Aufnahme: 1981
Erinnerungen an heimatliches Bergland und an Haus Assenmacher in Pützbroichen
Von meinem Dollendorfer Fenster aus läßt Deutschlands nördlichster Rebenhang zwar den Blick nach Heisterbacherrott und Thomasberg nicht zu, doch meine Jugenderinnerungen, die mit diesen Orten eng verknüpft sind, kann der Weinberg gottlob nicht bremsen. Und wenn ich diesen Teil liebevoll heimatliches Bergland nenne, dann ist damit nicht etwa eine Unterscheidung zwischen oben und unten gemeint, sondern der Freude Ausdruck gegeben, daß unser Stadtgebiet so vielfältig und reizvoll gestaltet ist. Hand aufs Herz! — Wo findet man sonst noch Flußniederungen, Weinorte, Burgen, bewaldete Höhen und eben Bergland so nahe beisammen wie in der schönen Stadt Königswinter.
Damals — vor rund sechzig Jahren — bedeutete mir das „Scheid" zwischen Weilberg und Stenzelberg so etwas wie ein Gebirgspaß, hinter dem man zwar noch die deutsche Sprache spricht, wo jedoch Menschen mit besonderer Mentalität wohnen — abenteuerlustige, mutige Leute, die man gerne zu Freunden hat, noch mehr aber als Widersacher fürchtet. Die damalige Gebietszerstückelung in zahlreiche kleine Ortsteile und Flecke blieb für mich lange ein geographisches Wunder. Und wenn mir jemand prophezeit hätte, diese Gegend würde einmal meine heimliche Liebe, hätte ich ihn für bescheuert erklärt. Doch ausgerechnet in diesem Gebiet war mein Vater geboren, saßen die kinderreichen Großeltern und demzufolge auch einige Tanten und Onkels.
Die Großeltern liebte ich. Allein schon, daß ihr Haus in Pützbroichen stand, war mir die Zuneigung wert. Von einem Ort zu sprechen wäre allerdings vermessen gewesen, denn wenn sich irgendwo die Füchse „Gute Nacht" hätten sagen wollen, dann wäre es sicherlich dort gewesen. Anfangs schauten mich selbst meine Lehrer entgeistert an, wenn ich den Ortsnamen ins Feld führte, um damit zu bekunden, wie weltweit meine Sippe verstreut war.
„Pützbroichen — ja wo liegt denn das?"
„Im Gronewald", sagte ich dann. „Nicht weit vom Stüß und kurz vor dem Mitscherling."
Mit dieser Auskunft waren die Pädagogen meist restlos bedient und gaben das Fragespiel kopfschüttelnd auf. Woher hätten sie auch wissen sollen, daß der Mitscherling eine volkstümliche Flurbezeichnung war, auf dem Opa seine Frühkartoffeln anbaute.
Gronewald nannte mein Vater sein früheres Zuhause, jedenfalls traf das den Nagel auf den Kopf, denn ein grüner Wald, in dem hohe Ameisenhaufen, eine Menge Karnickellöcher und fast alle Baumarten zu finden waren, erstreckte sich von der Spitze des Oelberges bis vor die großelterliche Haustür. Alles wäre schön und noch viel romantischer gewesen, wenn mir der Weg dorthin nicht schon Tage vorher wie ein Alptraum auf der Seele gelegen hätte. Obwohl mein Vater einen Freifahrtschein für die damals verkehrende Heisterbacher Talbahn besaß und mit ein wenig Schlitzohrigkeit auch seine Familienmitglieder kostenlos hätte durchschmuggeln können, gingen wir nach Pützbroichen in der Regel zu Fuß. „Der Gesundheit wegen", meinte Papa auf mein ständiges Gemaule. Dabei hätte er merken müssen, daß ich bereits vor Heisterbach die Füße nachzog und meine Mutter spätestens hinter Heisterbacherrott von Gottes freier Natur die Nase gestrichen voll hatte.
Um so schmerzlicher wurde der Zustand, wenn die kleine Eisenbahn an uns vorbeidampfte und Vaters Berufskollegen vom Fahrpersonal feixend in die Gegend brüllten: „Wilhelm - Sohlen sparen, Talbahn fahren!" Ein kleiner Lichtblick war für mich das Keltersiefen, jener Hohlweg, der ein paar hundert Meter hinter Heisterbach den großen Straßenbogen im Mantelwald erheblich abkürzt und bald schon die „Scheid-Höhe" zwischen den beiden Kleinbergen erreicht.
