Aufnahme: 1983

Besuch der Partnerstadt Cleethorpes, England vom 9. - 16. 10. 1983

Chor und Orchester auf der Bühne der Central Hall in Grimsby.

Bericht über die zweite Englandreise
 
 Als das Grimsby, Cleethorpes and District Youth Orchestra zum ersten Mal ein Konzert in Königswinter gab, war die Idee schon entstanden, gemeinsam mit diesem Orchester den „Messias“ aufzuführen. Beim ersten Besuch unseres Chores in der Partnerstadt im Jahr 1979 gelang das noch nicht, aber im Oktober 1983 war es endlich so weit.
 
Eine ganze Woche war diesmal für den Besuch eingeplant, alles sollte etwas ruhiger verlaufen als 1979. Die Reiseteilnehmer sollten auch Zeit haben, sich die Partnerstadt und ihre Umgebung anzusehen und auch mal einen Spaziergang am Meer entlang zu machen.
 
Die Vorbereitungen, die ein solches Unternehmen erfordert, waren dank unseres einsatzfreudigen Vorsitzenden und seiner Helfer mit großer Sorgfalt durchgeführt worden.
An dieser Stelle ist auch die Planung und Verwirklichung auf der englischen Seite besonders lobend anzuerkennen. Sowohl Mr. Daniels von der Stadt Cleethorpes, als auch unsere Freunde vom Youth Orchestra, Chairman Arthur Morley und Secretary Tom Weightman hatten hervorragende Arbeit geleistet.
 
Als die Reiseteilnehmer aus unserem Chor und dem aus Niederdollendorf sich am frühen Sonntagmorgen des 9. Oktober in unserer Pfarrkirche zum Reisesegen trafen, waren alle frohgestimmt und gespannt auf das, was da  kommen sollte.

120 Personen verteilten sich in die drei Busse, die uns nach Rotterdam brachten. Dort bestiegen wir die Fähre nach Hull an der Humbermündung. Die Überfahrt dorthin sollte 15 Stunden dauern. Für einige aus unserer Gruppe war das die erste Seereise, der sie mit etwas Bangen und gemischten Gefühlen entgegengesehen hatten. Aber das Meer war ruhig, das Essen gut und die Betten in den Kabinen einigermaßen bequem, und daher waren alle am nächsten Morgen ausgeschlafen und gut gelaunt, als uns Mr. Weightman und Mr. Daniels in Hull vom Schiff abholten. Nach einer knappen Stunde Busfahrt   über die neue Humber-Bridge   waren wir am Ziel in Cleethorpes. Dort dauerte es nicht lange, bis alle in ihre Quartiere gefunden hatten, immerhin wohnten mehr als die Hälfte unserer Reiseteilnehmer privat bei englischen Familien, der Rest in zwei Hotels.
 
Gleich am ersten Abend trafen wir uns wieder zu einer Probe in St. Peter, wo am nächsten Abend das kirchenmusikalische Konzert stattfinden sollte. Es war für den großen Chor in dem Altarraum etwas eng, aber die Herzlichkeit, mit der uns der Reverend willkommen hieß und wie er versuchte, alle unsere Wünsche zu erfüllen, machte alles wieder wett.

Mitten in der Probe ließ im Chor plötzlich jede Konzentration nach, einer nach dem anderen hörte gar auf zu singen! Der Grund? Wir entdeckten plötzlich unseren Präses, Pastor Woelki, am Eingang der Kirche! Er hatte aus beruflichen Gründen nicht mit uns fahren können, konnte es dann aber doch möglich machen und war uns einfach nachgefahren. Niemand hatte davon gewusst, eine echte und schöne Überraschung für unseren Chor!

Der zweite Tag brachte uns nach Lincoln. Viele von uns kannten die Stadt schon von unserem ersten Besuch in England. Trotzdem lockte jeden die Aussicht, in der schönen alten Kathedrale noch einmal zu singen, Auch das Städtchen selbst ist immer einen Besuch wert. Hier wurden schon die ersten Souvenirs gekauft, und einige machten auch einen Besuch in einem Pub. Trotzdem war bei allen eine gewisse Anspannung zu bemerken: Wie würde wohl das Konzert am Abend werden? Würde es gut besucht sein?
Wieder zurück in Cleethorpes „schmissen“ sich alle in ihre Konzertkleidung, und die Nervosität nahm ständig zu. Essen sollten wir vor dem Singen nicht, nun knurrte manchem der Magen, vor Hunger oder aus Angst?
 
Nun, das Konzert wurde ganz gut, wenn es auch zu Anfang einige Unebenheiten gab, die uns allerdings erst später zu Hause, beim Abhören des Tonbandes, so richtig bewusst wurden. Die Zuhörer in der vollbesetzten Kirche jedenfalls dankten uns zum Schluss mit anhaltendem Beifall, und auch unser Chorleiter war mit uns zufrieden.

