Aufnahme: 1940
Am Eingang zur Schmiede von Johannes Wilmeroth Ecke Dollendorfer Straße - Adriansberg. Beginn Ortsteil "Untere Wiese"
Der Zank um die Untere Wiese
Von Willi Schmidt
Etwas abgesetzt vom alten Ort Wiese, dem zuweilen größten Dorf im Schulbezirk Thomasberg, liegt entlang der früheren Provinzialstraße, die von Dollendorf nach Oberpleis führt, der Ortsteil „Untere Wiese". (Wiese konkurrierte immer mit Bennert, welches von beiden der größte Ort auf der Strüch wäre). Die Untere Wiese war praktisch die Fortsetzung der Häuserzeile, die in Heisterbacherrott die genannte Provinzialstraße säumte. Eine Grenze war mit dem Verschwinden des Lauterbachs ins Unterirdische optisch nicht mehr auszumachen.
Was Wunder, wenn viele Bewohner der überwiegend noch nicht so alten Häuser im inoffiziellen Ortsteil „Untere Wiese" sich zwischen der von den Strüchern eingeforderten Treue zu den Thomasbergern, zu denen sie kommunalpolitisch gehörten und in deren Schule ihre Kinder gingen, und dem bequem gelegenen benachbarten Heisterbacherrott hin- und hergerissen fühlten. im Alltag machte das meist nichts, wohl aber wenn es um Amt Kirche und Schule ging.
Am 7. März 1932 richteten dis „Eigentümer der Häuser Nr. 32¬39 des „Dorfes Wiese" ein Gesuch an die Bürgermeister von Oberkassel und Oberpleis sowie an den Landrat in Siegburg mit der „Bitte um Eingemeindung in die Zivilgemeinde Heisterbacherrott". Als Gründe führten sie an die Nähe zur Kirche (fünf Minuten statt eine Stunde nach Oberpleis), zur Schule (fünf statt 20 Minuten) und die Tatsache, daß sie Wasser und elektrisches Licht von Heisterbacherrott bekämen und man dortselbst auch die Kirmes mitfeiere. Auch sei das gesamte wirtschaftliche Leben nach dort ausgerichtet. Die Unterschriftenliste wurde von Heinrich Mehren, Haus Nr. 34, angeführt, der als der hartnäckigste Initiator gelten darf. Außer ihm unterschrieben noch Karl Klein (Haus Nr. 36), M. Moll (35), Karl Schwipper (39). F Heisterkamp (36a), Wwe. Hüllen (37), Heinrich Mohr (32 a), Josef Wallau (32) und Julius Wallau (38). Alten Strüchern sind die meisten von ihnen bekannt.
16 Jahre später, 1948, war Heinrich Mehren wiederum der Anführer, diesmal eines erneuten Anschlußbegehrens an Heisterbacherrott. Und so begann 1932 ein „Krieg" zwischen Ortsteilen. Gemeinden, Amtsverwaltungen und ihren Vertretern, der fast 20 Jahre währte.
Im weiteren Schriftwechsel wird erkennbar, daß die angerufenen Stellen die von den Gesuchstellern aufgeführten Gründe durchaus treffend und überzeugend fanden, ausgenommen natürlich Oberpleis. Der Heisterbacherrotter Gemeinderat (lt. An-wesenheitsliste: Henseler, Müllenholz, Rübhausen, Lehmacher und Moll nahm wohlwollend zur Kenntnis, doch die Oberpleiser konterten vehement. Die Kirche würde doch auch ihre „altbewahrten“ Grenzen nicht ändern, und außerdem dürften die Antragsteller ja auch ohne Umgemeindung nach Heisterbacherrott, zur Kirche gehen. Und zur dortigen Schule dürften sie eigentlich auch, da brauche der Regierungspräsident nur eine „gastweise Zuweisung" anzuordnen. Und wenn überhaupt, dann könne man das kleine Heisterbacherrott mit seinen 600 Einwohnern doch sehr viel eher der direkten Nachbargemeinde Oberpleis zuschlagen, dann sei das Problem doch auch viel besser gelöst. Das sah nun das Amt Oberkassel ganz anders, ein derartiges Ansinnen würde in Heisterbacherrott gewaltigen Protest auslösen, schrieb der Bürgermeister von Oberkassel, sicher zu Recht.
Der Schreibekrieg war nun in vollem Gange. Oberpleis verwies zwischendurch auf das Beispiel mit anderen unsinnigen Grenzen", so z. B. in Sonderbusch und Uthweiler, wo die Gemeindegrenzen mitten durch das gemeinsame Dorf gingen, wo man also eher Umgemeindungen vornehmen müsse.
