Aufnahme: 1997

Stenzelbergschule

Eltern wollen Lehrer aus eigenen Taschen bezahlen

Personalnot an der Stenzelbergschule in Heisterbacherrott-
Neue Räume, aber keine Pädagogen
Heisterbacherrott: Das hat es so wohl noch nicht gegeben: Die Eltern der Grundschüler an der Stenzelbergschule erwägen, eine Lehrkraft über einen befristeten Zeitraum aus der eigenen Tasche zu finanzieren. Die Personalsituation an der Schule ist für sie nicht mehr tragbar. Zum kommenden Schuljahr steht für die drei ersten Klassen - bisher sind 75 I-Dötzchen angemeldet - nur eine Lehrerin zur Verfügung.

Dass bei den knappen Kassen such in Nordrhein-Westfalen kein Geld für Neueinstellungen bei Lehrern zur Verfügung steht, ist nichts Neues. Aber die Stenzelbergschule ist wirklich hart getroffen: Ein Lehrer hat die Leitung von zwei Klassen. Einer ist pensioniert worden. Eine weitere Kollegin wird versetzt und zwei weitere reduzieren zum kommenden Schuljahr ihre Unterrichtsstunden aus Altersgründen.

Deshalb machen die Eltern mobil und wollen für eine Lehrkraft in die eigene Tasche greifen, wenn die Schulpflegschaft das beschließt - Privatunterricht an einer öffentlichen Schule. „Der Staat ist in der Pflicht. Und dieser Pflicht kommt er nicht nach. Also müssen wir etwas tun", begründet Marc Pletzer, Vorsitzender der Schulpflegschaft. Er hat die Eltern zu einer Versammlung in der nächsten Woche eingeladen und will mit ihnen einen Aktionsplan beschließen. Pletzer schlägt vor, der nordrhein-westfälischen Ministerin für Schule und Weiterbildung, Gabriele Behler, einen Brief zu schicken, gemeinsam mit einer
Unterschriftsliste oder Musterbriefen aller Eltern. In Köln beim Regierungspräsidenten soll demonstriert werden, und auch vor dem Düsseldorfer Landtag wollen die Eltern auf die Situation an ihrer Schule aufmerksam machen. „Wir suchen nach eigenen Wegen, mit denen wir die Schulbehörden wachrütteln wollen", sagt Pletzer. Vorgeschlagen ist auch eine Fragebogenaktion, mit der die jeweilige Lehrersituation im Rhein-Sieg-Kreis ermittelt werden soll. Und dann ist da der Privatlehrer: „Da müssen wir natürlich die Eltern noch fragen und Finanzierungsmöglichkeiten finden", sagt Pletzer. Gedacht ist auch an größere Fir
men als Sponsoren. „Weil an der Bildung gespart wird, müssen solche Dinge heute diskutiert werden."

Karl-Heinz Stangen ist kein Sponsor. Er ist Rektor. Seit mehr als 20 Jahren unterrichtet er an der Stenzelbergschule und um seinen Job ist er nicht gerade zu beneiden. In den letzten zwei Jahren häuften sich die Personalprobleme an seiner Schule. Zwar löschte Schulamtsrat Rudolf Nußbaum schnell und unbürokratisch die schlimmsten Brände. Doch das half nur vorübergehend. Im September 1995 hatte das Schulhalbjahr schon begonnen. Doch die Schüler hatten immer noch keinen offiziellen Stundenplan.

Rektor Stangen muss den Mangel verwalten
Die Personalnot blieb. Drei Monate später streikte die damalige Klasse 3 A, weil sie in wenigen Monaten fünf verschiedene Lehrer vorgesetzt bekam. Das hatte sich sogar bis zum Kölner Sender RTL herumgesprochen. Ein Elternvertreter durfte dann bei Hans Meiser die Probleme der Schule schildern.
Auch heute noch fährt Stangen einen Minimalplan an seiner Schule. Musik, Kunst und Sport ist in allen Klassen reduziert. Förderunterricht für die Kinder von Spätaussiedlern findet gar nicht mehr statt. Hinzu kommt, dass die Schule aus allen Nähten platzt. Wenigstens in diesem Punkt ist bald mit einer Verbesserung zu rechnen, denn eine Erweiterung ist geplant. Die Stadtverwaltung und ein Arbeitskreis der Schule haben dafür schon Vorschläge erarbeitet. Doch was nützen die Räume, wenn keine Lehrer da sind, um darin zu unterrichten.

Quelle
Zeitung Kreis Neuwied 1997
Zur Verfügung gestellt von
Friedrich Müller / Winfried Görres
Räume & Galerien
Presse - Berichte Schule Heisterbacherrott
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