75 Jahre Raiffeisenbank Oberpleis

Aufnahme: 1965

75 Jahre Raiffeisenbank Oberpleis

Die Siebengebirgs-Zeitung berichtete:

Am Palmsonntag, dem 11. April 1965, um 10 Uhr wird im Saale Bellinghausen in Oberpleis die Jubiläumsveranstaltung anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Raiffeisenbank Oberpleis stattfinden. Wir meinen, dass dies Anlass genug ist, einmal in der Chronik der Genossenschaft zu blättern, um einen Rückblick über diesen langen ereignisvollen Zeitabschnitt zu geben. An dieser Stelle möchten wir der Geschäftsführung der Raiffeisenbank Oberpleis e.G.m.b.H. für die Unterlagen, die sie uns zur Verfügung stellte, recht herzlich danken.

"Die größte Wohltat, die man einem Menschen erweisen kann, ist seine Erziehung zur Selbsthilfe.

In der Einigkeit liegt unsere Stärke, im einigen Streben die Gewissheit des Erfolges."

Große Worte eines großen Mannes. Sie sind der Leitspruch und Leitgedanke des Freiherrn Felix von Loe, eines Mitbegründers des Verbandes Rheinischer Genossenschaften Raiffeisen e. V. in Köln. Es sind Worte tiefster Überzeugung und christlicher Gesinnung.

Diese Worte waren auch zu allen Zeiten das Leitbild der Raiffeisenbank Oberpleis, sie sind Vorbild für ihr Handeln und Wirken.

Blättern wir aber zunächst einmal zurück, um in den Annalen der Geschichte festzustellen, wie es überhaupt zur Gründung solcher genossenschaftlicher Organisationen kam.

Der moderne Gedanke der wirtschaftlichen Selbsthilfe des Landvolkes wurde von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Bürgermeister in Weyerbusch und Flammersfeld, in die Tat umgesetzt. Treue Wegbereiter und Helfer fand er in den Persönlichkeiten wie dem Freiherrn Felix von Loe und Geheimrat Havenstein. Diese Männer sahen im genossenschaftlichen Zusammenschluss einen Weg zur Abhilfe der ländlichen Not.

Eine große Missernte 1846/47 brachte vielen Gegenden des Rheinlandes große Lebensmittelknappheit und Hungersnot. Diese Notlage war für Raiffeisen der Anlass, bereits 1847 in Weyerbusch, Kreis Altenkirchen, zur Hilfe für die Bevölkerung einen Konsum-Verein, den sog. "Brotverein" zu gründen. Es reifte dann in ihm der Plan, mit solchen Einrichtungen nicht nur die akute Not zu bekämpfen, sondern die allgemeine wirtschaftliche Lage der ländlichen Bevölkerung zu verbessern.

1849 gründete er in Flammersfeld, wohin er inzwischen als Bürgermeister versetzt worden war, den "Flammersfelder Hülfs-Verein zur Unterstützung minderbemittelter Landwirte." Dieser Verein wurde der Vorläufer der ländlichen Kreditgenossenschaften.

Soweit die allgemeine Geschichte des ländlichen Genossenschaftswesens.

Eben mit dem gleichen Gedanken, zur Gründung des Oberpleiser Darlehnskassen-Vereins e. G. m. b. H., schlossen sich am 8. Mai 1890 durch die Initiative des damaligen Hauptlehrers Karl-Josef Hardt und des Bürgermeisters Heuser 53 Bürger zusammen. Da im Oberpleiser Gebiet keine Kasse vertreten und die zwingende Notwendigkeit einer Selbsthilfeeinrichtung erforderlich war, konnte die Kasse nach dem Vorbild Raiffeisens bald ihre segensreiche Arbeit aufnehmen.

Die Gründer hatten, wie aus dem Eröffnungsprotokoll hervorgeht, das Ziel, die Verhältnisse der Vereinsmitglieder in jeder Beziehung zu verbessern und die dazu notwendigen Voraussetzungen zu schaffen, nämlich, die zu Darlehen an die Mitglieder erforderlichen Geldmittel unter gemeinschaftlicher Garantie zu beschaffen und auch müßig liegende Gelder anzunehmen und zu verzinsen. Die Genossenschaftsführung sollte und soll gemäß der Satzung u. a. durch die materielle Verbesserung der Lebensverhältnisse auch für die sittliche Hebung der Mitglieder sorgen.

Die Bürger von Oberpleis und Umgebung hatten nunmehr die Möglichkeit, ihre Ersparnisse bei ihrer Kasse gegen eine durchschnittliche Verzinsung von 3-4% einzuzahlen. Dadurch konnte vielen Mitgliedern aus ihrer Notlage durch Gewährung von Darlehen zu einem Zinssatz von 4-4,5% geholfen werden. Oftmals gerieten Landwirte durch Unglücksfälle, Dürrejahre, Viehverluste oder Ähnliches in eine große Notlage. Sie waren besonders für die Hilfe der Kasse dankbar und nicht mehr gezwungen, zu Wuchersätzen Geld zu leihen. Dadurch konnte manche Familie ihren Besitz erhalten.

Auch im gemeinsamen Bezug von Waren zeigten sich erhebliche Vorteile. Beispielsweise wurden im Jahre 1894/95 54 Waggon Kohlen bezogen und unter die Mitglieder verteilt. 1896 wurde am Bahnhof ein Kohlenlager errichtet. Es erfolgte dann auch der gemeinsame Bezug von Torf, Düngemittel und Saatgut.