Am 11. 8.1932 teilte die Gemeinde Oberpleis der Kreisverwaltung mit, daß der umstrittene Ortsteil 59 Einwohner habe, darunter elf Schulkinder, zwei Handwerker, sieben Arbeiter, zwei Gewerbetreibende, zwei Invaliden und vier Erwerbslose. So nebenbei wurde dann noch erwähnt, daß die Gemeinde Oberpleis bei 4 458 Einwohnern 150000 RM Schulden habe und mithin auf die 59 Einwohner der Unteren Wiese zusammen ein Gemeindeschuldenanteil von 1985 RM entfiele.
1933 kamen die Nazis. Aber auch bei denen ging das Gerangel um die Untere Wiese zunächst munter weiter. Der von den Nazis kommissarisch eingesetzte Bürgermeister Benkowitz berichtete am 29.7.1933 dem Landrat, daß sich „die neuen Vertretungskörperschaften" mit dieser Frage befaßt und ebenfalls die Umgemeindung der Unteren Wiese nach Heisterbacherrott strikt abgelehnt hätten. Selbst die Kirche, so berichtete Benkowitz, ändere „zu Recht“ ihre Sprengel-Grenzen nicht. Wörtlich fuhr er fort: „Sollte demnächst der geplante Neubau der Kirche in Thomasberg zur Ausführung kommen, so ist auch dieser Einwand gegenstandslos." Und genauso wie die Untere Wiese ihr Wasser aus Heisterbacherrott beziehe, sagte Benkowitz, gebe es ja auch Heisterbacherrotter Häuser, die ihr Wasser von der „Wassergenossenschaft Thomasberg" bekämen. Und das Argument mit der Ortskirmes ziehe überhaupt nicht; auf dem Lande sei es üblich Nachbarkirmes mitzufeiern, die Heisterbacherrotter kämen ja auch zur Oberpleiser Kirmes. In Wahrheit gehe es den Heisterbacherrottern doch nur um den Steinbruch der Firma Adrian, der nicht unerheblich zum Oberpleiser Steueraufkommen beitrage. Man möge bedenken, daß die Arbeiter im dortigen Steinbruch zu 90 % aus dem Oberpleiser Bereich kämen. Die wären alsdann als erste von Entlassung bedroht, wenn es mit dem Basalt mal weniger werde, denn erfahrungsgemäß würden immer zuerst die gemeindefremden Arbeiter entlassen. Wenn jetzt die Brecheranlage zu Heisterbacherrott käme, weil sie in der Fluchtlinie der betroffenen Häuser liege, dann müßte es zwischen den Gemeinden zu einem unerquicklichen Steuerstreit kommen.
Das diesem Bericht zugrunde liegende Protokoll, enthalten in Akte Reg. Kln. Nr. 1181/II, wurde u.a. von den Amtsvertretern Bellinghausen (Bennert) und Büsgen (Wiese) und den Strücher Gemeindevertretern Bellinghausen (Bennert) und Otto (Kuxenberg) unterzeichnet. Damit hatte der Zank ein vorläufiges Ende gefunden. (Der in beiden Gremien vertretene Bellinghausen ist den alten Strüchern besser als „de Auelspittesch Jupp" bekannt).
1948 ging der Zank wieder los. Wiederum war Heinrich Mehren der Anführer, in einer Eingabe an den Regierungspräsidenten wurden die alten Gründe erneut aufgezählt, denn sie waren ja nicht verschwunden. Verstärkend konnte aber jetzt hinzugefügt werden, daß die Kinder von der Unteren Wiese schon seit 1936 die Schule in Heisterbacherrott besuchten und jetzt plötzlich (ab 1. 3. 1948) wieder nach Thomasberg sollten. Und das in einer Zeit, wo sie nichts Wetterfestes zum Anziehen und keine festen Schuhe mehr hätten. „Wie sollen sie da den weiteren Schulweg ohne Schaden bewältigen?" Diese Eingabe wurde von 22 Leuten aus den Häusern Nr. 32-39 mit unterschrieben.
Die Heisterbacherrotter befürworteten dieses Gesuch vom 8. 4. 1948 noch am gleichen Tag in einer Gemeinderatssitzung. Und in einem persönlichen Schreiben vom 6. 4. (!) an Dr. Warsch (Regierungspräsident) trat auch Pfarrer Schürgers dem Anliegen bei.
Am 11. 9. 1948 nahm die Amtsverwaltung Oberpleis Stellung. Sie gab zu, daß das Anliegen der Bewohner der Unteren Wiese (inzwischen 17 Häuser, 79 Erwachsene und 16 Kinder unter 14) verständlich und aus deren Sicht berechtigt erscheine. Die ganze Aufregung würde sich aber legen, wenn die Grundversorgung mit Kleidung und Schuhen sich gegenüber dem katastrophalen Hungerwinter 1947/48 verbessert und damit die weiteren Wege zu Schule und Kirche erträglicher würden.
