Jugend- und Schulerinnerungen, erzählt von Johann Bennerscheid, XIV.Teil
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Aufnahme: 1970

Jugend- und Schulerinnerungen, erzählt von Johann Bennerscheid, XIV.Teil

"Ich werde immer wieder gefragt, ob ich meine „Jugenderinnerungen" nicht weiterschreiben wolle. Es ist erstaunlich, wie auswärtige Leser der Siebengebirgs-Zeitung auf meine Aufsätze reagieren, manche Zuschriften erhalte ich aus diesen Kreisen, wofür ich an dieser Stelle danken möchte. Mein letzter Artikel erschien am 6. September 1969. Während dieser Zeit lag ich viele Wochen an Rippenfellentzündung erkrankt im Krankenhaus. Dort haben mich die Ärzte und die Pflege der Schwestern wieder soweit zusammengeflickt, dass ich auf vielseitigen Wunsch meine „Erinnerungen" wieder aufnehmen kann.

Der „Gesells Petter"
Ich schrieb zuletzt von dem alten braven „Gesells Petter". Dieser war Friseur und Hausschlachter. Am Tage schabte er den Schweinen, die er geschlachtet hatte, die Borsten ab und abends die Bartstoppeln der Männer und Jünglinge, die zu diesem Zweck in seine Rasierstube kamen. Dabei waren die Schweine im Vorteil, da sie mausetot waren, denn sie spürten von dieser Prozedur nichts, wohingegen beim Rasieren am „lebenden Objekt" öfter Grimassen geschnitten wurden, wenn das Messer nicht recht schneiden wollte. Einen „Damensalon" gab es damals noch nicht. Wenn sich die weibliche Jugend fein machen wollte, stellte sie die Dauer- und Wasserwellen mittels der „Klöckelschere" her, die zuvor über dem Zylinder der Petroleumlampe glühend gemacht wurde. Vielleicht wurde damals gegen heute viel Geld gespart.

Ich hatte den „Gesells Petter" eigentlich schon verabschiedet, da erreichte mich noch ein Anruf von Gemeindekämmerer i. R. Josef Düppenbecker aus Sieglar, früher wohnhaft in Oberpleis. Dieser erzählte mir noch einen Witz von dem braven „Petter", worauf ich mir nicht versagen möchte, diese „Köstlichkeit" noch nachzuschreiben. Als gedienter Artillerist und Teilnehmer des Feldzuges 1870/71 war der „Petter" ein begeistertes Mitglied des Kameradenvereins, der zu der Zeit zum größten Teil aus Teilnehmern dieses Feldzuges bestand. Gesell war Fahnensekundant und trug bei festlichen Gelegenheiten einen schwarzen Anzug mit schwarzweißer Schärpe und einen Zylinder. Das Hochfest feierte der Kameradenverein zu Kaisers Geburtstag. Morgens war heilige Messe, an der wir Schulkinder auch teilnehmen mussten. Nach der Messe hatte der Kameradenverein auf dem Kirchplatz Appell. Theodor Bellinghausen aus Hartenberg, wohl einer der ältesten Kriegsteilnehmer, ließ antreten, ausrichten usw. Dann erstattete er Meldung an den Sanitätsrat Dr. Frings, der, als früherer Oberstabsarzt, in Uniform erschienen war. Dieser hielt eine kurze Anspache, die in dem üblichen „Majestätshurra" ausklang, die Helden zogen dann geschlossen zum alten Zoll, die Treppe hinauf in das kleine Sälchen, wo der ganze Feldzug noch einmal aufgerollt wurde.

Inzwischen hatten wir Kinder eine Feier in der Schule. Der Pfarrer, als Lokalschulinspektor war da und noch einige Herren vom Schulvorstand. Lehrer Harth hielt eine kurze Rede, es wurden Gedichte aufgesagt und einige patriotische Lieder gesungen. Dieses alles mit einem sehnsüchtigen Blick in die Ecke des Schulzimmers, wo ein großer Korb mit den köstlichen Geburtstagsstuten stand, denn nach der Feier erhielt jedes Kind einen solchen Stuten und wir zogen hochbefriedigt nach Hause. Gegen zwei Uhr war auch die große Schlacht der Veteranen beim alten Zoll beendet und die Krieger zogen sieges und alkoholfreudig nach Hause, wo sie von ihren Frauen ob des langen Ausbleibens mehr oder weniger freundlich empfangen wurden. Unser Fahnensekundant Peter Gesell zog auch die Straße hinunter. Den Zylinder schief auf dem Kopf sang er, weniger schön als laut: „Bei Sedan, wohl auf der Höhe usw." Als er bei seiner Wohnung ankam, stand dort auf der Höhe der Treppe seine Frau. Gesell wollte die Höhe der Treppe im Sturm nehmen, musste aber auf halbem Wege in die Knie gehen, denn das genossene „Zielwasser" hatte ihn doch unsicher gemacht. Den Rest der Treppe versuchte er in „Anschleichformation" zu nehmen. Auf der Höhe angelangt, richtete er sich an seiner Frau, „sengem leven Bell", wieder in die Höhe, fasste sie um den Hals und gedachte, mit diesem leichten Geplänkel die Schlacht zu beenden.

