Aufnahme: 2000

Eine „Volksbank" schließt ihre Pforten

Zusammengetragen von Winfried Görres

"Eine Ära geht nach 105 Jahren in Heisterbacherrott zu Ende. Trotz Protest und Unterschriftensammlung schließt die Zweigstelle der Volksbank Bonn Rhein-Sieg in Heisterbacherrott am 20. Oktober 2000 ihre Pforten.

Begonnen hatte alles im Jahr 1895. In der Generalversammlung des Heisterbacherrotter Spar- und Darlehnsvereins am 20. Januar 1895 berichtete der Vorsteher, Wilhelm Sains, dass über die Kaution des Rendanten J. P. Mohr, welcher sich für zweitausend Mark verbürgte, ein notarieller Akt am 11. Januar erfolgt sei. Als Bürge wird Michael Mohr aus Bellinghausen genannt, der 'sein daselbst gelegenes Wohnhaus und Garten im Versicherungswert von 4500 Mark als Unterpfand stellt'. Die Führung des Spar- und Darlehnsvereins bestand somit aus dem Vorstand, dem Aufsichtsrat und dem Rendanten J. P. Mohr.

Die ersten Räume dieser Genossenschaft müssten auf dem Grundstück gestanden haben, welches Mitte der 1990er Jahre von der Volksbank Bonn Rhein-Sieg für den Neubau erworben wurde, denn Grundstück und Haus gehörten in späteren Jahren J. P. Mohr. Zum Bezirk der Darlehnskasse werden genannt: die Ortschaften in der Bürgermeisterei sowie die Orte und Weiler Rosenau, Bennert, Wiese, Thomasberg und Grengelsbitze. Ferner legte die Versammlung dem Vorstand anheim, Geld gegen gute Bürgschaft auszuleihen, auch an Bürger der angrenzenden Bürgermeisterei Oberpleis.

In den nächsten Jahren befasste sich die Spar- und Darlehnskasse mit der Beschaffung von zwei Maschinen für ihre Genossenschaftsmitglieder. So wurde 1899 ein Trieur (Getreidereinigungsmaschine) und ein Düngerstreuer angeschafft. Zu diesem Zeitpunkt muss schon ein kleines Lagerhaus in der oberen Ölbergstraße bestanden haben, denn hier wurden beide Maschinen untergebracht. Ebenso beschlossen die 112 Mitglieder auf ihrer Versammlung den Ankauf von Kohlen, Brikett sowie einen gemischten Wagon Kunstdünger zu bestellen. Da sich die Kasse immer mehr vergrößerte und das Betriebskapital von 50000 Mark schon lange nicht mehr ausreichte, beantragte man am 23. März 1902 eine Erhöhung auf 300000 Mark. 1904 schaffte man zwei Geburtshelfer fürs Kuhkalben an. Ein Geburtshelfer wurde bei einem Vorstandsmitglied im Niederdorf und der andere im Lagerhaus im Oberdorf aufbewahrt. In späteren Jahren kamen dann in die Liste der Bestellungen Saatkartoffeln hinzu. In den Kriegsjahren 1917 und 1918 lag die Bestellung der Saatkartoffeln z. B. bei 400 Zentner.

Nach dem Tod des Rendanten J. P. Mohr im Jahr 1925 wurde Wilhelm Görres II zu seinem Nachfolger und gleichzeitig als Vorstandsmitglied gewählt. Durch Umbau seines Hauses an der mittleren Ölbergstraße konnten hier zwei Geschäftsräume eingerichtet werden. Görres hatte ursprünglich den Beruf des Baumschulisten bei Peter Moll erlernt. Bedingt durch starke Kriegsverletzungen im ersten Weltkrieg konnte er diesen Beruf aber nicht mehr ausüben, und so erlernte er nun das 'Kassenhandwerk'. In den nachfolgenden Jahren baute Görres die Spar- und Darlehnskasse für die damalige Zeit zu einem leistungsstarken Bank- und Warengeschäft weiter aus. Ebenso wurde von ihm auf seinem Grundstück ein weiteres Warenlager für Kunstdünger, Saatgut und Spritzutensilien eingerichtet. Kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges sorgte Görres in weiser Voraussicht dafür, dass alle Unterlagen der Sparkasse in die Steinbruchstollen im Limperichsberg in Sicherheit gebracht wurden und damit alle Geschäftsunterlagen und Spareinlagen der Bevölkerung erhalten blieben.

