Aufnahme: 2009 (Text)

Siefen oder sieben - Woher kommt der Name Siebengebirge?

                      
"Dass der Name Siebengebirge von Siefen kommt, klingt vernünftig, ist aber falsch." (Klaus Breuer)

                                                      
                               
Wie kommt das „Siebengebirge“ zu seinem Namen ?

Klaus Breuer

 

Mit seinen Spuren frühester Besiedlung im 1. Jh. v. Chr. auf dem Petersberg, mit seinen Steinbrüchen der Römer am Drachenfels im 1. Jh. n. Chr., mit seinen Burgen des Mittelalters auf Drachenfels, Wolkenburg, Löwenburg und Rosenau, mit seiner Anfang des 13. Jh. gegründeten Abtei Heisterbach, mit seinen Steinbrüchen ab dem 13. Jh. und verstärkt ab dem 19. Jh., mit der Wertschätzung seiner landschaftlichen Schönheit durch die holländischen Maler im 17. Jh. und besonders die englischen Rheinreisenden im 19. Jh. hat das Siebengebirge stets das Interesse der Menschen geweckt.

Wie aber kam dieses Gebirge, das nicht aus sieben, sondern aus rund vierzig Kuppen vulkanischen Ursprungs besteht, zu seinem Namen? Heute zählen wir, der Höhe nach geordnet, die folgenden sieben Berge dazu: Oelberg (461 m), Löwenburg (455 m), Lohrberg (435 m), Nonnenstromberg (335 m). Petersberg (331 m), Wolkenburg (324 m) und Drachenfels (321m). In nahezu allen Schriften zählten Oelberg, Löwenburg, Petersberg, Wolkenburg und Drachenfels zu den sieben, während die Auslese der beiden weiteren höchst unterschiedlich war. In seinem 1570 in Köln erschienenen lateinischen Gedicht über unsere Gegend hält der Münsteraner Kanoniker Bernhard Moller noch Blankenberg und den Dadenberg bei Linz als zu den sieben Bergen zählend.(1) Der Bonner Mineraloge Carl Wilhelm Nose, der als erster das Siebengebirge erforschte, rechnete in seinem 1789 veröffentlichten Werk „Orographische Briefe über das Siebengebirge“ statt des Lohrbergs und des Nonnenstrombergs noch den Breiberg (313 m) und den Himmerich (366 m) dazu. (2) Dieser Auffassung schloss sich 1805 der Godesberger Arzt Ferdinand Wurzer in seinem „Taschenbuch zur Bereisung des Siebengebirges und der benachbarten vulkanischen Gegenden“ an. (3) Selbst 1837 zählte der Kölner Gymnasiallehrer Ernst Weyden in seinem Büchlein „Godesberg, das Siebengebirge und ihre Umgebungen“ statt des Lohrbergs noch den Himmerich zu den sieben und merkte weiter an: „Von vielen wurden aber statt des Hemmerich auch die Rosenau, der Breiberich oder der Tränkberg als die siebente Höhe angeführt.“ (4) H. von Dechen, der Bonner Geologe und erste Vorsitzende des Verschönerungsverein für das Siebengebirge-VVS, benannte in seinem 1861 herausgegebenen Buch „Geognostischer Führer in das Siebengebirge am Rhein“ die heute üblichen sieben Berge, doch trifft seine Aussage, dies seien zugleich die höchsten, nicht zu: „In der Nähe des Drachenfels nach der Löwenburg hin erhebt sich die Wolkenburg; in der Nähe des Petersbergs der Nonnenstromberg, zwischen dem Oelberg und der Löwenburg der Lohrberg, welches die höchsten und hervorragendsten Berge sind, welche die Siebenzahl ausmachen. Am weitesten sichtbar sind der Oelberg, die Löwenburg und der Lohrberg. Dennoch wird anstatt des Lohrbergs und des Nonnenstrombergs der Breiberg und der Hemmerich oder anstatt des Lohrbergs der nahe bei demselben gelegene Tränkeberg zu den sieben gezählt“. (5) Die heutige Zusammenstellung der sieben Berge hat sich also erst um die Mitte des 19.Jh. herauskristallisiert. Wie aber kam das Siebengebirge dann zu seinem Namen, wenn man bis dahin nicht einmal wusste, welche Berge zu den heute sieben ausgewählten gehörten?

