Aufnahme: 2024
Grabung bei Bennerscheid Archäologie-Studierende stoßen auf Funde aus der Römerzeit
Keramikscherben, buntes Mosaikglas und sogar ein Spielstein: Archäologie-Studierende der Uni Bonn sind bei einer Grabung bei Bennerscheid auf Spuren aus der Römerzeit gestoßen. Tief ins Erdreich vordringen mussten sie dafür nicht.
Fünf Wochen lang haben Archäologie-Studierende der Bonner Universität bei Königswinter-Bennerscheid nach Spuren aus der Römerzeit gesucht. Mit Erfolg. Der Fund von unzähligen Keramikscherben, die mehrere Kisten füllen, aber auch buntem Mosaikglas einer Schale und einem Spielstein deutet darauf hin, dass an der Stadtgrenze zu Hennef, wo in verschiedenen Epochen Bleierze abgebaut wurden, auch die Römer vor über 2000 Jahren in großem Stil Blei und Silber förderten.
Es ist die siebte Ausgrabung der Abteilung für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Uni Bonn in Kooperation mit dem LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland in diesem, heute aufgelassenen Montanrevier seit dem Jahr 2018. Bereits vor über 30 Jahren hatte Landwirt Heinz Wolter aus Rübhausen als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Außenstelle Overath des LVR-Amtes darauf hingewiesen, dass er in den Wurzeltellern umgestürzter Bäume bei Bennerscheid Keramikscherben und Schlacke wie sie bei der Erzverhüttung entsteht gefunden habe. „Wir haben ihm die Entdeckung nahezu aller Fundstellen zu verdanken“, sagt Torsten Rünger, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Bonn, der die Ausgrabung gemeinsamen mit Professor Jan Bemmann auch in diesem Jahr leitet.
Bergwerksgelände erstreckt sich bis nach Hennef
Anhand des geborgenen aussagekräftigen Materials an Keramikscherben, Radiokarbondatierungen an Holzkohlen und Münzen lassen sich vier Nutzungsphasen unterscheiden: die späte Eisenzeit, hier etwa das 2. und 1. Jahrhundert vor Christus, die frühe Römische Kaiserzeit, als die Römer auch in die Gebiete östlich des Rheins vordrangen, das Hochmittelalter im 11. und 12. Jahrhundert und die späte Neuzeit zwischen 1800 und 1875, als erneut unter dem Namen Grube Altglück Bergbau betrieben wurde. „Es hat während der Römerzeit eine hohe Nachfrage nach Blei und Silber gegeben“, so Rünger. Das Blei wurde unter anderem für Wasserleitungen, im Bauwesen oder dem Schiffsbau verwendet, Silber vor allem für Münzen. In den vergangenen Jahren habe man sich intensiv mit den Werkplätzen zur Gewinnung und Weiterverarbeitung dieser Metalle beschäftigt. Das Bergwerksgelände bei Bennerscheid erstreckt sich über 1,2 Quadratkilometer bis in das Gebiet der Gemeinde Hennef hinein und ist durch zahlreiche Pingen, Halden, Terrassierungen, Stollenmundlöcher, einen kleinen Ringwall sowie einen etwa einen Kilometer langen Abbaugraben geprägt. Insgesamt sieben verschiedene Fundstellen beidseits der heutigen Neuglückstraße wurden dabei als solche Werkplätze gedeutet. Die gesamte Prozesskette der Blei- und Silbergewinnung wurde gründlich erforscht, auch mit Hilfe des Deutschen Bergbau-Museums in Bochum.
Hinweise auf Lager oder Siedlung
Gleichzeitig fragte man sich aber auch, wo die Menschen, die vor Ort im Bergbau tätig waren, damals wohnten. „Bei der jetzigen Ausgrabung sind wir offenbar fündig geworden“, ist Rünger zuversichtlich. Heinz Wolter hatte hier bereits vor 16 Jahren in Baumwurzeltellern nach Stürmen zahlreiche Scherben qualitativ hochwertiger Keramikgefäße aufgelesen. Die Geländeschnitte bestätigten jetzt diese Oberflächenfunde. „Diese Art der Keramik, so genannte belgische Ware und Terra Sigillata, die wir in hoher Konzentration gefunden haben, wurde für Ess- und Trinkgeschirr verwendet. Hinzu kommen Reibschalen und Reste verbrannter Tierknochen, gleichzeitig fehlen Hinweise auf die Metallverhüttung, wie sie für die Werkplätze typisch sind. Dies legt nahe, dass hier entweder saisonal gelagert oder ganzjährig gesiedelt wurde“, so Rünger. Zudem haben die Studierenden im Boden mehrere Pfostengruben mit einem Durchmesser von etwa 30 Zentimetern entdeckt, die ein Hinweis darauf sein könnten, dass hier in der Römerzeit einmal Gebäude gestanden haben.
Bei den Suchschnitten schauen die zehn Studierenden des zweiten bis vierten Semesters aus verschiedenen archäologischen Studiengängen dabei gezielt nach orange-roten Bodenverfärbungen, die oft Hinweise auf frühere Feuerstellen sind. Dabei ist ihre Muskelkraft gefragt. Gegraben wird nur per Hand, ein Bagger wird im Natur- und Landschaftsschutzgebiet nicht eingesetzt. „Wir müssen dabei an dieser Stelle nur eine handbreit in die Tiefe gehen. Die Spuren der Vergangenheit liegen unmittelbar unter dem Waldboden, was schon erstaunlich ist“, sagt Rünger.
Bodenproben werden systematisch auch für naturwissenschaftliche Analysen genommen. Beispielsweise lässt sich das Alter von Holzkohlen über so genannte Radiokarbondatierungen ermitteln. Ein weiterer Schwerpunkt der Geländearbeiten liegt auf der Erforschung der früheren Umwelt und Landschaft, die durch den Jahrtausende langen Bergbau stark beeinflusst wurden. Anhand von geoarchäologischen Untersuchungen kann etwa die Schwermetallbelastung der Böden ermittelt werden. „Der Nachweis von Bodenerosion gilt hingegen als unmittelbare Folge intensiver Abholzung des Waldes und veränderte das Geländerelief bis heute“, so der Wissenschaftler.
„Wir schaffen nur kleine Schaufenster in die römische Vergangenheit“, sagt Rünger. Dabei seien die Ergebnisse, die die Studienanfänger gerade in diesem Jahr zu Tage gefördert haben, schon bemerkenswert. „Da gehört aber auch Glück dazu.“ Genauso wichtig wie die Funde ist bei den Ausgrabungen der Lernerfolg. Die angehenden Wissenschaftler lernen, wie und wo man ausgräbt, wie man eine ebene Fläche, das so genannte Planum, anlegt, wie man Proben für naturwissenschaftliche Untersuchungen nimmt und wie man Funde birgt und Befunde, wie etwa Gruben, dokumentiert.
Zum vollständigen Bericht im General-Anzeiger - siehe Link unten
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