Durch den Tod von Görres 1946 wurde Hermann-Josef Mehren zum neuen Rendanten gewählt. Ihm folgte dann am 1. Januar 1951 Peter Wertenbruch als Geschäftsführer und ein Jahr später als Rendant. Er machte allerdings zur Bedingung, da er infolge Abberufung noch als Rendant der gleichen Kasse in Niederpleis vorstellig war, nur abends von sechs bis acht Uhr in Heisterbacherrott zur Verfügung zu stehen. Ein Wilhelm Unkelbach aus Thomasberg erklärte sich bereit, nach einer gewissen Einarbeitung Herrn Wertenbruch zu unterstützen. Diesen Vorschlag lehnte man zuerst dankend ab, nahm aber zu einem späteren Zeitpunkt diese Unterstützung an.

Wertenbruch war dann bis zum 30. Dezember 1984 Geschäftsführer und Zweigstellenleiter. Anfang 1952 verlegte man die Geschäftsräume und das Warenlager ins Haus und auf das Grundstück von Johann Müller, rund 150 Meter näher zur Ortsmitte. Hier richtete man zusätzlich zur Herbstzeit eine Obstsammelstelle ein und transportierte das Obst von hier zur Markthalle in Bonn. Fallobst wurde gegen einen geringen Aufpreis in Apfelsaft umgetauscht. Die Sammelstelle bestand bis ins erste Viertel der 1960er Jahre.

Da das Volumen der Kasse und der Warenumsatz zunahmen, entschloss man sich 1960 zum Neubau eines Geschäfts- und Lagerhauses an der unteren Ölbergstraße. Schon drei Jahre später, 1963, erfolgte der Ankauf einer weiteren Grundstücksparzelle zwecks Vergrößerung der Geschäftsstelle. In diesen Jahren erfolgte auf Betreiben von Wertenbruch die Änderung der Rechtsform. War die Spar- und Darlehnskasse bisher eine Genossenschaft mit unbeschränkter Haftung, so wurde sie nun in eine Genossenschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt. Diese Änderung hatte den Vorzug, dass die Mitglieder nicht mehr mit ihrem ganzen Vermögen hafteten.

1969 kam es dann zu einer Verschmelzung mit der Raiffeisenbank Oberpleis. Heisterbacherrott wurde Zweigstelle dieser Bank. Durch Rückgang der hiesigen Landwirtschaft und durch die Verschmelzung mit Oberpleis, wo ebenfalls ein Warenlager bestand, wurde 1970 das Warenlager in Heisterbacherrott aufgelöst. Den 'Dienst am Kunden' in Bezug auf die Warenlieferung wurde bis zu diesem Zeitpunkt oft genug für ältere Leute von Herrn Wertenbruch selbst durchgeführt. Nicht selten sah man ihn nach Dienstschluss noch mit der Sackkarre Waren ausfahren.

1996 stimmte man der Fusion mit der Volksbank Bonn zu, womit eine Umbenennung in Volksbank Bonn Rhein-Sieg erfolgte. Nach dem in den Ruhestand versetzten Zweigstellenleiter Peter Wertenbruch übernahm zunächst Herr Haina die Leitung der Zweigstelle, dem am 1. Oktober 1999 Peter Löbach folgte.

Jetzt steht nun die Schließung der Zweigstelle Heisterbacherrott bevor. Das Bemühen und der persönliche Einsatz der Rendanten in den Jahren von 1895 bis 1969, ein eigenständiges und gesundes Bankwesen für den hiesigen Ort aufzubauen, geht mit dem 20. Oktober 2000 nach 105-jährigem Bestehen zu Ende. Für sie standen der persönliche Kontakt und die Menschlichkeit genau so hoch im Kurs wie das Geschäftsinteresse. Bei der heutigen Geschäftsführung zählen vermutlich nur noch die Zahlen. Eine gesunde Bank mit schwarzen Zahlen war sie immer, aber anscheinend der Geschäftsleitung in Oberpleis und Bonn nicht schwarz genug. Ob damit der Name 'Volksbank' noch gerechtfertigt ist?"

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr. 43 vom 26. Oktober 2000 (Text)
Zur Verfügung gestellt von
Friedrich Müller (SZ) / Verein Gutenberghaus Bad Honnef (Foto)
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Aus Siebengebirgs-Zeitung Gewerbe Heisterbacherrott
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