Vielfach wird behauptet, der Name stamme von der Anzahl der für den von Köln stromauf Reisenden sichtbaren sieben Gipfel. Demnach sollen sich für den aus der niederrheinischen Ebene Kommenden sieben markante Berge gegen den Horizont abheben. Dies trifft von einigen wenigen Punkten durchaus zu, so z.B. von den Steinbrüchen bei Berkum oder vom alten Zoll in Bonn. Doch bei geringem Ortswechsel bereits ändert sich die Zahl, und es bestimmen mehr als sieben oder auch weniger Berge die Silhouette des Siebengebirges. Dies erkannte auch der Godesberger Lehrer Carl Ruckstuhl in seinem 1817 verfassten und Goethe zugedachten Bericht „Ein Tag am Siebengebürg“, als er bemerkte: „Allein das Gebürg erscheint ihm auf jedem Standpunkt in anderer Gestalt und verschiebt seine Gipfel ganz wunderlich“. (6) J.H. Dielhelm sah dies in seiner Rheinstrombeschreibung „Denkwürdiger und nützlicher rheinischer Antiquarius“ 1744 ebenso: „Wandelt man aber in dem Siebengebirge selbst, oder hart daran, so erblickt man der Kuppen viel mehr, und kann außer den fünf, die am mehrsten hervortreten, die sechste und siebente nicht recht herausfinden. Vom Kühkopf bei Coblenz aus gewahrt man indessen nur drei Kuppen“. (7) Wenn also nicht sieben prominente Gipfel den Namen bestimmen und auch der Blick aus der Ferne nicht durchgehend die Siebenzahl erkennen lässt, woher stammt der Name dann? Besteht überhaupt ein Zusammenhang zwischen dem Namen „Siebengebirge“ und der Zahl sieben?

Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die diesen Zusammenhang bestreiten, so u. a. R. Fuchs, 1951 (8), B. Kürten, 1989, (9) und K. Brandt, 2001. (10) Sie sehen das Siebengebirge als das Gebirge der „Siefen“ oder „Siepen“. So nennt man langsam fließende, tröpfelnde Bäche oder Wasserläufe (siefen, siepen = tröpfeln, sickern), von denen das Siebengebirge durchzogen ist. Zwar gibt es im Siebengebirge einige Flurnamen auf „-siefen“, so „Brucksiefen“ „Klappersiefen“, „Keltersiefen“, „Mennesiefen“, „Rottsiefen“, doch finden sich diese Namen nach Dittmaier (11) im gesamten Rheinischen Schiefergebirge und sind nicht typisch für das Siebengebirge. Zudem tragen die bedeutenden Wasserläufe des Siebengebirges nicht die Bezeichnung „siefen“, sondern heißen Heisterbach, Mirbesbach, Mittelbach, Lauterbach, Logebach oder O-bach. E. Heinen weist zu Recht darauf hin, dass bei der Betrachtung des Raumes charakteristisch und auffällig die Berge und „nicht die zwischen ihnen liegenden unscheinbaren Täler sind“. (12) Im übrigen gibt es m. W. keine einzige Textstelle, keine Reisebeschreibung, keine Karte, die vom „Siefengebirge“ spricht.

Doch sucht man auch nach dem Namen „Siebengebirge“ in alten Urkunden, Akten und Karten vor dem Beginn des 19.Jh. vergebens. Auf 18 alten Rheinlaufkarten des 16.-18. Jh., angefangen von der ältesten des Sebastian Münster aus dem Jahre 1544 (13), des Caspar Vopel von 1555, (14) bis zu der des Johann Philipp Steudner von 1790 (15), finden sich für unseren Raum nur die Namen einzelner Berge eingetragen – in nahezu allen Drakenfels/Drakenweltz, Lewenburg/Lowenburg und gelegentlich Wolckeburg/Wolckenburg – jedoch keine anderen und nie die Bezeichnung „Siebengebirge“ zur Benennung der Gesamtlandschaft. Auch im ersten geographischen Handbuch, der „Cosmographia“ des Sebastian Münster, gedruckt 1550 in Basel, und der Topographie des Matthias Merian aus dem Jahre 1646 wird das Siebengebirge namentlich nicht genannt.

