Aufnahme: 1960

Detlev Mesenberg mit Patentante Erna vor dem neuen Laden im Laubenweg. 1960er Jahre

Von Pullovern bis zu Tanks – eine geschäftstüchtige Familie

Mit einem Schaukasten am Wohnhaus in der Eudenbacher Straße fing es an. Die junge Kriegswitwe Hannelore (Hella) Mesenberg, die es im Krieg von Köln nach Magdeburg verschlagen hatte, war 1946 ins Rheinland umgesiedelt worden und landete in Berghausen. Dort hatte sie den Schuhmachermeister Heinrich Westerhausen kennengelernt und 1948 geheiratet. Mit ihm und ihrem Sohn Detlev zog sie nach Eudenbach und begann, um zum Unterhalt der Familie beizutragen, mit dem Verkauf von Wolle und dem Stricken von Pullovern sowie anderer Strickwaren auf Bestellung. Zu Werbezwecken wurde neben der Haustür ein Schaukasten für Wolle und allerlei Strickwaren angebracht. In der Mietwohnung hatte die junge Frau sich ein Arbeitszimmer mit zwei Strickmaschinen eingerichtet und strickte dort eifrig. „Vor Weihnachten legte sie auch Nachtschichten ein“, erinnert sich Detlev Mesenberg. 1947 hatte Hella das Damenkomitee „Amazonen drink us“ mitgegründet und dank ihres rheinischen Naturells war sie schnell heimisch im Ort und allseits beliebt. Auch Ehemann Heinrich beteiligte sich gerne am gesellschaftlichen Leben im Oberhau, etwa als Sänger im Männerchor Quirrenbach oder später im Elferrat der KG „Spitz pass op“, und „Vitamin B“ förderte auch das Geschäft.  

Bereits 1949 konnte Hella eine größere Strickmaschine anschaffen, auf der sie nun 2,50 Meter breite Bahnen strickte, die dann mit einer Zuschneidemaschine in Form gebracht wurden. Sohn Detlev, dem sie einige modische Pullover strickte, diente quasi als „Model“, um für die Produktion der Mutter zu werben. Die Strickwaren von Hella Westerhausen waren sehr beliebt. Jean Dohle aus Quirrenbach, Gründer der Dohle-Handelsgruppe, etwa ließ sich von ihr jährlich zwei neue Pullover stricken, wie sich Detlev Mesenberg erinnert.   

1953 ergab sich die Möglichkeit, das Geschäft zu vergrößern. Familie Westerhausen zog in das Haus der früheren Kolonialwarenhandlung Radermacher an der Hauptstraße 17  (heute: Unterdorfstraße/ Ecke Eudenbacher Straße), in der Fleischermeister Anton Radermacher gerade eine neue Metzgerei eröffnet hatte. Hinter der Metzgerei erhielt Hella Westerhausen für ihre Textilgeschäft einen Raum mit etwa 30 Quadratmeter großer Verkaufsfläche und gläsernen Theken. Ein 1,50 mal 1 Meter großer Schaukasten, der an der Hauptstraße in einer neuerrichteten Mauer zwischen der Metzgerei und dem benachbarten Friseursalon eingebaut und mit verschiedenen Textilien bestückt war, machte die Passanten auf den Laden aufmerksam. Die Strickerei gab Hella Westerhausen nun auf. Stattdessen schaffte sie eine Laufmaschen-Reparaturmaschine an, mit der sie für 7,5 Pfennige pro Laufmasche die damals noch kostbaren Nylon- und Perlonstrümpfe der Damen reparierte. Bei größeren Familienfeiern diente der Laden auch hin und wieder als Festzimmer. So erinnert sich Detlev Mesenberg beispielsweise daran, dass für die Feier seiner Erstkommunion 1954 die gläsernen Theken mit weißen Tischtüchern verhüllt waren. 

Nach der Geburt des zweiten Sohnes, Thomas, im Jahr 1958 baute Familie Westerhausen im Laubenweg ein neues Wohnhaus, das 1959 bezogen wurde. Im Erdgeschoss bekam Hella nun ihren „ersten richtigen“ Laden mit Umkleidekabinen und einer Wäscherei- beziehungsweise Reinigungsannahme. Sie verkaufte Wäsche und Textilien der traditionsreichen Firmen Brügelmann und Schell, Markenstrümpfe von Glaeser, Hudson und „Nur die“, Schreib- und Spielwaren, die aus Siegburg - später Hangelar - bezogen wurden, sowie Kosmetik und frei verkäufliche Arzneien. 

Das Geschäft florierte und so wurden bald zwei Mitarbeiterinnen eingestellt. Manchmal half auch Hellas Mutter Maria Schlangen aus. Schwiegertochter Erika Mesenberg, eine ausgebildete Einzelhandelskauffrau, stieg ab 1967 in das Geschäft ein. Ab 1970 machte sich bei der Geschäftsinhaberin Multiple Sklerose bemerkbar, die sie schließlich hinderte weiter im Laden zu stehen. So nahm Erika Mesenberg die Zügel in die Hand und führte den Laden auch nach dem Tod der Schwiegermutter weiter. Die wachsende Konkurrenz durch Supermärkte wie Globus und Vorteil Center führte schließlich dazu, dass der Laden am 30. September 1979 endgültig geschlossen wurde. 

Sohn Detlev, der ursprünglich das Geschäft der Mutter übernehmen sollte, hatte 1961 eine Lehre als Großhandelskaufmann bei Schell Moden in Hangelar begonnen. Doch ab 1966 vertrat er nach einigen Schulungen fünf Jahre lang die Hamburger Haarkosmetik-Firma Schwarzkopf als Bezirksleiter im Raum Köln/ Bonn. 1970 wurde er als bester Verkäufer geehrt.  Nach einigen Jahren im Kaufhof Siegburg, wo er in der Abteilung Kurz- und Hartwaren sowie Modewaren beschäftigt war, wechselte er zum Stahlhandel in Bad Kreuznach, baute fünf Jahre lang Tanks und machte sich 1979 mit einer deutschlandweit tätigen Tankreinigungsfirma selbständig, die er bis 2000 führte und dann verkaufte. 

 Neubau im Laubenweg kurz vor der Fertigstellung 1959

Quelle
Fotoarchiv: Detlev Mesenberg
Zur Verfügung gestellt von
Christa Gast, freie Journalistin: Firmengeschichte; Detlev Mesenberg: Fotos
Räume & Galerien
Gewerbe
Aufrufe
201

Etwas zu ergänzen?

Kennen Sie abgebildete Personen, das Jahr oder Hintergründe zu diesem Bild? Schicken Sie uns einen Hinweis – wir prüfen ihn und ergänzen das Objekt.