Warum die Heisterbacherrotter „Ledderköpp" genannt werden, erfuhr ich erstmals in diesem Keltersiefen durch Vaters selbstgebastelte heimatkundliche Darstellung: Der Alte Fritz habe auch in Heisterbacherrott Soldaten angeworben und ihnen in einem dringenden Appell ans Herz gelegt, hart wie Stahl, flink wie Windhunde und zäh wie Leder zu werden. Zähere Soldaten habe der König nie wieder bekommen, meinte Papa, und so sei eben der Spitzname „Ledderköpp" an ihnen hängengeblieben. Von dieser Erklärung zehrte fortan meine große Hochachtung vor den Bewohnern um den Lauterbach — bis ich eines Tages bitter enttäuscht wurde, weil die Namensdeutung dem ledernen Kopf- und Nackenschutz zugesprochen wurde, den die Heisterbacherrotter Steinbrucharbeiter trugen, um bei ihrem harten Job die Haut zu schützen.
Auf dem Wege zum Gronewald aber ließen wir die „Hesprotter-City" links liegen. Es ging hinter dem Friedhof her, über Trampelpfade an Weidenzäunen und naturreinen Kuhfladen vorbei bis auf eine Wiesenhöhe in Bennertnähe. Wie harmlos die Gegend auch immer aussehen mochte, ein armseliges Bächlein wartete nur darauf, mir die Tour zu verleiden.
„Jodokus, wie siehst du wieder aus. So gehen wir mit dir nicht zu den Großeltern", sagte meine Mutter angesichts des Wassers. Dann kramte sie nach ihrem Taschentuch, tauchte es in den Bach und begann mich zu reinigen: die Hände, den Hals, das Gesicht. Und wenn sie das nasse Tuch spitz drehte, um damit in meinen Ohren zu quirlen, war der Zeitpunkt gekommen, wo ich das ganze Bergland verwünschte.
„So, das wärs — und daß du dich nun nicht wieder dreckig machst". Die letzte Korrektur erfolgte etwa 100 Meter vor Pützbroichen. Sie galt ausschließlich meinem Haar. Mama zog dann einen gebogenen Zierkamm aus ihrer hochgestreckten Frisur und bearbeitete damit meine Kopfhaut vom Nackenwirbel bis zur Nasenwurzel. — Heiliger Bimbam, dabei trug ich damals das Haar nur millimeterlang und vorne ein simples „Köbesjen", das man mit der angefeuchteten Hand im Darüberstreichen leicht hätte in Ordnung bringen können. Wie sinnlos die Prozedur manchmal war, zeigte sich eines Tages, als ich zehn Minuten später auf Opas Hofpflaster ausrutschte und einen Meter tiefer auf den zum Glück butterweichen Misthaufen fiel. Einzig Geschädigter wurde dabei mein fast neuer Matrosenanzug, der trotz bester Waschmittel anschließend zum „Werktags-Gewöbchen" degradiert werden mußte.
Das großelterliche Fachwerkhäuschen mit seinem Ortsschild „Pützbroichen", dem Geranke und Gewoge von Rosen und wildem Wein, dem altersschwachen Lattenzaun und dem Gott weiß wie alten hölzernen Hauskreuz an der Wegefront, wäre heute sicherlich eine romantische Sehenswürdigkeit. — Für mich sowie für meine zahlreichen Vettern und Cousinen war es damals schlichtweg das Paradies. Da änderte auch die danebenstehende schäbige Scheune nichts dran oder der nach Osten angeklebte Plumpsklo, der im Winter die Benutzer erschreckte, wenn nach freiem Fall in die Brühe ein paar eiskalte Spritzer unverhofft zurückschlugen. Es gehörte nun mal dazu, und hätte irgendetwas von diesen Dingen gefehlt, wäre es eben nicht Pützbroichen gewesen.
Zu einem Fest besonderer Art gestaltete sich meist die Gronewalder Kirmes. Nicht wegen des Rummelplatzes — der befand sich einen guten Kilometer entfernt in Thomasberg und bot außer einer Schiffschaukel höchstens noch den „Thele-Männekes" mit seinen Wundertüten als Attraktion. Dafür aber gab es bei den Großeltern „Appel- on Prommetaat", die man von ihrer Größe her fast schon als kleine Grundstücke bezeichnen konnte. Es kam eigentlich selten vor, daß ein Enkelkind über Nacht in Pützbroichen blieb. Einerseits war das Häuschen nicht dafür eingerichtet, zum andern hätten die quirligen Pänz die beschauliche Ruhe von Oma und Opa sicherlich gestört. Ich aber hatte einmal das Glück dort zu übernachten, und das ausgerechnet an Kirmes, wo außer mir auch noch riesige Kuchenfladen den Platz wegnahmen.