Es gibt zwar Autoren, wie E. Weyden (16), K. Simrock (17) oder B. Stürtz (18), die den Namen des Siebengebirges für sehr alt halten, da er als „Setmunt,“ wohl entwickelt aus Septimontanum, bereits in der Literatur des 13. Jh. in Gottfried v. Straßburgs Tristandichtung zu finden sei. O. Jänicke hat in einem Aufsatz „Setmunt in Gottfrieds Tristan“ (19) alle urkundlichen Nachweise von Septimontium, septem montes, Setmunt und Mons Septimus“, die gleichbedeutend verwandt werden, gesammelt und weist nach, dass damit der vom Comersee zum Bodensee führende Septimerpass gemeint ist, der im Mittelalter – neben dem benachbarten Julierpass – bei vielen Kaiserzügen nach Italien benutzt wurde.

Der älteste bisher bekannte Beleg des Namens „Siebengebirge“ stammt aus dem Jahre 1570. In diesem Jahr erschien das erste Rheinbuch des Münsteraner Prälaten Bernhard Moller (Bernardus Mollerus), der ein langes lateinisches Gedicht über das Rheinland verfasste. Der Titel hört sich vielversprechend und hochtrabend zugleich an: „Rhenus et eius descriptio elegans, a primis fontibus usque ad Oceanum Germanicum, ubi Urbes, Castra et Pagi adiacantes, item flumina et rivuli in Hunc influentes “. Er verspricht also eine feine, korrekte Beschreibung des Rheins von den Quellen bis zur Mündung, wo Städte, Burgen und Landschaften angrenzen und Flüsse und Wasserläufe in den Rhein münden. Moller nennt hier zum ersten Mal – soweit bekannt – das Siebengebirge schriftlich mit Namen. Er nennt es Septem Montes, die Sieben Berge. (20)

„Stant procul a dextro septeni limite montes

Altius in quorum vertice castra sedent.

Pars homini colitur necdum descivit ab usu:

Pars homini nescit; monstra fovere solet.

Hic Lemurum formae vulgus terrore fatigant“.

 

In freier Übertragung:

„Zur Rechten des Stromes, ihn begrenzend, ragt ferne das

Siebengebirge.

Höher noch reckt sich empor hoch auf dem Gipfel die Burg.

Einige Hänge bebauen und nutzen fleißige Menschen.

Öde sind andre und wüst, manches Scheusal dort hauset.

Höllischer Spuk plaget mit Schrecken das Volk dort."

 

Es ist unwahrscheinlich, dass Moller den Namen „Sieben Berge“ selbst geprägt hat. Er hat ihn wohl eher in der weiteren Umgebung vorgefunden und ihn kaum von Bewohnern des Siebengebirgsraumes selbst erfahren. Diese verwandten zur Ortsangabe, z. B. bei Pachtverträgen, die Namen einzelner Berge. Für sie bestand kein Anlass, die Einzelberge zu einem Sammelnamen zusammenzufassen. Insofern ist der Sammelname „Siebengebirge“ wohl von außerhalb erfunden worden, von Fremden, die aus der Ferne kommend, die Vielzahl der Gipfel als Einheit, als zusammenhängendes, in sich geschlossenes Ganzes wahrnahmen. Moller selbst ist nicht im Siebengebirge gewesen. Er kannte es nur aus der Distanz oder nur vom Hörensagen. Er bezeichnet die vielkuppige Gebirgslandschaft als Septem Montes, d.h. Sieben Berge, wobei es höchst unwahrscheinlich ist, dass er das Zahlwort „sieben“ mit „siefen“ verwechselt hat.