Dass für die Mitglieder auch auf dem Sektor der schulischen Weiterbildung viel getan wurde, zeigen die Referate und Lichtbildervorträge, die von den Gründerjahren bis zum Beginn des 2. Weltkrieges halbjährlich stattfanden.

Nachfolgend die wichtigsten Ereignisse und Leistungen der Raiffeisenbank seit ihrer Gründung: 1904 erhielten verschiedene Orte zum Bau von Wasserleitungen (die Wasserversorgung erfolgte dis dahin ausschließlich aus Brunnen) Darlehen in Höhe von 300 000,- RM.

1910 wurde, um eine bessere und schnellere Versorgung mit Brennmaterialien zu gewährleisten, die Anschaffung einer Fuhrwerkswaage und der Neubau eines Kohlenlager beschlossen.

In den Kriegsjahren 1914-1918 wurden den zu den Fahnen einberufenen Mitgliedern je 20,- DM zum Weihnachtsfeste ausgezahlt. Die Jubiläumsfeier 1915 zum 25jährigen Bestehen konnte wegen den Kriegswirren nicht stattfinden.

Bei der Generalversammlung im Jahre 1918 hielt der damalige Divisionspfarrer und spätere Prälat Peter Buchholz, der vor zwei Jahren verstarb, einen Vortrag über die Kriegslage und bat die Versammelten, den Mut nicht sinken zu lassen und Ruhe und Ordnung zu bewahren.

Nach dem verlorenen Kriege wurden die Zeiten noch schwerer. Trotzdem konnte die Genossenschaft in den Nachkriegsjahren noch eine beachtliche Aufwärtsentwicklung verzeichnen, bis im Jahre 1923 die Vermögenswerte der Kasse fast restlos durch die Inflation verloren gingen. Die Aufwertung erbrachte noch eine Summe von RM 55 000,-. Diese wurden unter die Sparer aufgeteilt. Erstaunlich war auch nach der Inflation die rege Spartätigkeit. Die Mitglieder fassten neuen Mut, und so konnte dieser Verlust überwunden werden. 1926 machte man sich erstmals Gedanken darüber, ein neues Bankhaus zu bauen. Es wurde ein Grundstück erworben und im Jahre 1928 das Kassengebäude neben unserem jetzigen Neubau errichtet. Bis dahin war die Kasse in den Räumlichkeiten des damaligen Rendanten Herrn Matthias Bellinghausen untergebracht.

Begünstigt durch den Neubau war dann eine noch größere Aktivität festzustellen. 1930 wurde das 40-jährige Bestehen der Kasse gefeiert. In Anwesenheit der Ehrengäste Pfarrer Lemmen, Bürgermeister Hahn und Landwirtschaftsrat Siebenhüter wurden die noch lebenden vier Gründer besonders geehrt.

Es waren dies Johann Weber aus Grengelsbitze, Wilhelm Weber aus Bellinghausen, Christian Röttgen aus Weiler, Matth. Bellinghausen aus Oberpleis.

Matthias Bellinghausen konnte in jenem Jahre gleichzeitig auf sein 40-jähriges Dienstjubiläum zurückblicken. Er hatte die Kasse seit der Gründung zur vollsten Zufriedenheit geführt. Als er im Jahre 1931 wegen Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand trat, übernahm für ihn sein Sohn Christian Bellinghausen die Leitung der Genossenschaft.

Mit Beginn des 2. Weltkrieges war die geruhsame Zeit endgültig vorbei. Die Kriegs- und Nachkriegszeiten verursachten der Genossenschaft starke Rückschläge.

Nach der Währungsreform 1948 setzte nach einer kurzen Stagnierung doch wieder eine erfolgreiche Geschäftsbelebung ein.

1953 übernahm Johann Quirrenbach aus Berghausen die Geschäftsführung für den in den Ruhestand getretenen Christian Bellinghausen aus Oberpleis.

1956 wurde ein neues Bankhaus für DM 130000,- errichtet. In den Orten Thomasberg und Eudenbach wurden zur besseren Kundenbetreuung Zweigstellen errichtet. Einen beachtlichen Aufschwung erlebte das Warengeschäft der Raiffeisenbank in den letzten 15 Jahren.

Im Jahre 1958 übernahm Herr Heinz Renn aus Hennef von Herrn Karl Reuter, der 36 Jahre lang der Genossenschaft aufrichtig und fleißig gedient hatte, die Geschäftsführung des Warengeschäftes. Das Lagergebäude am Ortseingang von Oberpleis wurde durch Anbau von Lagerhallen und Umbau von bestehenden Räumlichkeiten wesentlich erweitert und vergrößert. Neben dem Bau eines großen Getreidesilos wurden 4 LKWs angeschafft, um den laufend steigenden Umsatz bewältigen zu können. Nach dem freiwilligen Ausscheiden von Herrn Johann Quirrenbach im Jahre 1962 wurde Herr Theodor Schleder als neuer Geschäftsführer der Bank berufen.

1965 sind 7 1/2 Jahrzehnte seit der Gründung der Raiffeisenbank vergangen, ein langer Zeitabschnitt voller genossenschaftlicher Aufbauarbeit und Leistung. Möge die Raiffeisenbank Oberpleis e.G.m.b.H. auch in der Zukunft das Erbe Raiffeisens würdig fortsetzen und als "Bank für jedermann" zum Wohle der heimischen Bevölkerung tätig sein.

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Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 15 vom 10. April 1965
Zur Verfügung gestellt von
Paul Winterscheidt, Foto: Michael Haaks
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