, das uns durch Schule und Beruf vermittelt wird. Leider ist die Berufswahl heutzutage neben der Verdienstfrage auch schon zur Kleiderfrage geworden. Kein Mensch will mehr schmutzig werden oder in ausgebeulten Hosen dem Broterwerb nachgehen. Und wenn im Jahre 2000 eventuell ein einziger Mann samstags die Maschine in Gang bringt, die dreihundert Arbeiter ersetzt, so tut er es womöglich im Schlafanzug, weil er sich anschließend noch einige Stunden hinlegen will. Spaß beiseite, ganz so weit ist es noch nicht. Wir werden alle noch eine Weile fleißig unsere Hände gebrauchen müssen - natürlich auch den Kopf, sofern einer vorhanden ist. Vielleit sollte man dem Schicksal sogar dafür danken, denn wo blieben sonst die Erinnerungen an die erkenntnisreiche Zeit zwischen Saat und Ernte? Wenn ich heute Amüsantes aus einer Handwerker-Lehrzeit erzähle, dann mögen die älteren Leser sich dabei an ihre eigenen Lehrjahre erinnern, die jungen aber daran ersehen, was seitdem anders geworden ist - weniger romantisch, zwar lohnender, aber leider auch sehr viel hektischer.
Der Meister.
Das Farben- und Tapetenhaus Wendel gehört seit langem zu Oberpleis wie die Milch zur Kuh. Damals, vor rund vierzig Jahren, war es noch ein kleiner Laden, in dem ich gelegentlich für Kunden ein Pfund Ocker oder einen Liter Salmiakgeist abfüllen durfte. Allerdings nur ausnahmsweise, denn hauptberuflich war ich Maler- und Anstreicherlehrling, der mangels Erfahrung vorerst noch Leinöl in die Wasserfarben goß oder die Gesellen sonstwie zur Verzweiflung trieb. Mein Meister hatte eine Engelsgeduld mit mir und brachte schließlich das Kunststück fertig, aus dem hoffnungslosen Stift ein halbwegs brauchbares Mitglied der löblichen Malerzunft zu formen. Heute weiß ich längst, daß die Zeit zwischen Schulentlassung und Gesellenprüfung noch lange nicht die schlechteste war, obwohl damals die Lehrjahre noch keine Herrenjahre und die Portemonnaies der Lehrlinge keine Sammelplätze für Silberstücke waren. Der Beruf hatte Vorrang und Meister Wendel tat alles, um seine Schutzbefohlenen gründlich in die Geheimnisse einzuweihen. Er selbst war nicht nur ein Könner seines Faches, sondern auch ein geschickter Pädagoge, der lange Zeit in Oberpleis die Berufsschüler im Zeichnen unterrichtete. Die Firma beschäftigte durchschnittlich 5 bis 8 Gehilfen und 3 Lehrlinge. Die beiden jüngsten Stifte besaßen den „Führerschein" für die große, zweirädrige Handkarre. Oft mußte das hochbeladene Gefährt bis Ittenbach, Uthweiler oder in Richtung Asbach geschoben werden, denn das Malergeschäft Wendel war seiner soliden Arbeiten wegen allerorts bekannt. Manchmal kam der Meister auf einem Damenfahrrad unverhofft hinterher und fand seine Lehrlinge gemütlich im Straßengraben pausieren, während die Gesellen auf der Arbeitsstelle ungeduldig auf Kreide, Tapeten oder anderes Material warteten. Solange jedoch der Chef mit dem Fahrrad ankam, konnten wir Benjamine uns meist frühzeitig wieder in Trab setzen. Als aber eines Tages sein Sohn ein schnelles Motorrad, Marke „Imperia", sein Eigen nannte, mußten die Stifte im Straßengraben immer damit rechnen, daß der Meister auf dem Sozius wie eine Windböe an ihnen vorbeischoß.
Die eindrucksvollsten Begegnungen mit handwerklichem Können vermittelten vorwiegend die Werkstattarbeiten. Ich erlebte noch Kraftfahrzeuge, Pferdedroschken und nicht zuletzt die Brotwagen der Oberpleiser Bäckerei Henseler, wie sie von Meister Wendels Hand bemalt, beschriftet und lackiert wurden - alles per Pinsel, ohne Spritzpistole, Schablonen oder sonstiger Finessen. Damals galt noch das Volkswort: „Schnell on jot jedon, kann nie zesammenjohn." (Schnell und gut getan, kann niemals zusammengehen.) Im Gegensatz zu heute, wo es am Montagmorgen womöglich heißt: „Anstreicherkolonne, rechts um! - Die nächsten 5000 qm rollt - ab!"