Für den Fremden war das innere Waldgebiet des Siebengebirges eine gänzlich unbekannte Welt, die, wie Moller beschreibt, die Heimat nachts spukender Gespenster und Scheusale sei, die die Bewohner erschreckten. Die mittelalterlichen Burgruinen waren bis ins 19. Jh. Orte von Sagen, Spuk- und Gespenstergeschichten. So rief u.a. in Anne Radcliffs 1795 in London veröffentlichten Werk: „A journey made in the summer of 1794 through Holland and the Western Frontier of Germany with a Return down the Rhine“, der Anblick des Siebengebirges bei ihr Assoziationen mit „terror“, „horror“, „stupendous precipices of rock“ hervor, also mit Furcht, Schrecken, gähnenden Felsabgründen. (21) J.G. Lang kann in seiner „Reise auf dem Rhein“, Teil II, im Jahre 1790 dem Siebengebirge auch keine Reize abgewinnen: „…währenddem sich mein Auge mit den schwarzen, himmelansteigenden Siebenbergen beschäftigte. Abgesondert von aller menschlichen Gesellschaft möchte ich, dachte ich bei mir, eben da nicht wohnen“. (22) Noch300 Jahre nach Moller behauptet Karl Simrock 1865: „... nach dem Volksglauben des Niederlandes ist das Siebengebirge ein Art Vorhölle, in dem die armen Seelen, die am jüngsten Tag kein gutes Urtheil zu erwarten haben, einstweilen dahin verbannt werden“. (23) Mit seinen Legenden, Hexen und wilden Tieren, mit seiner „schrecklichen Schönheit“, war es eine ängstigende Gegenwelt zur kultivierten Wohnwelt des Rheintals und verlor erst im 19.Jh. mit der Anlage von Wegen sowie der wirtschaftlichen Nutzung der Gesteine diesen Charakter. Für die Rheinreisenden bis Mitte des 18. Jh. war das Siebengebirge lediglich Kulisse, nicht aber Raum, der erwandert, erkundet wurde. Deshalb waren den auf dem Fluss entlang Fahrenden die „Siefen“ des Gebirgsinneren unbekannt. Selbst der Geologe C.W. Nose, der 1789 die Orographie des Siebengebirges detailliert beschrieb, stellte keine „Siefen“ als Charakteristikum des Siebengebirges heraus.

Das älteste bekannte und mit dem Namen „Die Siebenbergen“ gekennzeichnete Bild verdanken wir dem 1607 in Prag geborenen Zeichner Wenzel Hollar. 1627 verließ er seine Heimat und sammelte in Deutschland erste Erfahrungen in Landschaftsskizzen. 1629 unternahm er eine Reise von Straßburg nach Köln, bei der außer anderen auch die Federzeichnung der Ansicht der Burg Drachenfels entstand, die von 1629 datiert ist. 1636 begegnete er in Köln dem englischen Gesandten T. H. Arundel, der in diplomatischer Mission auf dem Weg zu Kaiser Ferdinand II. war und Hollar als Zeichner mit auf die Reise nach Wien und Prag nahm. Auf dieser Reise entlang des Rheins und der Donau entstanden Hollars Hauptwerke als Zeichner. Bonn, den Drachenfels, kannte er bereits von seiner früheren Reise. Er malte sie von neuem aus einer anderen Sicht, trug in die Skizze den Namen „Die Siebenbergen“ ein und signierte seine Zeichnung links unten mit WH 1635.