Anschließend an das Konzert hatte die Stadt uns zu einem Empfang ins Rathaus eingeladen. Viele Reden wurden gehalten, aus allen hörte man die echte Freundschaft heraus, die sich zwischen den englischen Gastgebern und uns in den Jahren seit unserem ersten Besuch entwickelt hat. Wir waren wieder überrascht und beeindruckt von der großen Herzlichkeit und Gastfreundschaft unserer englischen Freunde. Auch finanziell brachte die Stadt Cleethorpes eine Menge für diesen Besuch auf, stellte sie uns doch die Busse zur Verfügung für die Ausflüge und   Fahrten zu den Proben und den Konzerten. An diesem Abend wartete im Rathaus ein reiches Buffet auf uns, dem alle gern und kräftig zusprachen.   Hätte es doch auch mehr Stühle gegeben!!


Für Mittwoch war von der Stadt ein Ausflug nach York für uns arrangiert. Auch dort durften wir in dem architektonisch und akustisch überwältigenden Münster singen. Schon in Lincoln, vor allem  aber hier in York, war es für uns ein besonderes Erlebnis zu erfahren, wie die Töne in den weiten Raum getragen wurden. Keine Anstrengung beim Singen war notwendig, es klang einfach. Es war eine Lust, dort zu singen!
Auch touristisch bietet diese Stadt im Norden Englands viel, zu viel für einen Tag, z. B. das Castle Museum und das weithin bekannte Eisenbahnmuseum, wie auch eine äußerst reizvolle Altstadt.
 
Es war deshalb kein Wunder, dasss alle Sängerinnen und Sänger schon ziemlich müde waren, als sie am Abend  -  direkt von York kommend  -  zu der Generalprobe für den „Messias“ ankamen. Aber es war die einzige Probe, die wir mit den englischen Solisten und dem Orchester hatten. Die Hauptschwierigkeit für unseren Chorleiter war es, den Engländern eine andere Werkauffassung klarzumachen. Sie kennen „ihren“ Händel nur in einem schnelleren, weniger verinnerlichten Tempo, nun mussten sie sich vollkommen umstellen. Der Chor war müde und dementsprechend unkonzentriert. Alles in allem war diese Generalprobe nicht sehr erfreulich, und wäre unser Chorleiter nicht so ruhig und höflich, hätte es vielleicht zuletzt noch eine „Sinfonie mit dem Paukenschlag“ gegeben!. Dieser Knall blieb dank Ludwig Kurenbach zwar aus, aber der Chor war sich seiner schlechten Leistung wohl bewusst, und wir sahen der Aufführung am nächsten Tag doch mit sehr bangen Gefühlen entgegen.
 
Der Donnerstagmorgen war frei zur Erholung, erst am Nachmittag hatten wir eine kurze Ansingprobe, und dann fieberten alle dem Abend entgegen.
 
Als wir uns auf der Bühne der Central Hall in Grimsby aufstellten, war der Saal vollbesetzt. Die festliche Konzertkleidung tat ein Übriges, und alle gaben jetzt ihr Bestes. Es wurde ein voller Erfolg.
Die anfängliche Verkrampfung löste sich schon bald und bereits vor der Pause wurde es ein wirkliches und schönes Miteinander-Musizieren. Ein Beweis dafür war, dass die Solisten, die ihren Part auf Englisch sangen, beim Halleluja in den deutschen Text einstimmten.
Am Ende klatschte das Publikum  begeistert.  Besonders schön für uns aber war es, dass mit die ersten, die applaudierten, die Mitglieder des Orchesters waren. Auch mit der Kritik in der englischen Zeitung durften wir voll und ganz zufrieden sein.
 
Die allgemeine Freude über die gute Aufführung und die Erleichterung, mit einem in England so bekannten und beliebten Werk dort anerkannt zu werden, machte sich nach Beendigung des Konzertes in dem großen Garderobenraum bemerkbar: alle Gesichter waren jetzt gelöst und fröhlich, und wir bedankten uns bei den Solisten mit deutschen Liedern.
 
Leider war es nicht möglich, uns anschließend noch alle irgendwo zusammenzusetzen, wie wir es zu Hause nach Konzerten gewöhnt sind. Das ist in England nicht üblich. Aber auch so ist es für alle sicher noch ein langer Abend geworden. Die große Anspannung war vorbei, jeder von uns war erfüllt mit einem neuen und großartigen Erlebnis, das muss abreagiert werden in ein paar frohen gemeinsamen Stunden.
 
