Aufnahme: 1989 (Text)

Erinnerungen an Hauptlehrer Matthias Schonauer

Matthias Schonauer wurde am 18. Mai 1857 in dem kleinen Ort Harperoth, heute zu Thomasberg gehörend, geboren. Seine Ahnen waren Landwirte. Sein Urgroßvater väterlicherseits war Halbwinner (Pächter) auf dem Fronhof in Heisterbacherrott. Nach seinem Lehrerexamen und dem Militärdienst erhielt er seine erste LehrersteIle im Jahre 1879 an einer Volksschule in Oberkassel. Nach einem Jahr wurde er an die Schule seines Heimatortes Thomasberg versetzt. Infolge der steigenden Schülerzahlen mussten weitere Lehrkräfte eingestellt werden, so daß die Schule nachher drei und vier Klassen hatte. Schonauer wurde später zum Hauptlehrer ernannt.

In dieser Schule wirkte er über vierzig Jahre lang, von 1880 bis zum Jahre 1922. Bis dahin wohnte er in der Lehrerdienstwohnung, die er nach seiner Pensionierung räumen musste. Er zog nach Oberpleis in ein heute noch stehendes Fachwerkhaus, das er zu kaufen beabsichtigte. Die Kaufverhandlungen scheiterten, deshalb zog er im Jahre 1926 nach Bonn, wo seine Kinder und Enkel wohnten. In Oberpleis war für kurze Zeit seine berühmte Steinsammlung untergebracht. Matthias Schonauer wäre gerne in seiner Heimat geblieben, was aus vielen seiner Äußerungen hervorging. Schonauer ist durch seine geologischen Forschungen weit über seine Heimat hinaus bekannt und geachtet worden. Unklar ist bis heute, wo er die hierfür notwendigen Kenntnisse erworben hat, wohl kaum durch sein Studium am Lehrerseminar, wahrscheinlich durch eigene Fortbildung. Matthias Schonauer war ein leidenschaftlicher Geologe. Besonders um die Jahrhundertwende hat er die meisten seiner Gesteinsarten zusammengetragen.

Im Jahrbuch des Rhein-Sieg-Kreises für 1988 schreibt Herr Ossendorf auf Seite 12: "Schonauer, aus dem Siebengebirge stammend, widmete sich mit seiner ganzen Kraft der Steinwelt des Siebengebirges. Ihm verdankt die Nachwelt eine lückenlose Auflistung sämtlicher vorkommenden Gesteinsarten, die im Siebengebirge bekannt sind. Gelehrte von Weltruf bestätigten schon in den 20er Jahren, daß es Schonauer gelungen sei, die Siebengebirgsgesteine vollkommen zusammenzustellen. "

"Von Schonauer ist überliefert, daß er, besonders in den Schulferien, mit Rucksack und Handwerkszeug in den Sieben Bergen von Steinbruch zu Steinbruch wanderte, um nach Mineralien zu suchen. Er beschränkte sich nicht nur auf die bekannten Kuppen des Siebengebirges, sondern dehnte seine Suche auch auf die umliegenden Hügel des Hinterlandes, ja sogar bis in den Raum Asbach aus. In einer mir vorliegenden Aufstellung hat er auch Steine vom Limbergskopf, zwischen Buchholz (Westerwald) und Asbach gelegen, und auch vom Bennauerkopf bei Asbach gefunden und aufgezeichnet. Da er wiederholt in dieselben Steinbrüche und Gruben kam, kannten ihr die Arbeiter und unterstützten sein Vorhaben. Sie verwahrten ihm Steine mit besonderen Merkmalen wie Farbe und Aussehen. Außer den am meisten bekannten Steinarten des Gebirges wie Basalt, Trachyt, Andesit und Tuffe fand er viele Gesteine mit Einschlüssen. Unter anderem erwähnt er Calcit, Pyrit, Jaspis, Saphir, Aragonit, Olivin und andere. Ein Laie hätte nicht angenommen, daß seine Untersuchungen eine solche Vielfalt von Mineralien ergeben hätten.

In der Mitte der zwanziger Jahre hieß es in Oberpleis, daß der Siegkreis die Steinsammlung Schonauers angekauft habe. Dieses Gerücht hat sich als unrichtig erwiesen. Experten vermuteten, daß nicht der Kreis, sondern der Geschichts- und Altertumsverein e.V. in Siegburg die Sammlung erworben hätte. Aus den Unterlagen, die mir die Nachkommen Schonauers aus Bonn überlassen haben, geht einwandfrei hervor, daß tatsächlich der genannte Verein der Ankäufer war. Der damalige Vorsitzende, Bürgermeister Becker aus Siegburg, hat am 31. Januar 1928 mit Schonauer einen Kaufvertrag unterzeichnet. Heute ist die Sammlung im Besitz der Stadt Siegburg.