Bis zum 17. Jh. taucht die Siebengebirgslandschaft in Literatur und Malerei durchgehend unter den Bezeichnungen auf: Die Sieben Bergen, De Sevenbergen (ndl.), Les Sept Montagnes (frzs.), The Seven Mountains oder The Seven Hills (engl.), so u. a. auf einer Karte der Jagdgrenzen der Abtei Siegburg von 1676 unter der Überschrift „sieben Berge“ (24) oder im 1685 in Nürnberg in deutscher Übersetzung gedruckten Reisebericht des englischen Arztes Edward Brown: „Diese Nacht hatten wir unser Verbleib an dem Fuß des Berges/ welcher unter den sieben hohen Bergen am Rheinstrom der Höchste ist“. (25)

Im 1744 in Frankfurt herausgegebenen „Denkwürdiger und nützlicher rheinischer Antiquarius“ lesen wir: „In selbiger Gegend im Herzogthum Bergen, rechter Seits am Rhein, bemerket man das sogenannte Siebengebürge“. (26) Dieser Sammelname Siebengebirge, ebenso wie Sevengebergte, Siebengebürge, setzt sich anstelle des Plurals zunehmend im 18. Jh. durch, dies wohl auch im Zusammenhang mit der Entwicklung einer wissenschaftlichen Terminologie, z.B. der Geologen, für diesen Raum. In etlichen Schriftstücken, auch Karten, wird die Sieben auch als Ziffer aufgezeichnet, so bei P. Gerken (1786) in seinen „Reisen durch die Provinzen des Kurkrayses an Rhein, Mosel und Lahn in den Jahren 1779 – 85 „Gegenüber auf der anderen Seite des Rheins sieht man die vorgedachten 7 Bergen sehr deutlich“.(27)

Das Siebengebirge, die Sieben Berge, dürften als Raumbezeichnung Ende des 17. sowie im 18. Jh. in deutschen Landen, zumindest im Rheinland, durchaus bekannt gewesen sein. So bezeichnete sich der 1690 in Honnef verstorbene Pfarrer und Poeta Laureatus Franz Xaver Trips als „… pastore septimontano in Honneff“, also als Siebengebirgspfarrer. (28) Der Kaufmann und Rechenmeister Gabriel Adrian aus Oberkassel gab sich in seinem 1792 in der kurfürstlichen Hofdruckerei Bonn veröffentlichten zweiteiligen Rechenbuch den fast stolz klingenden Titel: „Der bei den sieben Bergen am Rhein wohnende Rechenmeister Gabriel Adrian“. (29)

Eigenartigerweise finden sich im 17. und 18. Jh. zwei andere Namen für das Siebengebirge: „Rhetico“ oder „Mons Rhetico“, so u.a. 1650 auf deutsch, holländisch und lateinisch beschrifteten Kupferstichen des Holländers Peter Schenk und in der Beschreibung des Siebengebirges von E. Weyden 1837, wenn er feststellt: „Der Mons rhetico, den wir in den Berichten der Feldzüge der Römer zuweilen mit dem Taunus angeführt finden, ist wohl kein andres Gebirge als das unsrige“. (30) Der Name „Bonner Alpen“ in den Vulkanuntersuchungen zum Siebengebirge des schweizer Geologen J.A. de Luc 1790 bringt die bisweilen ins Bizarre gesteigerte Bergwelt des Siebengebirges in der Rheinromantik zum Ausdruck, hielt sich jedoch nicht lange. (31) Dagegen hatte der Name „Mons Rhetico“ fast 200 Jahre lang Bestand. Noch 1831 hielt der Bonner Professor A.B. Minoladie Bezeichnung „Rhetico“ des römischen Geographen P. Mela aus dem 1. Jh. n. Chr. „Montium altissimi Taunus et Rhetico“ als für das Siebengebirge zutreffend.„Rhetico“ - darin stecke das  Wort „Riese“- sei ein hoch aufragendes Gebirge, doch sei auch ein Schreibfehler denkbar, Rhetico statt des gemeinten Rhenico, d.h. Rheingebirge.(32)

Der Name „Septem Montes“ - Sieben Berge - wurde nachweislich vor über 400 Jahren geprägt und hat seit dem 18. Jh. einen Wandel zur Kollektivbezeichnung „Siebengebirge“ erfahren. Wie aber kamen die Menschen gerade auf die Zahl Sieben? Die Ansicht, dass die Bezeichnung „Siebengebirge“ auf die sieben Hauptgipfel hinweist, ist nicht schlüssig, da die heute prominenten sieben in dieser Sammlung erstmals im 19.Jh. zusammengefasst wurden. Die andere Erklärung, dass sich von den über 40 Gipfeln jeweils sieben gegen den Horizont abheben, wenn man von Norden oder Westen kommt, trifft ebenfalls nicht zu.

