Aufnahme: 1904(ca.)

Im Restaurantgarten von Kloster Heisterbach

Mit 144 Eimern Wasser gegen den Staub begann es
Die Wiedergeburt des Klosters Heisterbach

Als 1843 im Zuge einer Säkularisation auch die damals 811 Jahre alte Abtei Heisterbach enteignet wurde, muss das für den amtierenden Abt Edmund Verhoven und seine Ordensbrüder wie die Vertreibung aus dem Paradies gewesen sein. Es folgte ein beschämender Ausverkauf sowie der planmäßige Abbruch der großartigen Klosterkirche, von der heute nur noch die arg ramponierte Chorruine steht. Auch die Niederlage Napoleons im Jahre 1813 und der damit verbundene Übergang unserer Heimat an Preußen brachten die Mönche nicht wieder ins Heisterbacher Tal zurück.
Im Gegenteil, 1820 wurde das einstige Abteigelände Eigentum des in Oberkassel wohnenden Grafen zur Lippe. Er gab den Hof in Pacht, baute ein Hotel und errichtete im südlich gelegenen Park ein Mausoleum, wohin er seine verstorbenen Ahnen überführen ließ.

Der Erste Weltkrieg nahm nicht nur viel Glanz von Preußen, er verschob vielfach auch die Besitzverhältnisse. Jedenfalls war es bei Ende des Krieges der Schwestern-Genossenschaft der Cellistinnen aus Köln vergönnt, das Gelände Heisterbach zu erwerben und ab 1919 wieder zum Kloster zu erheben.

Der Anfang war nicht sehr ermutigend. „Mädchen, dir werden die Äugelchen schon nach  noch aufgehen", sagte die Oberin zu einer erwartungsvollen und pikfein gekleideten Schwester der ersten Stunde, als beide vom Mutterhaus Köln in Richtung Siebengebirge fuhren. In der Tat, sie fanden ein ausgebranntes Torgebäude vor, an dem die lebensgroßen Heiligenfiguren St. Bernardus und St. Benediktus mit vom Feuer geschwärzten Gesicht den Besuchern entgegenblickten. Auch in den übrigen Bereichen wirkte vieles vernachlässigt und verfallen.

Im ehemaligen Kapitelsaal der Mönche wurde die Kapelle eingerichtet. Doch vorher mussten aus dem nahen Küchenhof 144 Eimer Wasser herbeigeschleppt werden, um den Raum vom Staub der Zeit zu befreien. Bereits 1920 nahmen die Schwestern den Hof in eigene Regie. Auf der ca. 28 Hektar großen Ackerfläche vor den Toren des Klosters wurden vorwiegend Kartoffeln, Getreide und Rüben angebaut. Ein Gemüsegarten und zahlreiche Obstbäume innerhalb der Mauer sorgten für willkommene Abwechslung auf dem Küchenzettel.

Der wiederaufgenommene Restaurations- und Kurbetrieb stellte immer größere Forderungen an die Wasserversorgung. Eine neue ergiebige Quelle, etwa 100 Meter hinter der Chorruine, löste auch dieses Problem und machte Heisterbach weiterhin vom öffentlichen Versorgungsnetz unabhängig. Die Land- und Viehwirtschaft, anfangs mit 8 Pferden, 20 Kühen, 30 Schweinen und viel Federvieh, hielt Personal und Funktionsschwestern in Trab. Das Hotel mit seinen zahlreiche Gästen fungierte dabei als Goldesel. Ostern 1934 aber gilt als Unglücksdatum. In dieser Nacht nämlich ein Großteil der Stallungen ab.

Gebet und Arbeit mit einem Schuss Humor war das Erfolgsrezept der Ordensfrauen. Gelegentlich schlich sich auch der Ulk ins Klostergelände. So schoben eines Abends angeheiterte Burschen, die aus Heisterbacherrott den Kirmeskerl entwendet hatten, den ausgestopften Lumpenmann am Torgebäude durch ein nur angelehntes Fenster. Ausgerechnet in das Zimmer von zwei schreckhaften weiblichen Kurgästen. Laut schreiend, ohne genau hinzuschauen, rasten die entsetzten Damen zum Hoteldirektor und veranlass ten ihn, mit einigen knüppelbewehrten Helfern dem vermeintlichen Einbrecher auf den Leib zu rücken.