Der ganze Freitag und der Samstagmorgen waren frei von allen Verpflichtungen. Jetzt konnten letzte Reiseandenken gekauft werden, und die Sonne lockte zu einem Spaziergang am Meer entlang. Alle genossen diese letzten Stunden. Bei einigen wurde allerdings am Samstag die Furcht vor der Rückreise über See immer größer, denn nun fegten beachtliche Sturmböen über die Stadt, und als wir schließlich abfuhren nach Hull, begann es, heftig zu regnen.
 
Der Abschied von unseren englischen Freunden war sehr herzlich. Rechte Lust in die Busse zu steigen, hatte niemand, aber  -  einmal musste es ja sein.
 
Wie kann man der Angst vor der Seekrankheit am besten begegnen? Einfach  indem man das stürmische Meer ignoriert und sich zu großer Runde in der Bar des Schiffes zusammensetzt.
Wenn es dann noch zu einem unverhofften Sängerwettstreit mit einem anderen, einem Männerchor, kommt, ist der Abend gerettet, See und Sturm sind nicht mehr so wichtig. Aus dem Wettsingen gingen wir eindeutig als Sieger hervor! Wir saßen noch lange zusammen, bei Seegang und dumpfen Kabinen war an Schlaf ja doch nicht zu denken. Daher verwunderte es niemanden, dass die Stimmung nach der Ankunft in Rotterdam nicht die allerbeste war, als wir feststellen mussten, dass nur ein Bus auf uns wartete! Nach einigen Telefonaten klärte sich alles zum Guten. Alle waren froh, als wir wieder in Thomasberg ankamen, wo unser Präses noch die Sonntagsmesse für uns zelebrierte, nur singen konnten wir nicht mehr richtig, die Stimmen spiegelten die Müdigkeit.
 
Es gibt wohl keinen unserer Reiseteilnehmer, der mit dieser Fahrt nicht vollkommen zufrieden war. Sowohl musikalisch wie auch von der Gemeinschaft her war sie für alle ein Erlebnis geworden, das niemand so schnell vergessen wird.
 
Manche der Freundschaften mit unseren englischen Gastgebern sind vertieft oder neu geknüpft worden, und wir alle freuen uns auf den Gegenbesuch des GCDYO im Herbst nächsten Jahres.

Die Presse Berichtet:

GREAT TREAT  -  IN ANY LANGUAGE
 
 Die deutschen Freunde von Cleethorpes aus Königswinter brachten uns in der Central Hall
in Grimsby ein neues musikalisches Erlebnis
 
Die Aufführung von Händels Messias, die sie uns boten, war völlig verschieden von allem, was englische „Messias“- Freunde gewöhnt sind, und das ergab einen sehr interessanten Abend.
 
Unter ihrem Dirigenten Ludwig Kurenbach gaben die vereinigten Kirchenchöre St. Michael, Niederdollendorf und St. Joseph, Thomasberg eine außerordentlich gediegene und gut vorbereitete Aufführung des großen Werkes. Sie waren eine gut aufeinander abgestimmte Zusammensetzung, mit mehr Männerstimmen, als die meisten englischen Chöre aufweisen können, und sie waren unter der Führung ihres Dirigenten außerordentlich stark.

Dieser überraschte uns dadurch, dass er ein ruhiges Tempo wählte, das merklich langsamer war, als die meisten unserer Dirigenten es wählen würden. Das ergab einen sehr interessanten neuen Gesichtspunkt.

Seltsam genug: die Tatsache, dass der Chor deutsch und die Solisten englisch sangen, schien überhaupt nicht von Bedeutung zu sein; ohne Zweifel wohl deshalb, weil es ein so vertrautes Werk ist.

Die Solisten, Gillian Parker  ( Sopran ), Angela Hartley  ( Alt ), Jeffrey Blewett  ( Tenor )  und David Parker  ( Bass )  boten eine gute Leistung, obwohl man den Eindruck hatte, dass sie, wie auch das Orchester, es schwierig fanden, nicht mit dem Tempo davonzupreschen. Vor allem Herr Blewett, - vielen von uns neu- erwies sich als ausgezeichneter Sänger.

Das Cleethorpeser Kammerorchester wurde von Cyril Schwind geführt. Keith Maers bot eine hervorragende Leistung als Solotrompeter  -  ein wirklich zuverlässiger und tüchtiger Musiker -,  gefolgt von Edgar Zens am Cembalo, Patrick Larley an der Orgel und Andrew Mashall am Cello.

Alles in allem war dieser Besuch aus der Partnerstadt von Cleethorpes ein echter musikalischer Erfolg. Ein Wink für die Zukunft!
  
Übersetzung des Presseberichtes: Hannes Christenn

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