Im „Gronewald" lagen die Bleche mit den süßen, glitschigen Kuchenfladen während der Kirmestage „boven-op" hart neben der Brettertür zu einer winzigen Schlafkammer, in der ich das Vergnügen hatte, eine Nacht bleiben zu dürfen. Für mich war es schlichtweg die Seligkeit — und sollte mir später im Himmel ein ähnlich kleines Eckchen zugewiesen werden, wo ich mich so geborgen fühle, dann ist mir vor dem Jenseits nicht bange. Hoffentlich aber liegt oben kein Pflaumenkuchen vor der Tür, denn damals im Gronewald wartete das Kirmesgebäck hinterhältig darauf, mir einen bösen Streich zu spielen. Irgendwann zwang mich meine Blase zum Wachwerden. Wer denkt jedoch als schlaftrunkener Bub im Dunkeln beim Gange zum Klo daran, haarscharf am Festtagskuchen vorbeibalancieren zu müssen.
So trat ich denn auch prompt mit dem nackten Fuß ins kalte Apfelmus, machte vor Schreck eine halbe Linkswendung, rutschte dabei aus und hinterließ bei der Niederkunft mitten in dem danebenliegenden großen Pflaumenkuchen den Abdruck meiner unteren Rückenpartie. Doch Omas und Opas haben ein Herz für Kinder. Nicht mal meine Eltern erfuhren von dem Mißgeschick. Vielleicht war es besser so, denn vermutlich hätte ihnen der Kuchen nicht mehr geschmeckt, in dem ich mit meinem Hintern gesessen hatte.
Opa war ein ernster Mann mit blondem Schnäuzer, der eigentlich nicht zu ihm paßte, weil er an die Mauser eines Kanarienvogels erinnerte. Anfangs glaubte ich, Großvater sei auch ein strenger Mann, aber das stimmte nicht, denn er konnte wie ein Grab schweigen, wenn seine Kindeskinder ihn als alleinigen Zeugen einer Eselei hatten. Ob das mit den Singvögeln damals eine Eselei von mir war, möchte ich allerdings bezweifeln. Und wenn Opa anderer Meinung gewesen wäre, hätte er mir hinterher sicherlich nicht den Silberling in die Hand gedrückt.
Ein älterer Vetter aus der Stadt, der eigentlich selten nach Pützbroichen kam, hatte anscheinend zuviel von mittelalterlichen Vogelstellern gelesen und wollte es diesen Leuten ausgerechnet im Gronewald mit selbstgebastelten Leimruten gleichtun. In mir sah er einen Rotzpanz, der ihn bei seinem verbotenen Spiel nur stören würde. — Und dem war dann auch so.
Weil mir die gefiederten Sänger leid taten, schlich ich wie ein Indianer auf dem Kriegspfade hinter meinem Vetter her, machte den Tatort seines schändlichen Tuns ausfindig und versank dann in taktische Überlegungen, wie das Spiel zu vereiteln sei.
Die Leimrute entfernen schien mir zu auffällig, und das klebrige Zeug abkratzen ging nicht — das spürte ich schon bald an meinen Fingern. So blieben mir nur noch die trockenen Tannennadeln auf dem Waldboden. Zwei Hände voll über die Leimrute gerieben genügte, um sie so stumpf zu machen, daß nicht mal mehr eine Mücke dran kleben bleiben würde. Dann schlich ich auf Umwegen wieder ins großelterliche Haus zurück, tat so scheinheilig wie möglich und wartete geduldig auf des Vetters Reinfall.
Die Singvogelpleite wurde eine gute Stunde später mit wüsten Schimpfworten auf den Unbekannten bestätigt. Mich traf nur deshalb kein Verdacht, weil ich dem Vetter bei seinem Lamento saudumm ins Gesicht schaute. Nur Großvater zog mich hinterher beiseite und blickte mich fragend an. Er hatte nämlich beobachtet, daß mir Bonbon-Papierchen an den Fingern kleben blieben.
„Opa, sag ehrlich, möchtest du gefangen und in einen Käfig gesperrt werden?" fragte ich verantwortungsvoll.
„Nein", schmunzelte er. Dann schenkte er mir das bereits erwähnte Markstück und meinte: „50 Pfennige für deine Tierliebe — 50 Pfennige für die gute Idee mit den Tannennadeln. — Und nun halte den Mund und hau ab." Von diesem Tag an war mir Pützbroichen mit Wald, Vögel und Großeltern jederzeit einen mühsamen Fußmarsch wert. Und das blieb so bis ans Ende von Haus und Bewohner.