Seine Frau, sonst immer lieb und freundlich, war durch das lange Ausbleiben, ihres Ehemannes verärgert und fuhr schwere Geschütze auf. „Petter" in die Abwehr gedrängt, Schoss scharf zurück und es entwickelte sich dann eine Redeschlacht, die weithin zu hören war. Die lieben Nachbarn hatten schon lange „Horchposten" bezogen. In diesem Augenblick kam der frühere Pfarrer Schmitz vorbei, blieb stehen und sagte zu Gesell: „Herr Gesell, das ist aber nicht schön, dass Sie mit ihrer Frau so schimpfen." Da sagte der „Petter" zum Herrn Pastor: „Leeven Här Pastur, wenn Ühr meng Bell hat, dann dät Ühr noch lauter schängen wie ich." Kopfschüttelnd ging Pastor Schmitz weiter, solchen Eheargumenten war er scheinbar nicht gewachsen. Dann führte „et Bell" ihren Mann liebevoll ins Haus. Die Schlacht war damit beendet und die „Horchposten" konnten sich wieder auf ihre Ausgangsstellungen zurückziehen.

Im Oberdorf von Oberpleis existierte früher ein zweiter Friseur, die älteren Leute werden ihn noch unter dem Namen „Heildiener" gekannt haben. Er wohnte in einem kleinen Häuschen, wo heute die Tankstelle Hödtke-Bellinghausen steht. Seine Frau zog mit einem Korb voll Kleinkram über Land hausieren. Der Mann hieß Broich und war als Friseur nicht sehr beschäftigt, wohl aus dem Grund, weil er immer unangenehm kalte Hände hatte, auf ihn passte wohl das Lied: „O, wie eiskalt ist dein Händchen". Nebenbei verkaufte er Heilmittel gegen Hühneraugen, Gicht, Bauchweh usw. Auch konnte er zur Ader lassen und Blutegel ansetzen, deshalb der Name-" „Heildiener".

Der Friseur Quad
Noch einen dritten Rasiermesserhelden möchte ich hier nicht unerwähnt lassen und zwar den ehrsamen Friseur Christian Quad aus Oberpleis. Im Nebenberuf war er Obst und Gemüsehändler. Als kleines Kind kann ich mich noch daran erinnern, dass an der Stelle, wo jetzt die Metzgerei Mirbach steht, eine kleine Gastwirtschaft stand, die allerdings höher lag wie die Trasse der Straße, man musste von der Straße den Berg hinauf. Beim Bau der Häuser Lichtenberg wurde dieser Berg abgetragen und mit der Straße gleichgelegt. Der Inhaber dieser kleinen Wirtschaft hieß Steinringen und war ein Onkel des Wirtes Jakob Lichtenberg. Aus diesem Hause stammte die Familie Steinringen, die früher in Oberpleis wohnte; zum Beispiel die Zahndentistin Frau Schmitz geb. Steinringen, sowie auch Ännchen Steinringen, die bei ihrem Neffen Peter Krey wohnte und dort eine Büglerei betrieb. Zuerst hat Jakob Lichtenberg, genannt „Köbes" noch die Wirtschaft auf dem „Berge" betrieben, die er von seinem Onkel, Steinringen, übernommen hatte. Dann baute der Köbes die beiden Häuser gleich an der Straße. Eines davon verkaufte er seinem Bruder Adolf und in dem anderen betrieb er die Gastwirtschaft weiter. Die „Köbes-Lena", leider kürzlich verstorben, erzählte mir einmal, dass sie noch in dem Hause auf dem „Berge" geboren wäre, ihr Vater hätte sie dann, noch als „Wickelditzgen," in das inzwischen fertiggestellte neue Haus getragen.

Der „Köbes" überließ das Haus nebenan seinem Bruder Adolf, der dort mit seiner Frau, der allbekannten „Tante Agnes", die heute, wohl 90 Jahre alt, noch lebt, eine Metzgerei einrichtete. Tante Agnes hielt nebenbei Kostgänger, ihre gute Küche war bekannt. Später übernahm Johannes Mirbach die Metzgerei. Mirbach, unter dem Namen „Mirbachs Hannes" bekannt, war bis dahin Geselle bei seinem Oheim, Josef Lichtenberg. Die Familie Mirbach stammt aus Mönchengladbach. Die alten Eheleute Mirbach haben in Oberpleis bei ihrem Sohn „Hannes" ihren Lebensabend verbracht. Wenn auch der Name Mirbach geblieben ist, so hat sich die Leitung doch verjüngt, der Schwiegersohn Josef Weiser hat die Metzgerei übernommen, er betreibt diese in altbekannter Güte weiter. Und nun zurück zu unserem ehrbaren Meister Quad, der in der Wirtschaft Steinringen auf dem „Berge" eine Rasierstube eingerichtet hatte. Als nun der „Köbes" in sein neues Haus zog, bekam hier auch Quad eine Friseurstube eingeräumt.