Von den meisten Standpunkten aus sieht man mehr Kuppen, und dies soll wohl auch mit der Zahl Sieben zum Ausdruck gebracht werden. Die Sieben steht hier stellvertretend für eine größere Menge, sie ist die Zahl der Fülle. Dies ist die Botschaft, die hinter der Zahl steht. Der ägyptische Pharao schaute im Traum sieben fette und sieben magere Kühe und sieben dicke und sieben dünne Ähren. Diese Zahlen kündigen sieben gute und sieben schlechte Jahre an, d.h. jeweils eine Vielzahl an Jahren, je nach Höhe der unterschiedlich ausfallenden Nilhochwasser. Hier ist die „Sieben“ Mengenbegriff, kein Zahlwort. Die griechische Mythologie spricht von sieben Weltwundern, obwohl man deren mehr kannte. Was zu den sieben Weltwundern gezählt wurde, wechselte im Lauf der Geschichte öfter, ihre Anzahl indes bleibt immer bestehen. Unverständliches, Geheimnisvolles ist ein „Buch mit sieben Siegeln“. Es gibt eine Reihe weiterer Beispiele, wo die Sieben das Übermaß anzeigt: die „sieben Schmerzen Mariens“ als Bündelung ihrer Leiden; die Siebenmeilenstiefel der Gebrüder Grimm; das tapfere Schneiderlein, das Sieben auf einen Streich erlegt; die Plejaden, das Siebengestirn am Himmel, das weit mehr Sterne aufweist. Als „Siebenschlau“ werden besserwisserische Menschen bezeichnet; aus dem Struwwelpeter kennen wir „Pack deine Siebensachen“; in „sieben Sprachen schweigen“ heißt überhaupt nichts sagen. In all diesen Beispielen ist die Sieben nicht die mathematisch exakte Zahl, sondern bezeichnet eine größere, nicht genau festgelegte Menge, die mit einem Blick nicht mehr überschaubar ist.

Einen Namensvetter hat das rheinische Siebengebirge unweit Alfeld an der Leine: die „Sieben Berge“, insgesamt neun an der Zahl, die durch über 100 m tiefe Täler voneinander getrennt sind. Die Berge tragen ebenso wie die Täler Einzelnamen, wobei die Täler „Schleihen“, nicht „Siefen“ genannt werden. Ähnlich wie beim Siebengebirge gibt es hier keinen markanten Punkt, von dem aus genau sieben Berge erkennbar sind. Auch hier kann die Zahl Sieben nur den Mengenbegriff bezeichnen.

Dies trifft auch für das Siebengebirge zu. Die Zahl ist nicht wörtlich zu nehmen, sondern als Begriff zu verstehen – wie beim Wort „Siebenstich“ für den Schneider - mit dem das nachfolgende Wort verstärkt wird, um hier eine nicht zu fassende Zahl von Bergkuppen auf engem Raum zu bezeichnen. Dabei wurde der Name „Siebengebirge“ von außen geprägt, nicht von der einheimischen Bevölkerung, die es jedoch geschickt verstand, den geologischen, landschaftsästhetischen und seit dem Befreiungskrieg gegen Napoleon 1813/14 auch patriotischen Ruf des Siebengebirges touristisch bestens zu nutzen.

