Goldene Hochzeit in Heisterbacherrott.

Abgebildete Personen

Aufnahme: 1924

Goldene Hochzeit in Heisterbacherrott.

Unter dieser Überschrift war am 21. August 1924 in der Oberkasseler Zeitung zu lesen:

Seltene Familienfeste finden auf dem Lande stets einen weit stärkeren Widerhall als in der Stadt. Hier lebt noch der Gedanke des Einsseins, des Mitleidenmüssens und Mitfreuenmüssens aller mit der Trauer und der Freude eines jeden Mitbürgers; erlebt doch die gesamte Bürgerschaft eines Dorfes die Ereignisse im Leben des Einzelnen in ihrer Entwicklung, während der Städter von einer Hochzeit, einem Todesfall oder, was es sonst an bedeutsamen Dingen geben mag, erst dann erfährt, wenn sie als unabänderliche Tatsachen feststehen. Deshalb muß er den Dörfler beneiden, der sich auf die Feier der Goldenen Hochzeit eines Nachbarn so sehr freut, als gelte das Fest dem nächsten Anverwandten.

So wurde in Heisterbacherrott die Goldene Hochzeit der Eheleute Assenmacher zu einem Freudentag für die ganze Gemeinde. Der 16. August sah das Dorf in reichstem Schmuck. Die meisten Häuser hatten Fahnen ausgesteckt, und die Straße, in der das Jubelpaar wohnte, war in einen Weg des Triumphes verwandelt. Wohin das Auge sah, blickte es auf Guirlanden und bunte Fähnchen. Die einmütige Zusammenarbeit der Nachbarn hatte diesen einzigartigen schönen Schmuck zustande gebracht, der mit Recht die Bewunderung aller auswärtigen Besucher erregte. Keine Mühe war ihnen zu groß, keine Zeit zu kostbar gewesen, da es galt, dem ältesten Ehepaar des Ortes den Dank der Gemeinde abzustatten für das gute Beispiel, das es fünf Jahrzehnte lang allen Bewohnern vor Augen stellte. Guirlanden und Fahnen redeten in deutlicher Sprache von dem Gemeinschaftsgeist und dem Familiensinn der Bürger von Heisterbacherrott, und die Anerkennung der Opferwilligkeit all derer, die sich an dem Schmücken der Straßen beteiligt haben, soll auch an dieser Stelle nicht unterlassen werden.

Mit einem feierlichen Hochamt, das um 9 Uhr vormittags in der Rektoratskirche gehalten wurde, begann der denkwürdige Tag. Durch einen Ehrenbogen betraten Jubelbraut und Jubelbräutigam das Gotteshaus, gefolgt von den Anverwandten, der Gemeindevertretung und zahlreichen Mitbürgern. Mit dem Brausen der Orgel und dem jubelnden Singen des Chores stiegen die Dankgebete des greisen Paares zum Himmel empor, von wo Gottes Güte fünfzig Jahre lang auf zwei brave christliche Eheleute herabsah, die fern dem Getriebe der großen Welt still ihre Pflicht taten in seinem Geiste.

Nachdem das Jubelpaar am Morgen beim heiligen Opfer Gott gepriesen hatte für seine Gnade und Hilfe, brachte der Abend des Festtages ihm selbst die wohlverdiente Ehrung. Ein großer Fackelzug bewegte sich gegen 8.30 Uhr durchs Dorf dem Hause der Familie Assenmacher zu. An der Spitze des Zuges gingen die Kinder des Ortes, ihnen folgten: der Gemeinderat, der Männer=Gesang=Verein „Gemütlichkeit“, der Kameradschaftliche Verein, ein Musikkorps, der Junggesellenverein „Frohsinn“, der Turnverein und die übrigen Ortseingesessenen. Jeder Teilnehmer trug einen farbenprächtigen Lampion in der Hand, so daß der Zug, der sich in das ständig abnehmende Abendlicht hineinbewegte, dem Zuschauer ein eigenartig schönes Bild bot. Vor dem reichgeschmückten Hause des Jubelpaares fand ein kleiner Festakt statt; Herr Gemeindevorsteher Lichtenberg sprach den beiden greisen Mitbürgern mit herzlichen Worten die Glückwünsche des Ortes aus und ließ ihnen das von der Gemeinde gestiftete Geschenk, zwei schöne Sessel, überreichen. Ein wohlgelungener Gesangvortrag des M.=G.=V. „Gemütlichkeit" beendete die kurze Feier, die den Auftakt bildete zu einer größeren im Saale des Herrn Gemeindevorstehers Lichtenberg. Dorthin gab der Fackelzug dem Jubelpaar das Ehrengeleit.

Beinahe an dem festlichen Orte angelangt, erlebten Herr und Frau Assenmacher eine neue Ueberraschung. Raketen stiegen knatternd in die Luft und bengalische Flammen ließen einen Teil des Dorfes in zauberhaftem Licht erstrahlen. In dem festlich geschmückten Saale nahmen dann die Festteilnehmer Platz, mitten unter ihnen das Jubelpaar auf den von der Gemeinde gestifteten Sesseln. Ein gold. Kranz umgab das Haupt der Greisin, die sich heute noch einmal wie dereinst vor 50 Jahren als Braut fühlte, an der Seite ihres treuen Ehegemahls, dessen Brust ein goldenes Sträußchen zierte, und mit glücklichem, zufriedenen Lächeln erwarteten beide die neuen Beweise der Liebe und Verehrung, die die Bürgerschaft ihnen jetzt noch entgegenzubringen gedachte. Ein flott gespielter Festmarsch eröffnete die Abendfeier.

