Zu Gast beim Handballverein Motor Schönau

Abgebildete Personen

Aufnahme: 1966 (1)

Zu Gast beim Handballverein Motor Schönau

Ein Reiseteilnehmer berichtet:

In der damals schwierigen Zeit in Deutschland - Mauerbau, Ost-West-Konflikt etc. - bestand zwischen den Handballvereinen Motor Schönau, Chemnitz (damals noch Karl-Marx-Stadt), und dem TuS Thomasberg eine freundschaftliche Verbindung. Eine Fahrt nach Chemnitz wurde geplant. Einige Monate vor der Reise ging Christoph Minten als Initiator und Organisator die Planungen an.

Pfingsten im Jahr 1966 war es dann soweit. Es hatten sich genügend Teilnehmer und Spieler unsererseits zur Teilnahme an dieser Reise gemeldet. Die Abfahrt wurde auf Freitag vor den Pfingstfeiertagen gegen 24.00 Uhr mit eigenen Pkws ab Thomasberger Hof festgelegt. Christoph Minten kontrollierte noch einmal die Pässe der Reiseteilnehmer. Pünktlich wurde gemeinsam im Autokonvoi gestartet.

Bereits kurz vor Limburg/Lahn meldeten sich die Blasen der Teilnehmer, so dass die erste Pinkelpause direkt an einer Autobahnausfahrt eingelegt werden musste. Die vorbeifahrende Polizeistreife hatte allerdings hierfür kein Verständnis, und so heimsten wir uns schon ein Protokoll ein. Die Fahrt begann ja schon gut, dachten die Teilnehmer.

Reiner Kläffgen und ich - die Jüngsten - waren in der Obhut von Christoph Minten. Irgendwann in der Morgendämmerung wachten wir im Auto von Christoph auf. Wir befanden uns bereits im Grenzgebiet Richtung Eisenach. Eine gespenstige und unheimliche Stille umgab uns. Kein Autoverkehr - nichts - nur unser Konvoi. Bald sahen wir die Wachtürme und die Scheinwerfer. Aha - wir waren an der Grenze. Keiner von uns lachte. Bemerkungen wurden unterlassen. Wir waren sozusagen sehr "kusch". Für die meisten von uns war so etwas neu. Nach den Kontrollen durch die Grenzpolizei der DDR und dem erforderlichen Zwangsumtausch - West- gegen Ostmark, im Verhältnis 1:1 - wurden wir von dem ersten Vorsitzenden des Handballvereins Motor Schönau - Hans - an der Grenze abgeholt und nach Chemnitz gelotst. Untergebracht wurden wir für die entsprechenden Tage in einem Blindenheim. Beim Gang durch die Stadt Chemnitz - immer in Begleitung eines Funktionärs - fielen uns insbesondere die über den Straßen angebrachten politischen Hetzparolen gegen die BRD auf. In der Stadt wimmelte es von sogenannten "Blauhemden" (FDJ); denn hier fanden über Pfingsten die Pfingstjugendspiele statt.

Bei der abends stattgefundenen Feier in diesem Blindenheim schlugen wir dann - wie immer - durstmäßig so richtig zu, bis auf einmal kein Bier mehr vorhanden war, so dass wir früher als sonst gewohnt die Zimmer aufsuchen mussten. Am nächsten Tag - und das war für uns ungewöhnlich und neu - mussten wir alle für eine Stunde zum Politunterricht. Allerdings hatte uns Christoph schon vorher entsprechend über unsere Verhaltensweise bei dieser Politstunde instruiert. Es sprach unsererseits nur einer - und das war Christoph.

Das Handballspiel gegen den dortigen Handballverein wurde von unserer Mannschaft hoch gewonnen, so dass wieder ein entsprechender Grund für das anschließende Feiern vorlag. Die Heimreise wurde dann auf Pfingstmontag nach dem Mittagessen festgelegt. Vorher besuchten wir allerdings noch einen Biergarten vor einem Hotel in Chemnitz. Die Frage für uns war: was machen wir mit der Ostmark, die wir beim Zwangsumtausch alle noch hatten, denn gekostet hat uns diese Reise kaum etwas und zu Hause konnte man hiermit nichts anfangen? Natürlich wie immer. Die noch vorhandene Ostmark wurde bei dem oben erwähnten Biergarten in sogenanntes "flüssiges Brot" in Form von Bier, Wein und Sekt umgewandelt. Die an dem Biergarten vorbeieilenden Passanten warfen uns verstohlene Blicke zu, als sie die Tische mit unseren Getränken sahen. Es war schon ein wenig beschämend für uns. Wir hatten uns hierbei allerdings nichts gedacht. Gerne hätte ich die Gedanken der Passanten in diesem Augenblick gelesen.

Noch lange nach dieser Reise wurde über das Erlebte und über die gewonnenen Eindrücke gesprochen und über die Einzelheiten, auf die ich in diesem Bericht nicht eingegangen bin, gelacht.

Zur Verfügung gestellt von
Dietmar Neuhöfer
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