Dass die Sammlung nicht nach Königswinter kam, wo ihr wirklicher Platz ist, könnte darauf zurückzuführen sein, daß das Heimatmuseum erst 1926 gegründet wurde. Es hat viele Jahre gedauert, bis die Räume entsprechend eingerichtet waren. Laut einem Bericht im Bonner General Anzeiger vom 8. August 1938 wurde das Museum - 12 Jahre nach seiner Gründung - an diesem Tag förmlich eröffnet. In dem genannten Zeitungsbericht wurden alle Personen namentlich erwähnt, die sich um das Siebengebirge und die Heimat verdient gemacht hatten, darunter auch Matthias Schonauer, der damals nicht mehr lebte. Seine Steinsammlung war bei der feierlichen Eröffnung dort ausgestellt, was aus dem Zeitungsartikel hervorgeht. Es wurde hierbei hervorgehoben, daß die Gesteine nach ihren Arten übersichtlich getrennt gelagert waren. Hiernach muß die Sammlung ganz oder teilweise dem Museum in Königswinter als Leihgabe überlassen worden sein, denn sie kam nachher wieder nach Siegburg.

Die Exponate und Sammlungen des städtischen Museums in Siegburg lagern zurzeit noch in den Kellern des Rathauses. Das Humperdinckhaus am Marktplatz in Siegburg, in dem lange Jahre das Amtsgericht untergebracht war, wird das künftige Siegburger Stadtmuseum. Die Um- und Instandsetzungsarbeiten sind in vollem Gange. Das Museum soll am 2. Dezember 1989 eröffnet werden. Alsdann werden die Schätze, die bisher mehrfach verlagert werden mussten, eine endgültige' Bleibe finden. In dem bereits genannten Jahrbuch des Rhein-SieqKreises von 1988 schreibt Herr Fischer auf Seite 23, daß die Fossilien der Rotter Braunkohle den Schwerpunkt der geologischen Sammlungen bilden werden. Diese Stellungnahme gibt mir Veranlassung, vorzuschlagen, die Steinsammlung Schonauer dem Siebengebirgsmuseum in Königswinter zu überlassen, für immer oder als Leihgabe. Viele werden mit mir der Meinung sein, daß sie dort mehr Interessenten und Besucher anziehen wird als in Siegburg. Besonders möchte ich hervorheben, daß Matthias Schonauer eine vollständige Steinsammlung des Siebengebirges der Stadt Bonn geschenkt hat. Diese Sammlung war im Museum der Villa Obernier jahrelang ausgestellt. Der Verbleib der Exponate ist unbekannt. Vermutlich sind sie im zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Die Nachforschungen der Erben sind bisher ergebnislos geblieben.

Daß Schonauer über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt und geschätzt war, geht aus der Tatsache hervor, daß er auf Wunsch des Rektors der Universität Bonn dort Vorträge über seine Forschungsergebnisse hielt. Auch hat er auf Wunsch der Universität wiederholt an Exkursionen mit den Studenten im Gebirge teilgenommen und konnte diesen manche Erläuterungen und Wissenswertes vermitteln. Hieraus geht hervor, daß die Herren der Universität das Werk Schonauers zu würdigen wussten. Er war nicht nur Geologe, sondern auch der erste Heimatforscher unserer Gegend überhaupt. So hat er in den Jahren von 1928 bis 1930 in über 60 Fortsetzungen in der damaligen Kirchenzeitung der Pfarre Oberpleis Geschichtliches und Wissenswertes aus unserer Heimat veröffentlicht.

