Aufnahme: 1958

Bericht über das Unglück der Drachenfelsbahn

Im "Echo des Siebengebirges" wurde weiter berichtet:

"Außer in das Krankenhaus in Königswinter wurden die Verunglückten in die Krankenhäuser in Godesberg, Beuel, auf dem Venusberg, nach Oberkassel, in das St. Petruskrankenhaus und in das St. Elisabethhaus in Bonn sowie nach Siegburg gebracht. Am Montag begann man damit, die Familien zusammenzuführen, deren einzelne Mitglieder teilweise in verschiedenen Krankenhäusern untergebracht waren. Eine große Hilfe bei den Bergungsarbeiten waren die Notstromgeräte, die selbst den Strom erzeugen und eine tageshelle Beleuchtung der Unfallstelle ermöglichten. Dazu kamen noch die zahlreichen Handlampen. Viele freiwillige Helfer haben sich gemeldet, u.a. auch für Nachtwachen und dergleichen. Sehr bald wurden Spenden geschickt, Kisten und Körbe mit Obst, Mineralwasser usw. Daß sich unsere Caritas stark einsetzte, ist selbstverständlich. Das Stegerwaldhaus stellte Zimmer zur Verfügung, u.a. auch für die Angehörigen der Verletzten. Aus Wiesbaden kam ein Angebot von Blutkonserven und viele hiesige Bürger stellten sich als Blutspender zur Verfügung. Man  kann schon sagen, daß die Hilfsbereitschaft ebenso groß war wie das Unglück selbst. Die Feuerwehrleute hatten die furchtbare Aufgabe übernommen, die Toten zu bergen. Der Einsatz hier in Königswinter wurde von Sachverständigen, u.a. von Staatsanwalt Dr. Engwitz, dem Leiter des Technischen Hilfswerkes und den anderen als beispielhaft bezeichnet: man habe schon viele gutvorbereitete Uebungen gesehen, aber noch nie ein so vorzügliches Zusammenspiel der Kräfte erlebt, wie es hier im Ernstfalle geschah. Der Montag stand ganz im Zeichen der Trauer: alle öffentlichen Gebäude hatten Halbmast geflaggt, Lustbarkeiten wurden abgesagt, u.a. das Akkordeonkonzert, das für Samstag vorbereitet war und das unsere hiesigen Akkordeonspieler zusammen mit einer holländischen Gruppe durchführen wollten. Am Montagnachmittag um 18.30 Uhr fand eine außerordentliche Ratsherrensitzung statt, in der die Ratsherren als vorläufige Hilfe den Betrag von 10.000,— DM zur Verfügung stellten. Die gleiche Summe wurde von der Leitung der Drachenfelsbahn bereitgestellt. Bürgermeister Reingen machte sich zum Sprecher des Rates und gab der tiefen Erschütterung Ausdruck, die jeder Bürger von Königswinter angesichts dieses Schicksalsschlages empfinde und sprach den Betroffenen im Namen aller die aufrichtigste Teilnahme aus.

Montagvormittag nahmen die Aerzte, die bis 3 Uhr nachts gearbeitet hatten, schon um 6 Uhr ihre Tätigkeit wieder auf. Ebenso wurde alsbald die Einsargung der Toten vorgenommen, die am Abend vorher in die Leichenhalle unseres Friedhofes verbracht worden waren.

An der Unglücksstätte trafen schon in der Frühe Dr. Kolping, der Vorsitzende des Aufsichtsrates der Bergbahnen im Siebengebirge, Regierungspräsident Dr. Rieger, der Katastrophenschutzbeauftragte der Bezirksregierung Dr. Trippel, der Ministerialdirigent Beine, Beauftragter des nordrhein-westfälischen Verkehrsministeriums, und auch Staatsanwalt Dr. Engwitz ein. Ebenso war auch Frau Mehl-Mülhens wieder an der Unglücksstelle, die schon am Sonntagabend hier eingetroffen war. Es ging nun um die Untersuchungen der Ursachen des Unglücks, die sehr sorgfältig und eingehend durchgeführt werden und mehrere Tage benötigen.