Wenn mich die Kindheit bei Heisterbacherrott nach rechts biegen ließ, um über Wiese und Bennert nach Gronewald zu kommen, führte mich später die Burschen- und Lehrzeit schnurstracks nach Osten bis Oberpleis, wo ich das bunte, ehrbare Handwerk eines Anstreichers erlernte. Obwohl das alte, ehrwürdige Heisterbacherrott an jungen, hübschen Mädchen keinen Mangel hatte, blieb der Ort für mich stets nur Durchfahrt. Trotzdem beeindruckten mich schon früh zwei Namen: „De Lehmachers Krus" und St. Judas Thaddäus. Allein schon die angebliche Herkunft des Gnadenbildes aus dem rheinischen Niederdollendorf machte mir den Heiligen äußerst sympathisch. Daß er außerdem in vielen Nöten Beistand gewähren konnte, war ein zusätzliches Plus.
Sogar Herzensangelegenheiten verschließt er sich nicht. Eine weitläufige, ledige Verwandte scheute damals keine Wege und Kerzen, um mit Judas Thaddäus Hilfe einen guten Mann zu bekommen. Es klappte tatsächlich — aber nach zwei Jahren hätte sie ihn am liebsten wieder zurückgegeben. Ich konnte lange nicht begreifen, daß der Heilige auch bei einem verlorengegangenen Portemonnaie ansprechbar war. Doch das Geld war knapp, und vielleicht hatte Judas Thaddäus als geborener Bauernsohn zu Lebzeiten selbst darunter gelitten. Meine Mama pilgerte mit Vorliebe nach Heisterbacherrott. Dabei hatte sie schon seit langem einen Mann und meines Wissens noch nie ein Portemonnaie verloren. Eigentlich hätte der Oberdollendorfer Pfarrpatron Laurentius beleidigt sein müssen, denn auch er gab sich alle Mühe, ein guter Fürsprecher seiner Schutzbefohlenen zu sein. Doch Mutter war eine kluge Frau, die bei der Popularität zweier so großer Heiligen sicherlich dachte: Doppelt genäht hält besser.
Eine ganz andere Erinnerung habe ich von „Lehmachers Krus" und seiner Gaststätte „Im grünen Kranz". Damals befand sich hinter dem beliebten Hause ein Fischteich, der sommertags im Rahmen einer Gartenwirtschaft von Tischen und Stühlen umstanden war. Anläßlich der Heisterbacherrotter Kirmes fanden auch drei junge Männer aus Oberdollendorf den Weg dorthin. Stark benebelt und willens, eine rheinische Schau abzuziehen, landeten sie schließlich sonntäglich gekleidet im trüben Wasser und drehten im Schwarm der entsetzten Fische ihre Ehrenrunde. Das Amüsement der zuschauenden Gäste muß groß gewesen sein, denn die Geschichte ist heute noch nicht ganz vergessen.
Etwa zu dieser Zeit lernte ich Oberpleis kennen. Doch was heißt schon kennen. — Ich war damals ein unerfahrener Stift, der große Mühe hatte, die dazugehörigen 50 Ortsteile unter einen Hut zu bringen. Natürlich könnte ich von meinen Erlebnissen berichten, doch das würde nichts bringen. Nur den ersten Eindruck vergesse ich nie. Er widerfuhr mir in einem Nebenraum der Malerwerkstätte Wendel, wo die Vorräte abgestellt waren.
„Jodokus, du mußt lernen, die einzelnen Flüssigkeiten mit der Nase zu unterscheiden", sagten die Gesellen und führten mich an drei nebeneinanderstehende große Korbflaschen. „Du weißt, es gibt Leinöl, Terpentin, Petroleum, Essig und was sonst nicht noch alles."
„Ja", sagte ich, „ein bißchen davon kenne ich schon."
„Gut", meinte der Altgeselle und zog den dicken Korken von der ersten Flasche. „Was ist also das?"
„Leinöl", antworte ich stolz.
Er öffnete die zweite Flasche. „Und das?"
„Terpentin", strahlte ich.
„Prima", lobten meine nichtamtlichen Prüfer. „Dann wirst du auch das letzte erraten."
Ich hielt meine Nase über die Öffnung, steckte sie fast in den Flaschenhals, zog den Duft ein und füllte meine Lunge bis zum Es-geht-nicht-mehr. — Als ich wieder zu mir kam und die Umgebung erkannte, liefen den Gesellen dicke Lachtränen über das Gesicht. Das war mein erster, tiefer Eindruck von Oberpleis: — Salmiakgeist.
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