Seine Ehefrau war eine geborene Bellinghausen. Daher war es verständlich, daß er sich besonders für die Geschichte der adeligen und bürgerlichen Bellinghausen interessierte und glaubte, daß die Bellinghausen Adelige als Ahnen haben. Hierüber ist viel geschrieben worden. Zuletzt hat ein Peter Bellinghausen aus Detmold seine Forschungen über die Familien Bellinghausen in der Siebengebirgs-Zeitung in acht Folgen im Jahre 1985 veröffentlicht. In seinem Schlusswort deutet er an, daß eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass sowohl das Rittergeschlecht wie die bürgerlichen Bellinghausen vom Bellinghauserhof herrühren. In seinen Erinnerungen hat Schonauer, obwohl Etymologie nicht sein spezielles Wissensgebiet war, verschiedene Ortsnamen gedeutet. Als Beispiel sei Ruttscheid genannt. Schonauer war der Auffassung, daß die erste Silbe von Roden kommt, während die Endung soviel wie Grenze heißt. Eine Begründung für Roden erübrigt sich, weil in den früheren Rodeperioden sicher auch hier gerodet werden musste. Südlich des Ortes war jahrhundertelang die Grenze zwischen dem Herzogtum Berg und der Enklave Köniqswinter mit Ittenbach, die zu Kur-Köln gehörte. Die Grenze hieß am Landgraben. Bis zur kommunalen Neuordnung im Jahre 1969 war es auch die Grenze zwischen den Gemeinden Oberpleis und Ittenbach.

In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg war der Schulbezirk Thomasberg die wirtschaftlich ärmste Gegend hinter den Sieben Bergen. In Thomasberg gab es nur wenige hauptberufliche Landwirte und nur einige Geschäftsleute und selbständige Handwerker, etwa 80.  Schonauer war auch Imker und Mitbegründer des Bienenzuchtvereins Oberpleis, der heute noch existiert. Das Vereinsleben war ohne ihn nicht denkbar. In Oberpleis bestand bis zum zweiten Weltkrieg ein Verein Heimatpflege, dessen Vorsitzender er war. Nach seinem Umzug nach Bonn wurde er zum Ehrenmitglied ernannt. Auch war er Vorsitzender der Lehrervereinigung Siebengebirge.

Am 23. August 1931 starb Matthias Schonauer in Bonn. Er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Bonner Nordfriedhof. Die Teilnahme an seiner Beisetzung war außergewöhnlich groß. Nicht nur die vielen Verwandten der Familien Bellinghausen und Schonauer, auch die Vereine aus Thomasberg mit ihren Fahnenabordnungen gaben ihm das letzte Geleit, genauso die vielen aktiven und pensionierten Berufskollegen. Aus den Nachrufen des Heimatvereins Oberpleis und der Lehrervereinigung Siebengebirge sei hier nur einiges erwähnt. So heißt es, daß er bei den Zusammenkünften viele interessante Vorträge gehalten hat. Seine vielen Wanderungen im Gebirge, die er in Rüstigkeit und Frische bis in die letzten Jahre unternahm, waren den Teilnehmern unvergessene Erlebnisse. Es heißt weiter: "Fast kein Weg, kein Gestein, kein Tier oder Pflanze waren ihm unbekannt." Im Nachruf der Lehrervereinigung wurde geschrieben: "Es war eine Wonne, unter der sachkundigen Führung des alten Herrn Schonauer die Heimat zu durchwandern und zu durchforschen."

Heute leben noch einige seiner ehemaligen Schüler und zahlreiche Thomasberger und Oberpleiser, die ihn kannten und schätzen gelernt haben. Von ihm sprechen heute noch alle mit Hochachtung. Bedauerlich ist nur, daß seitens der damaligen Amts- und Gemeindeverwaltung ihm die gebührende Anerkennung und Dank versagt geblieben sind. Nach seinem Tode wurde seitens der Behörde von Oberpleis weder kondoliert noch- ist ein Nachruf erschienen. Was Schonauer für das Siebengebirge und seine Heimat getan hat, ist beispielhaft. Sein Werk war auch der Grund, weshalb der Arbeitskreis Heimatkunde Oberpleis im letzten Jahr vorgeschlagen hat, eine Straße oder einen Weg nach ihm zu benennen. In der Reihe derjenigen, die sich um Königswinter und die Heimat verdient gemacht haben und nach denen Straßen benannt worden sind, darf Matthias Schonauer nicht fehlen.

Benutzte Quellen: Rhein-Sieg-Kreis-Jahrbuch 1988, General Anzeiger Bonn vom 8. 8. 1938, Liste der im Siebengebirge vorkommenden Gesteinsarten, Protokollbuch des Gesangvereins Thomasberg, Nachruf des Vereins Heimatpflege Oberpleis, Nachruf der Lehrervereinigung Siebengebirge, mündliche und schriftliche Auskünfte der Nachkommen Schonauers.

Quelle
Siebengebirgs-Zeitung Nr.25 vom 22. Juni 1989
Zur Verfügung gestellt von
Friedrich Müller
Räume & Galerien
Aus Siebengebirgs-Zeitung Schule Thomasberg
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