Zwischenzeitlich geht aber die Betreuung der Verletzten weiter. Viele von ihnen verloren alles, einschließlich Kleider, Wäsche und Geld. So sind die Helfer und Helferinnen vom Roten Kreuz unermüdlich dabei einzukaufen von dem Geld, das die Stadt Königswinter großzügig zur Verfügung stellt und die Sachen hier und in den anderen Krankenhäusern zu verteilen. Selbst für Spielzeug für die Kinder wird gesorgt. Unermüdlich lenkt und leitet Stadtdirekfor Nierhaus die Hilfsaktionen. Fast pausenlos läuteten in den ersten drei Tagen die Telefone bei der Stadtverwaltung, beim Roten Kreuz, bei der Polizei usw. Und immer wieder Fragen: Wie kann ich helfen? Auch für die Uebernachtung von den zum Teil weit herkommenden Angehörigen der Verletzten wird gesorgt. Um keine Verzögerung irgendwelcher Art aufkommen zu lassen, blieben die städt. Büros auch am Mittwochnachmittag besetzt. Die Stadtverwaltung hat es sich auch zur Aufgabe gemacht, alle notwendigen Urkunden etc. für die Geschädigten zu besorgen.

Am Mittwoch war in der kath. Pfarrkirche ein Seelenamt für die Verstorbenen, an dem alle Angehörigen der Stadtverwaltung, der Stadtvertretung, der Verwaltung und des Personals der Bergbahnen, die Mitglieder unserer Sanitätskolonne, die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr und zahllose Königswinterer Bürger teilnahmen. Die Kirche war so besetzt wie an Sonntagen. Das Totenamt wurde gefeiert von Dr. Zimmermann unter Assistenz der Kapläne Grevels und Bäumel. Dr. Zimmermann stellte seine Ansprache unter das Wort 'Unerforschlich sind Deine Wege'. Man könne nur die Knie beugen, für die Betroffenen beten und den Geprüften helfen, alles tun, um ihre materielle Not zu lindern, und ihnen nach Möglichkeit Trost zu spenden. Darüber hinaus dürfe man dieses eindringliche Mahnzeichen nicht vergessen, gerade in dieser Stadt der Lebensfreude. Über dem Streben nach irdischen Gütern dürfe der Sinn des Lebens nicht vergessen, das Herz nicht nur an Vergängliches gehängt werden. Das große Unglück habe gezeigt, daß jeder Augenblick zum Verhängnis werden kann. Für die Toten und Verletzten bat Dr. Zimmermann um die Gebete der Gläubigen.

Für den Freitag hatte die Stadt Königswinter die Trauerfeier für den verunglückten Heizer der Bahn, Charles Dubois, angesetzt — ein Franzose, der als ehemaliger Kriegsgefangener in Königswinter Heimat und Familie fand. Die Feier soll symbolisch für alle 17 Toten sein, die mittlerweile in ihre Heimatorte übergeführt wurden. Es wurde ein Totenamt gehalten und anschließend erfolgte die Beerdigung auf unserem Friedhof sowie Trauerfeier im Königswinterer Hof. Oberstadtdirektor Dr. Adenauer aus Köln teilte der hiesigen Stadtverwaltung mit, daß zur gleichen Stunde auch in Köln eine Trauerfeier stattfinden wird, da vier der Toten aus Köln sind. Am Sonntag um 18.45 Uhr wird in der evangelischen Pfarrkirche ein Trauergottesdienst zum Gedächtnis der Opfer der Katastrophe am Drachenfels gehalten.

Viele Beileidstelegramme sind inzwischen bei der Bergbahndirektion eingetroffen u.a. von Ministerien, Ländern und politischen Parteien. Kardinal Frings sandte von Lourdes folgendes Telegramm:

Pastor Simons - Königswinter/Rheinland

Den Betroffenen des Unglücks vom Drachenfels und den Hinterbliebenen übermittle innige Teilnahme. Verspreche Gebet an heiliger Stätte.

Kardinal Frings.

Mittlerweile haben sich Vertreter des Ministeriums für Wirtschaft und Verkehr in den verschiedenen Krankenhäusern davon überzeugt, daß alle Verunglückten sich in bester Pflege befinden."

Quelle
Echo des Siebengebirges Nr. 38 vom 20. September 1958
Zur Verfügung gestellt von
Norbert Sternal
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