Familienbesuch aus Amerika

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Aufnahme: 2022

Familienbesuch aus Amerika

Bellinghausens bereiten ihrem Verwandten einen großen Bahnhof

Von Hansjürgen Melzer

Königswinter. Die einen schätzen die Nachkommen der „Bellinghausens“ in Amerika auf einige hundert, andere gehen von über tausend Abkömmlingen der Familie auf der anderen Seite des großen Teichs aus, auch wenn diese nicht alle den Namen tragen. Am kommenden Montag kommt es für Gary Frank Bellinghausen, dessen Vorfahren einst auswanderten, zum großen Wiedersehen mit seiner deutschen Verwandtschaft.

Der US-Bürger stattet mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar der Familie in Deutschland einen Besuch ab – und die bereitet den Gästen einen großen Bahnhof. Neben einem umfangreichen dreitägigen Besichtigungsprogramm findet ein Treffen mit rund 25 Familienmitgliedern in der restaurierten Scheune des Bellinghauserhofes statt. Die denkmalgeschützte Scheune von 1700 ist als einziges Element des Gehöfts übrig geblieben, als der Stammsitz der Familie vor über 20 Jahren für den Neubau der ICE-Strecke weichen musste. Allein im Ortsteil Bellinghausen, der seit den 1930er Jahren vom Bellinghauserhof durch die Autobahn getrennt wird, tragen 16 Einwohner diesen Namen. Weitere wohnen in Bellinghauserhohn.

Den Kontakt nach Königswinter knüpfte Gary Frank Bellinghausen vor einigen Monaten über die Virtuelle Heimatmuseen Oberpleis und Heisterbacherrott, wo sich zahlreiche Dokumente zum Bellinghauserhof und der Geschichte der Familie finden. In einem regen Mailaustausch mit Karl-Heinz Bellinghausen (70) erwies sich Gary als Experte in Sachen Ahnenforschung. „Die Amerikaner sind ja geschichtsbewusster als wir“, sagt Karl-Heinz Bellinghausen. Von seinem Cousin siebenten Grades erhielt er mehrere Auszüge aus dem Familienstammbaum, in dem auch aufgeführt ist, wann welche Familienmitglieder einst nach Amerika ausgewandert sind. „In den USA soll es mehr Bellinghausens als bei uns geben“, sagt Franz Bellinghausen (87). Die Internetseite Forebears behauptet etwas anderes: Dort ist zu lesen, dass von den weltweit 1535 Bellinghausens 953 in Deutschland und 508 in den USA leben. Franz Bellinghausen hat die landwirtschaftliche Tradition der Familie mit dem Obsthof Siebengebirge als Einziger mit seiner Frau Resl fortgesetzt. Dort haben mittlerweile seine Kinder und Enkelkinder das Zepter übernommen.   
   
Gary Frank Bellinghausen ist nach seinen eigenen Recherchen der Urenkel von Peter (Pete) Bellinghausen, der 1881 als 23-Jähriger zusammen mit seiner Mutter und seinem Stiefvater nach Amerika übersiedelte. Die Familie fand in Iowa eine neue Heimat. Peters Vater Dominicus Bellinghausen war 1863, bereits fünf Jahre nach Peters Geburt, gestorben. Seine Mutter Anna Helena Eich siedelte dann mit ihrem zweiten Ehemann und den drei Kindern aus der ersten und den vier Kindern aus der zweiten Ehe nach Amerika über. Die sieben Kinder zeugten in der neuen Heimat insgesamt 55 eigene Kinder, sodass sich die Größe der Nachkommenschaft erklären lässt, auch wenn diese in diesem Fall nicht alle den Namen Bellinghausen trugen.