Hier hat Quad noch lange gewohnt, dann an verschiedenen anderen Stellen und zuletzt im Unterdorf, Bürling gegenüber. Hier betrieb er auch einen schwungvollen Obsthandel. Quad lief über die Dörfer, kaufte Obst ein, welches er wieder an seine Kunden absetzte. Damals existierte der „Erzeuger Großmarkt" in Bonn noch nicht, auch kannte man die bequemen Obstkisten nicht, das Obst wurde in Körben verpackt, darüber kam eine Lage Stroh, welches mit Gertenspriegel festgehalten wurde. Es war eine mühsame Arbeit für Quad, besonders da er wegen eines Beinleidens sehr hinkte. Während der Obstzeit hatte Quad das ganze Haus voller Obstkörbe stehen, auch die Rasierstube. Die Kunden waren das gewöhnt, sie schlängelten sich durch die Obstkörbe hindurch zum Rasierstuhl. Eines Tages kam auch der damalige Vikar und jetziger Prälat Derichs um sich die Haare schneiden  zu lassen. Es war in der Obstzeit und Quad hatte die Stube voller Obstkörbe, bereit zum Abtransport, stehen.

Quad vermeinte nun dem hohen Herrn gegenüber wäre doch etwas mehr Rücksicht am Platze. Da er nun wegen seines Beinleidens die Körbe nicht , selbst hinausschleppen konnte, seine Frau aber schon geraume Zeit auf der Straße stand, um mit der Nachbarin kurz Neuigkeiten auszutauschen, riss er das Fenster auf und rief: „Frau ; komm erenn un dohn de Quetschen erus, ech moß usem Verkarries de Hoor schneggen." Die arme Frau Quad kam eilends gelaufen, sie schleppte mühsam die Körbe aus der Stube und Quad geleitete seinen hohen Besuch zum Frisierstuhl, wo er seines Amtes waltete. Dann schleppte Frau Quad die Körbe wieder in die Stube, wobei ihr Vikar Derichs behilflich war. Quad fühlte sich über den hohen Besuch und die prompte Bedienung hochgeehrt. Damals hat sich Herr Vikar Derichs über die Geschichte köstlich amüsiert.

Peter Bürling und sein Motorrad
Da ich nun im Unterdorf bin, möchte ich noch kurz bei dem ehrsamen Dachdeckermeister Peter Bürling einkehren. Bürling und auch Quad hatten den Schalk im Nacken sitzen, der ihnen viel zu schaffen machte. Wenn die beiden beim Kalauern waren, gingen den Zuhörern die Haare zu Berge. Über Bürling wären viele Witze zu erzählen, eines möchte ich hier herausgreifen. Bürling war einer der ersten Motorradbesitzer in Oberpleis. Es war ein altes Vehikel mit einem klobigen Motor. Wenn Bürling damit über die Straße fuhr, brachten sich Menschen und Tiere in Sicherheit. An einem Winterabend musste Bürling noch geschäftlich nach Ittenbach. Da es sehr kalt war, kehrte er in einer Wirtschaft ein, um sich etwas aufzuwärmen.

In der Gaststube saß der allbekannte feuchtfröhliche Martin G. schon leicht angesäuselt. Bürling rieb sich die Hände und sagte zu Martin, er möge doch so gut sein und ihm ein Brikett in sein Motorrad legen, damit das Feuer in der Kälte nicht ausginge, er selbst könne mit seinen frostkalten Fingern das Ofentürchen nicht aufmachen. Martin, dem damals die Technik eines Motorrades noch unbekannt war, schnappte sich aus dem Kohlenkasten ein Brikett und ging stolz hinaus. Nach einiger Zeit kam Martin kleinlaut zurück: „Meester Bürling, Ühr mot es met john, ech kann et Öfjen net finge." („Meister Bürling, Sie müssen mitgehen, ich kann das Öfchen nicht finden"}. Fortsetzung folgt"

  Unser Bild zeigt das Wohnhaus und die Werkstatt von Peter Bürling.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 11 vom 31.03. 1970
Zur Verfügung gestellt von
Willi Joliet; Fotograf unbekannt
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Johann Bennerscheid erinnert sich Gewerbe Presseberichte Presseberichte 1 (bis 1989)
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