Am 17. 2.1949 machte das Amt Oberkassel geltend, daß sich inzwischen („unseres Wissens") auch die Kirchenbehörde dem Anliegen durch seelsorgliche Zuteilung der Unteren Wiese zur Rektoratsgemeinde Heisterbacherrott Rechnung getragen habe. Verwiesen wurde dabei auf einen Erlaß der erzbischöflichen Behörde vom 17.10.1948. Daraufhin teilte der Regierungspräsident Dr. Warsch den Oberpleisern mit, daß er dem „Ansuchen ... grundsätzlich sympatisch" gegenüberstehe.
Und jetzt ging es richtig los. Mal besuchten Oberpleiser (Thomasberger) Gemeindevertreter die Bewohner der Unteren Wiese, die dann vielfach ihnen recht gaben und unterschrieben, daß sie bleiben wollten wo sie sind, mal brachte Mehren sie dann wieder auf alten Kurs, kurz gesagt, den meisten von der Unteren Wiese schien es egal zu sein, sie unterschrieben alles und jedem! So behauptete Oberpleis am 27. 7. 1949, daß von 17 Befragten 12 gegen eine Umgemeindung seien und unmißverständlich bekräftigt hätten: „Wir bleiben bei den Strüchem!" Auch habe der Rechtsanwalt Peters vom Buschhof, der jetzt offenbar auch in den Umgemeindungssog geriet, sich telefonisch gegen eine Umgemeindung verwahrt. Wörtlich heißt es: „Lediglich der strenge Winter 1947/48 mit seiner absolut unzureichenden Ver-sorgung mit Kleidungsstücken und Schuhwerk in Verbindung mit der Beschulungsfrage dürfte einem Heißsporn Anlaß gewesen sein..."
Entrüstet wandte sich hiergegen aber ein “Anwohnerschreiben" vom 21.11. 1949 das die Oberpleiser Stimmensammlung als „unsauber und unkorrekt" brandmarkte. In Wirklichkeit seien 22 von 27 Familien für die Umgemeindung. Und auch der Regierungspräsident hatte so seine Zweifel an den Angaben der Oberpleiser, er ließ erneut prüfen.
Drei Mitglieder der Oberpleiser Amtsvertretung zogen also von Haus zu Haus und stellten die Stimmung fest. Oder machten sie welche? Jedenfalls kam hierbei heraus, daß 24 Familien bei Oberpleis bleiben wollten und nur sieben nach Heisterbacherrott. (Man beachte, wie sehr die Gesamtzahlen schwanken).
Am 27. 3. 1950 verlangten die Gesuchsteller von der Unteren Wiese, daß ein Neutraler mit einer erneuten Untersuchung beauftragt werde. Und auch die Presse nahm sich immer mehr dieser Sache an. Sie hatte bald heraus, daß sich der Streit allmählich nur noch auf die Frage bezog, ob Oberpleis Gastschulgeld für die Kinder von der Unteren Wiese an Heisterbacherrott bezahlen müsse und wenn ja, wieviel. Um diese Zeit besuchten 17 Kinder von der Unteren Wiese die Schule in Heisterbacherrott. Und wieder focht Oberpleis mit schwerem Säbel: die Heisterbacherrotter solle man doch nach Oberpleis eingemeinden, dann gäbe es Ruhe.
1951 schlug die Bombe ein! Der Gemeinderat von Oberpleis, des Schulgeldstreites müde, beschloß am 29. 2. 1952, daß Oberpleis den Widerstand gegen eine Umgemeindung der Unteren Wiese nach Heisterbacherrott aufgebe. Als Ausgleich wolle man lediglich, daß die auf Stieldorfer Gebiet liegenden Ortsteile von Sonderbusch und Uthweiler dafür zu Oberpleis kommen. Die Kreisverwaltung gab das an die Regierung in Köln weiter mit dem Bemerken, daß man das alles nicht so ernst nehmen solle, der Beschluß beruhe auf einer reinen momentanen Verärgerung. Inzwischen sei der Gemeinderat wieder davon abgerückt, und zwar bereits einen Monat nach dem ersten Beschluß, exakt am 29.3. 1952!
Und so ließ man alles vorläufig auf sich beruhen. Oberpleis hatte inzwischen größere Sorgen im Thomasberger Bereich. Deren Bewohner verlangten eine Zusammenlegung der Ortschaften ihres Schulbezirks zu einem gemeinsamen Ort namens „Thomasberg". Wenn dem gefolgt würde, würde die Post diesen neuen, größeren Ort ganz dem Postamt Königswinter zuteilen. Und damit würde das Oberpleiser Postamt bedeutungslos, befürchtete man.
Am 29.9.1952 segnete der Kreistag trotz dieser Einwände die beantragte Zusammenlegung der Strücher Dörfer zu einem einheitlichen Ort ab. Sie trat Anfang 1953 in Kraft. Näheres siehe in der Thomasberger Chronik auf Seite 42. ENDE
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