Für eine ganz andere Aufregung sorgten die Nationalsozialisten. Sie spielten mit dem Gedanken, in Heisterbach eine SS-Reitschule einzurichten und das ganze Klostergelände Adolf Hitler zum Geburtstag zu schenken. Der spätere Regierungspräsident von Köln, Dr. Warsch, ein echter Heisterbach-Fan, konnte jedoch durch geschickte Verhandlungen den Plan vereiteln. Dann wurde es dennoch bitterernst, Erste Bombenschäden am Kölner Mutterhaus zwangen die Genossenschaft 1941, in Heisterbach ein Ausweichkrankenhaus einzurichten. 1943 musste auch, das Noviziat dorthin evakuiert werden. Das Kloster am Siebengebirge aber blieb gottlob von größeren Schäden verschont. Aus Dankbarkeit ließen die Schwestern nach Kriegsende eingangs des Parks eine Kapelle errichten.

Immer noch fehlte der eigene Friedhof. Man legte ihn schließlich im östlichen Geländeteil an und vollzog im Dezember 1946 die Einsegnung. Heisterbacher Ordensfrauen, die bereits in Oberdollendorf, Hohenhonnef oder Königswinter beerdigt waren, wurden auf den neuen Klosterfriedhof umgebettet. Eine zunehmend freundliche Zeit realisierte bald Wünsche und Pläne. Mittlerweile war aus dem provisorischen ein selbständiges Krankenhaus geworden. Eine neue, schöne Kirche war 1954 fertig. Es folgten der Neubau eines Novizenhauses sowie An- und Umbauten bei mehreren Gebäuden. Der aufblühenden Landwirtschaft stand längst ein Verwalter vor. Man baute ein umfangreiches Hühnerhaus und betrieb Schweinezucht. Nur die treuen Pferde mussten dran glauben. Ihre Arbeit verrichteten fortan starke Traktoren.

Noch einmal kamen die Bauhandwerker für längere Zeit. Mit einer großen Gemüsehalle und zwei Angestellten-Wohnungen begann es. Mit den schon lange geplanten Bauten von Exerzitienhaus, Wirtschaftsgebäude und Hallenschwimmbad hörte es Ende der sechziger Jahre vorerst auf. In Heisterbach wurde es ruhig, wenn nicht sogar beschaulich.

„Der Mensch denkt, Gott lenkt" - offensichtlich auch im Kloster. Man versuchte den fehlenden deutschen Schwesternnachwuchs durch junge Inderinnen auszugleichen. Es war keine Lösung auf Dauer. Eine zu Ende gehende allgemeine Wohlstandszeit zwang zu .Sparmaßnahmen. Personelle und finanzielle Erwägungen führten dazu, dass man 1976 die Landwirtschaft aufgab, das Vieh verkaufte und die Ländereien verpachtete. Aus ähnlichen Gründen wurde auch aus dem beliebten „St -Bernhard - Krankenhaus" ein Altenheim. Vieles wurde gründlich umgekrempelt, und wer heute nach den ehemaligen Stallungen sucht, findet an gleicher Stelle eine sogenannte Cafeteria, die den Gästen zur Verfügung steht. Situationen aus der Anfangszeit, wo ein Gastpriester als begeisterter Amateurfotograf unterirdische Abwässerkanäle bekroch und dabei ungewollt von oben begossen wurde, weil die Schwestern ihren großen Wäschetag hatten, wird es wohl kaum noch geben.

Das Kloster am Fuße des Petersberges kann die uralte Tradition nicht abschütteln. Man begegnet ihr auf allen Wegen. Und immer ist es die ehemalige Zisterzienserabtei, die zum Nachdenken anregt: Die Chorruine aus dem 13. Jahrhundert, das alte Brauhaus mit der Jahreszahl 1711 oder das Torgebäude des Abtes Mengelberg von 1750. Den Romantikern bietet das Mönchtörchen im Park einen legendären Spruch:

 „Gott ist erhaben über Ort und Zeit. Ich weiß: Ihm ist ein Tag wie tausend Jahr, und tausend Jahre sind ihm wie ein Tag."               
 

Zur Verfügung gestellt von
Friedrich Müller/Winfried Görres Zum Buch: Die Mühlen im Heisterbacher Tal
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