Die große Nachkommenschaft der Bellinghausens lässt sich vielleicht auch durch die Geschichte ihres Stammhofes erklären. Das Gehöft, das möglicherweise bereits im 8. Jahrhundert entstanden war, wurde 1432 durch die Zisterzienserabtei Heisterbach erworben. Die Bellinghausens wurden zur Halfenfamilie und mussten rund die Hälfte ihres Ertrages an den Grundherrn abzugeben. Da nur wenige die hervorgehobene Position des Halfen inne hatten, mussten sich andere Familienmitglieder als einfache Bauern, Knechte, Handwerker oder Tagelöhner ihren Lebensunterhalt verdienen. Dadurch kam es zu Abwanderungen von der Hoffamilie, sodass sich neue Linien der Familie unter anderem in Eudenbach, Hartenberg, Grengelsbitze, Eisbach, Hennef und Uckerath entwickelten. Die Hoffamilie selbst brachte drei Linien hervor, nachdem Johann Bellinghausen (1771-1834) seinen drei Söhnen den Bellinghauserhof, den Henrichshof und den Petteschhof vermachte. Seine Tochter bedachte er außerdem mit dem Weilerhof. Alle Höfe liegen in Bellinghauserhohn und Bellinghauserhof, wie der kleine Ortsteil immer noch heißt. Außer dem Bellinghauserhof stehen alle Höfe noch. Auf dem Petteschhof wuchs Franz Bellinghausen auf, heute wohnt dort seine Tochter Martina. Dazu kam der nicht mehr existierende Auelhof, auf dem Karl-Heinz Bellinghausens Familie lebte.

Nachdem das Kloster Heisterbach und seine Besitzungen Anfang des 19. Jahrhunderts säkularisiert worden waren, machte der preußische Staat 1829 Johann Bellinghausen und seinen Sohn Wilhelm nach einem zunächst geschlossenen Erbpachtvertrag zu neuen Eigentümern. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte dann die Auswanderungswelle nach Amerika ein, wo sich viele Familien eine bessere Zukunft erhofften. Aus gutem Grund. Viele wohlhabende Farmer, Rechtsanwälte, Generaldirektoren und Ingenieure in den USA tragen angeblich den Namen Bellinghausen, wie der General-Anzeiger bereits 1992 berichtete. Damals kämpften „The Bellinghausens“ um ihr Stammhaus, als die Pläne für den Neubau der ICE-Strecke bekannt wurden. Zeugnisse der Vergangenheit dürften nicht zerstört werden, schrieben Familienmitglieder aus Oregon, Arkansas, Texas und Oklahoma damals an den Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes. Bei einer „Bellinghausen Family Reunion“ in Stillwater, an der mehrere hundert Abkömmlinge der Familie teilnahmen, war der Abriss das wichtigste Gesprächsthema. Sogar ein ICE-Logo, das den Schnellzug zeigt, der mitten durch die tausend Jahre alte Farm rast, wurde damals entworfen.

Die Initiative war erfolglos, wie die Geschichte zeigte. Ende 1998 mussten die letzten Bewohner des Bellinghauserhofes, Richard und Gaby Bellinghausen, mit ihren drei Kindern den Hof verlassen. Der Hof wurde abgerissen. Wenige Meter weiter bauten sie auf Kosten der Bahn einen neuen Hof, der aber heute nicht mehr landwirtschaftlich genutzt wird.

„Wir haben uns gegen den Abriss des Bellinghauserhofes mächtig gewehrt. Er war schließlich unsere Wiege“, sagt Franz Bellinghausen. Karl-Heinz Bellinghausen, der sich in der Initiative gegen die Schnellbahnstrecke engagierte, sieht es weniger emotional. „Ich hatte keine emotionale Bindung zu dem Hof. Die erste Variante der Bahn sah eine hohe Brücke über das Gehöft vor. Die wollte aber auch niemand“, meint er.   

Nur die alte Scheune blieb erhalten, bis sie die Bahn vor einigen Jahren an einen Bonner verkaufte, der sie komplett restaurierte und dort zurzeit ein kleines Landwirtschaftsmuseum schafft. Am Montag wird dort das Treffen mit Gary Bellinghausen und seiner Gefolgschaft stattfinden. Franz Bellinghausen hat einen Lichtbildervortrag vorbereitet. Vorher ist ein Besuch im Kloster Heisterbach und eine Rundfahrt im Erntewagen durch die Plantagen geplant. Am Dienstag und Mittwoch steht dann noch Ausflüge zum Drachenfels, Oelberg und Petersberg auf dem Programm. Familienmitglieder, die den Verwandten aus Amerika hautnah erleben wollen und am Montag nicht dabei sein können, sind auch am Dienstag ab 17.30 Uhr in der Gaststätte Bramkamp in Oberpleis herzlich eingeladen. 

 Nur wenige Meter von der späteren A3 entfernt lag der Bellinghauser Hof        Lage des Hofes

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: Mit Genehmigung des General-Anzeiger Ausgabe Samstag/ Sonntag 27/28 August 2022
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