Literaturangaben

1. Mollerus Bernardus, Rhenus et eius descriptio elegans a primis fontibus usque ad Oceanus

Germanicum, Köln 1570, S. 166

2. C.W. Nose, Orographische Briefe über das Siebengebirge, Frankfurt 1789, S. 13 ff

3. F. Wurzer, Taschenbuch zur Bereisung des Siebengebirges und der benachbarten zum Theil

vulkanischen Gegenden, Köln 1805, 1. Abschn. S. 2

4. E. Weyden, Godesberg- das Siebengebirge und ihre Umgebungen. Bonn 1837, S. 39

5. H. v. Dechen, Geognostische Beschreibung des Siebengebirges am Rhein, Bonn 1852, S.5

6. Theo Hardenberg, „Ein Tag am Siebengebürg“, Ein Bericht von C. Ruckstuhl aus dem Jah-

re 1817, einst Goethe zugedacht. Sonderdruck 13 S., Königswinter o.J.

7. J.H. Dielhelm, Denkwürdiger und nützlicher rheinischer Antiquarius, Frankfurt 1744, Das rechte Rheinufer, S. 1

8. R. Fuchs, Von der ältesten Erwähnung des Siebengebirges und der Deutung seines Namens

in: Heimatblätter des Siegkreises, 19.Jg, 1951, S. 21-24

9. B. Kürten, Kennst Du das Land, wo „Sieben Berge“ steh´n? Köln 1989, S. 10

10. K. Brandt, Das Siebengebirge und seine Geschichte, Bonn 2001, S. 29

11. H. Dittmaier, Rheinische Flurnamen, Bonn 1963

12. E. Heinen, Der Name Siebengebirge, in: Oberhau-Aktuell, Ausgabe August 2002, S. 11

13. Sebastian Münster, Die erst, andere und dritte Tafel des Rheinstroms, Basel 1544

14. Caspar Vopel, Recens et Germana bicornis ac vvidi Rhenei. Köln 1555

15. Johann P. Steudtner, Totius Rheni a fontibus usque as Ostia Novissima Descriptio, Augsburg 1690

16. E. Weyden. a.a.O. S. 38

17. K. Simrock, Das malerische und romantische Rheinland, Bonn 1865, S. 425 ff

18. B. Stürtz, Führer durch das Siebengebirge, Bonn 1893, S. 36 ff

19. O. Jänicke, Setmunt in Gottfrieds Tristan, in: ZS für deutsche Philologie II, 1870,S. 183-85

20. Mollerus Bernardus, a.a.O. S. 166

21. A. Radcliff, A Journey made in the Summer of 1794 through Holland and the Western Frontier of Germany

with a Return down the Rhine, Dublin 1795

22. J.G. Lang, Reise auf dem Rhein, Theil II, von Mainz bis zum Siebengebirge, Frankft. 1789, S. 177

23. K. Simrock, Das malerische und romantische Siebengebirge, Bonn 1865, S. 341

24. Karte der Jagdgrenzen der Abtei Siegburg von 1676, (Delineatico Venationis in vim Cle

mentissime respec. Concessionis et permutationis de Anno 1676) Staatsarchiv Düsseldorf

25. E. Brown, Sehr merkwürdige und Sonderbare Reise, Nürnberg 1685, S. 49

26. J.H. Dielhelm, a.a.O., S. 670

27. P. Gerken, Reisen durch die Provinzen des Kurkrayses an Rhein, Mosel und Lahn in den

Jahren 1779 – 85, Stendal 1786

28. F.X. Trips, Fünfjähriger Aufstand u. das widerspenstige Verhalten der Kölner, Leipzig 1704,

29. Oberkasseler Persönlichkeiten, A. Hansmann, Gabriel Adrian, Nr. 11 Schriftenreihe des

Heimatvereins Oberkassel, 1993, S. 9-19

30. E. Weyden, a.a.O. S. 37

31. Zitiert nach: F. Wurzer, a.a.O. 1. Abschn. S. 1

32. A.B. Minola, Kurze Übersicht dessen, was sich am Rheinstrome Merkwürdiges er-

eignete, Köln 1816

 

Einige Hinweise verdanke ich dem 1975 verstorbenen Königswinterer Heimatforscher

Theo Hardenberg, dessen Andenken dieser Artikel gewidmet ist.

 

Stand Dez.2009

Quelle
Archiv VVS (Foto)
Zur Verfügung gestellt von
Klaus Breuer (Artikel)
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