Danach ergriff Herr Bürgermeister Liermann das Wort, der den Festteilnehmern in einer kurzen, wohldurchdachten Rede die Bedeutung des festlichen Tages vor die Seele stellte. Die Erinnerung an die 50. Wiederkehr der Stunde, an dem zwei Menschen einander am Altare die Treue schworen zu verantwortungsvoller Lebensgemeinschaft bis zum Tode, so führte er aus, verdiene es, festlich gestaltet zu werden, besonders wenn durch Gottes Fügung und liebreiches Zusammenarbeiten der beiden Ehegatten das eheliche Leben als eine Zeit des Glückes betrachtet werden dürfe. Ein Beweis für das Glück, das in einer Ehe herrsche, sei zweifellos reicher Kindersegen, wie er im Laufe der Jahre dem Ehepaar Assenmacher beschieden wurde. Zu Gottesfurcht und Arbeitsamkeit habe das Jubelpaar seine Kinder erzogen und heute, da ihm ein gemeinsamer Lebensabend beschieden sei, dürfe es den Dank der Gemeinde entgegennehmen, deren gesamte Bürgerschaft mit Stolz und Ehrfurcht zu solchen lebenden Zeugen für den Wert des christlichen Familienlebens emporschaue. Seine kurze, zu Herzen gehende Ansprache schloß er mit einem dreimal donnernden Hoch auf Herrn Andreas und Frau Agnes Assenmacher, und alle Anwesenden stimmten begeistert ein.

Nach der Rede des Herrn Bürgermeisters trug Fräulein Adele Mehren mit feinem Empfinden einen Festprolog vor, und dann folgten eine Reihe Darbietungen, die der Veranstaltung eine ebenso eigenartige wie beachtenswerte Note gaben. Kölner Kinder, die seit kurzer Zeit in Heisterbacherrott zur Erholung weilen, hatten unter der kundigen Leitung der Fürsorgeleiterin Fräulein Moosbach eine Reihe humoristischer Gedichte und Kinderspiele eingeübt, die sie nun zum Vortrag brachten. Jede einzelne ihrer Darbietungen löste stürmischen Beifall aus, besonders da die unverfälschte Kölner Mundart darin oft eine große Rolle spielte. Den kleinen Deklamatoren und Schauspielern sowohl als auch ganz besonders Frl. Moosbach gebührt deshalb der Dank aller derjenigen, die das Glück hatten, an der Feier teilzunehmen.

Auch der M.=G.=V. „Gemütlichkeit“ hat an dem voll befriedigenden Verlauf des Festes einen großen Anteil. „Glückliche Liebe“, „Bin ein= und ausgegangen“ und das hübsche „Dansquiselche" waren die Lieder, mit denen er das Jubelpaar und die übrigen Zuhörer erfreute. Herr Bürgermeister Liermann schenkte den wackeren Sängern warme Worte der Anerkennung. Er freue sich über die glänzenden Leistungen, die von einer guten Schulung aller Stimmen zeugten und wünsche dem M.=G.=V. „Gemütlichkeit“, der sich die ehrenvolle Aufgabe gestellt habe, den deutschen Männergesang zu pflegen, ein weiteres Wachsen, Blühen und Gedeihen. Zur Bekräftigung dieses seines Wunsches brachte er auf den Verein ein donnerndes Hoch aus. Im weiteren Verlaufe des Abends traten nochmals die Kölner Kinder in den Kreis; diesmal war es ein Reigen, womit sie das Fest verschönerten. Auch der Turnverein ließ es sich nicht nehmen, durch einige Darbietungen dem Jubelpaare zu zeigen, daß er teilnehme an der Verehrung, die ihm von allen Seiten zuteil werde. Herr Bürgermeister Liermann sprach den Turnern seine Anerkennung aus für den Eifer, den sie wie immer so auch heute an den Tag gelegt hätten, und trank auf das Wohl ihres Vereins. Gemeinsame Lieder, die man auf Anregung des Herrn Bürgermeisters sang, trugen sehr viel dazu bei, daß sich die Stimmung aller Teilnehmer vom Anfang der Veranstaltung bis zum Schlusse auf einer seltenen Höhe hielt. In edlem Wetteifer suchten alle Teilnehmer dem Jubelpaare eine besondere Ehrung zu erweisen, das Tambourkorps des Turnvereins brachte ihm im Saale ein Ständchen, und der Fähnrich des Junggesellenvereins „Frohsinn", Herr Wilhelm Weber, schwenkte zu seiner Ehre die Fahne. Gegen zwölf Uhr dankte Herr Bürgermeister Liermann im Namen des Festausschusses allen, die zur Verschönerung des Festes beigetragen hatten, insbesondere der Fürsorgeleiterin Frl. Moosbach, den Ortsvereinen und den Kölner Kindern. Kurz darauf verabschiedete sich das Jubelpaar, während die übrigen Festteilnehmer bei einem muntren Tänzchen noch kurze Zeit zusammenblieben.

So ist ein Fest vorübergegangen, das in unsrer Zeit, die so wenige der christlichen Lebensideale verwirklicht, als ein leuchtender Stern erscheint. Eheliche Liebe und Treue im Geiste des Heilandes haben in der Familie Assenmacher fünfzig Jahre lang eine Heimstätte gefunden und sind nicht zuletzt der Grund dafür, daß dem Jubelpaar ein gemeinsamer glücklicher Lebensabend beschieden ist.

Quelle
Oberkasseler Zeitung vom 21. August 1924 (im Archiv der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn)
Zur Verfügung gestellt von
Friedrich Müller (Foto)
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