Gestrichene Mittagspause
Natürlich durfte ich anfangs dem Meister lediglich die Schriftpausen oder den Farbtopf halten. Mit der Zeit jedoch paarte sich das Erlernte mit handwerklicher Frechheit, und so erhielt ich eines Sommers den vermeintlich schönsten Auftrag meiner Lehrzeit. Zwischen Herresbach und Birlinghoven sollten nämlich die Kilometersteine gestrichen und mit Zahlen versehen werden. Damals standen kleine Steine in je hundert Meter Entfernung und erst beim vollen Kilometer ein großer, unübersehbarer Brocken. Bei herrlichem Sonnenschein fuhr ich mit dem Fahrrad tagelang die Strecke ab und pinselte mit Bleiweiß. Dann begann die Beschriftung. Ich weiß heute leider die genauen Zahlen nicht mehr, aber nehmen wir einmal an: 4,1 - 4,2 - 4,3 usw. Zwischendurch kamen einheimische Burschen vorbei, mit denen ich intensive Sportgespräche führte. An Kilometer 5,7 hatte ich Feierabend und fuhr nach Hause. Am nächsten Tage gings munter weiter - 5,8 und nach Adam Riese eigentlich 5,9 - aber Pustekuchen - ich stand plötzlich erschrocken vor dem großen Stein, der mit 6 beschriftet werden mußte. Mir fehlten also ganze 100 Meter, das heißt: Ich hatte einen Stein übersehen, ausgerechnet bei 5,2, wo tags zuvor die sportliche Diskussion stattgefunden hatte. Es war zweifellos die gerechte Strafe, daß ich mit Terpentin, Lappen und Fingernägel den durcheinandergeratenen Kilometer neu ordnen mußte - natürlich heimlich, auf Kosten meiner Mittagspause, da mit dem Meister unnötiger Kummer erspart blieb. Es war nicht die einzige Mittagszeit, die ich freiwillig opferte. Es geschah allerdings immer, um eine mißlungene Arbeit zu begradigen. Als ich im Oberpleiser Hotel Söntgen zum ersten Male ein Fremdenzimmer allein tapezieren durfte, schnitt ich prompt alle Bahnen 20 Zentimenter zu kurz auf und versuchte während der Mittagspause verzweifelt die passenden Stücke oben anzusetzen. Es gelang eigentlich ganz gut, aber ausgerechnet während der Korrektur erschien Meister Wendel. „Da mußte doch etwas faul sein", soll er später zum Altgesellen gesagt haben. „Ausgerechnet unser eßfreudigster Stift pfeift auf sein Mittagessen." Damals war es üblich, daß Gesellen und Lehrlinge ihre tägliche Verpflegung zur Arbeit mitbrachten. Die so genannten „Henkelmänner" - heutzutage nennt man sie im Zuge der gehobenen Sprachanwendung „Kartoffeletui" - wurden gegen elf Uhr vom jüngsten Stift dem Wendelschen Küchenherd anvertraut, wo die Hausfrau oder deren Tochter Christine anschließend für mundgerechte Speisetemperatur sorgte. Die Mittagspause aber fand bei schönem Wetter im Freien statt. Von einigen Ausnahmen abgesehen, war es für Lehrlinge undenkbar, die Gesellen mit dem vertraulichen „Du" anzusprechen. Ich habe es dennoch einmal gewagt, weniger aus Respektlosigkeit, sondern aus purer Wut. Es war die Zeit, als Max Schmeling auf der Höhe seines Erfolges stand. Für mich rangierte der Meisterboxer in der Wertschätzung noch vor dem damaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Leider dachte einer unserer Gesellen ganz anders. Während einer Mittagspause begann er mein Sportidol abzuwerten. Ich hätte mich natürlich beherrschen müssen. Aber versuchen Sie einmal, verehrte Leser, einem HSV-Anhänger den Uwe Seeler madig zu machen - Sie werden auch heute noch das blaue Wunder erleben. Dabei hatte ich mich damals nur zu der Bemerkung hinreißen lassen: „Wenn du schon von Sport nichts verstehst, solltest du wenigstens den Mund halten." Junge, Junge. - Ich konnte gerade noch rechtzeitig den Löffel ablegen und dank meiner Spurtgeschwindigkeit aus der eigentlichen Gefahrenzone entweichen. Die frechen Worte kosteten mich allerdings eine Handvoll Bratkartoffel, ein Spiegelei und einige zarte Spargelspitzen, denn dieses Menü nebst meinem „Henkelmann" warf der erboste Geselle unverzüglich hinter mir her. Die süße Rache erfolgte jedoch schon einen Tag später, indem ich den Essenbehälter des Widersachers beizeiten in den warmen Küchenherd gab, obwohl ich genau wußte, daß sich im „Henkelmann" Vanillepudding befand, den man bekanntlich kalt zu speisen pflegt.
Etwas zu ergänzen?
Kennen Sie abgebildete Personen, das Jahr oder Hintergründe zu diesem Bild? Schicken Sie uns einen Hinweis – wir prüfen ihn und ergänzen das Objekt.